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24.07.2008
Das langsame Sterben der Per...
Gars am Kamp - eZine (6 Beiträge von 2 AutorInnen online)
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Gars am Kamp - eZine: Das langsame Sterben der Peripherie

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Gars am Kamp - eZine - Das langsame Sterben der Peripherie - startblatt - An der Dorfstraße von Tautendorf entlang
Bildquelle: startblatt - An der Dorfstraße von Tautendorf entlang

Ein Dorf-Blues entstanden in Tautendorf

Österreichs Bevölkerung wird älter. Spürbar ist dieses Phänomen längst in den abgelegenen Dörfern jenseits der städtischen Ballungszentren. Während die Konzentration in den Städten eher zunimmt, was sicherlich durch das größere Spektrum an Möglichkeiten bedingt ist, merken die geneigten BesucherInnen abseits vom touristischen Getöse in den ländlichen Erholungsgebieten schnell, dass die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zukunft Österreichs ohne eine drastische Erhöhung der Geburtenrate sehr labil ist.

Da kann auch Sonnenschein über der weiten Landschaft des Waldviertels nicht hinwegtäuschen. Die Häuser und Straßen des Dörfchens Tautendorf wirken wochentags wie ausgestorben. Nichts regt sich. Hie und da wird die Stille durch das knatternde Motorengeräusch eines Traktors oder das Brummens eines LKWs auf der Dorfstraße unterbrochen. Manchmal hebt sich ein Vorhang, um den misstrauischen Blick und das von einem harten Leben in den rauhen Gezeiten des Waldviertels gezeichneten Gesichts preiszugeben. Vergessen scheinen diese Menschen, vergessen diese Häuser. Auch wenn sie vielleicht schon seit Jahrzehnten der zeitlichen Vergänglichkeit trotzen, ihre Felder und die Wälder bewirtschaften, Vieh züchten oder ein kleines Gewerbe betreiben. Und weniger werden sie von Jahr zu Jahr. Die Jungen wandern ab, die Alten sterben. Wer oder was wird hier in einigen Jahren noch da sein – regelmäßig, nicht nur an den Feiertagen und zu Ferienzeiten? Wer wird sich um die Felder, Wälder, Tiere kümmern, wenn alle in der Stadt sind, es besser haben? Einen Metallbaubetrieb gibt es noch und den schon seit mehreren Jahrzehnten? Wie lange wird er aber noch bleiben? Und die Wirtshäuser? Was wird aus Ihnen, wenn die Bevölkerung schwindet? Werden die Wander- und Radwege Ihnen dann die fehlenden Gäste zuführen?

Eine Schule gibt es in Tautendorf keine mehr. Genau sowenig wie eine Post oder eine Sparkasse oder einen Arzt. Nur Kirche und Freiwillige Feuerwehr und Lagerhaus erinnern daran, dass hier einmal mehr war als eine Katastralgemeinde. Mitverwaltet wird man nun. Deshalb gibt es einen Ortsvorsteher statt einem Bürgermeister. Gepflegt wirkt trotzdem alles: die Bürgersteige, die Kirche, die Häuser, die Grünflächen, die Dorfstraße, das Kriegerdenkmal. Doch wer pflegt die Menschen von Tautendorf, wenn sie es brauchen werden. Werden die Kranken und Hilfsbedürftigen dann auch ihr Zuhause verlassen müssen?

Die Konsequenzen des Gebärstreiks der Frauen machen sich bereits bemerkbar – zwar noch leise und über das Hinterland der Ballungszentren. Dort wo das Leben fast ausschließlich auf Subsistenz gerichtet ist. Auf einige wenige wird sich hier in Zukunft diese Versorgungsleistung konzentrieren oder die Abhängigkeit von anderen Regionen Europas oder der Welt wird steigen, um die Grundbedürfnisse des Menschen stillen zu können. Beunruhigend ist irgendwie die Vorstellung, was sein könnte und wird, wenn der Rückgang der Geburtenrate und die Landflucht weiter fortschreitet, nicht nur hier sondern auch in anderen Regionen Österreichs, Europas, der westlichen Welt. Ein Streben der Dörfer in ökologisch sensiblen Regionen.

Kann das durch die Zuwanderung in die großstädtischen Agglomerationen jemals ausgeglichen werden? Aller Wahrscheinlichkeit nicht, wenn man Länder mit vergleichbaren Problemen der Überalterung zu Rate zieht. Zum Beispiel in Japan hat sich gezeigt, dass sich kein Babyboom durch die Konzentrationstendenzen in Städten eingestellt hat. Im Gegenteil. Gross-Tokio hat nach Angaben des Nationalen Instituts für Bevölkerungsforschung zwischen 1980 und 2000 die niedrigste Fruchtbarkeitsrate des Landes ausgewiesen1. Ein Hauptmotiv für die geringe Kinderzahl in den städtischen Verhältnissen ist ökonomischer Natur. Denn die Kosten, die durch Kinder induziert werden, steigen kontinuierlich. In Japan mittlerweile sogar stärker als die Haushaltseinkommen. Und die Differenz kann nicht einmal mehr durch die Kinderzulagen ausgeglichen werden.

Was wiederum dazu führt, dass Frauen berufstätig werden müssen, um sich Kinder überhaupt leisten zu können und wenn sie einmal berufstätig sind, können sie nicht ohne ökonomische und soziale Einbußen wieder aufhören. Das gilt für Japan wie für Österreich gleichermaßen und ist ein Teufelskreis für die Zukunft jedes Landes, der nicht ohne einen durchgreifenden Kurswechsel in der Frauen- und der Bevölkerungspolitik durchbrochen werden kann. Auch wenn ein solcher Kurswechsel bereist heute logisch nahe liegt, ist er nicht selbstverständlich. Denn der Teufelskreis wird in der Regel gerade durch den demographischen Wandel noch verstärkt. Denn innenpolitisch ist die Konsequenz, dass Parteien und Politiker, die für den status quo eintreten, größere Chancen haben als Reformkräfte. Ob Regierungsbank oder Opposition – die älter werdende Bevölkerung konserviert bzw. verstärkt eher die bestehende Struktur, denn sie unter gravierenden Einschnitten und zu Gunsten einer nachfolgenden Generation zu verändern. Die Angst, dass alles (noch) schlechter werden könnte, lässt um den eigenen Überlebenswillen erstarren und verstärkt noch zusätzlich bestehende strukturelle Schwächen. Die alternde Gesellschaft schmälert in der Regel die Nachfrage, vor allem bei den dauerhaften Konsumgütern. Der Effekt: die wirtschaftliche Entwicklung wird gebremst, begleitet von einer Erhöhung des Drucks auf die junge Bevölkerung, die Folgen dieses Handelns zu tragen.


1 Japan leidet unter Kindermangel. Neue Züricher Zeitung. 9./10. Februar 2008. S. 6.


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