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24.07.2008
Leben & Sterben
Horn - eZine (37 Beiträge von 3 AutorInnen online)
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Horn - eZine: Leben & Sterben

Channel: Kultur/Medien
Kommentare: 5
Horn - eZine - Leben & Sterben - iskarioth - Unsicherheit.
Bildquelle: iskarioth - Unsicherheit.

Stellt sich die Frage: Was ist Leben?

Ganz empiristisch gesehn wohl die Zeitspanne vom Moment der Geburt bis zur Sekunde seines Todes. Wenn das aber Leben ist, wo ist der Unterschied zum Sterben? Sterben ist nicht die “Tätigkeit”, das Geschehen beim Eintreten des Todes. Es gibt kein “Wann sterbe ich?” oder “In 6 Monaten werde ich sterben”. Das Sterben an sich ist die Zeitspanne vom kommen sein in diese Welt bis zum unwiderruflichen gehn. Wir sterben alle. Nicht irgendwann, nicht an einem zufälligen Zeitpunkt, nein, jetzt, genau in dieser und jeder Sekunde sterben wir.

Ich fühle mich umgeben von Sterbenden. Vielleicht auch hauptsächlich Gestorbenen. Sie sind um mich, in dem Boden, auf dem ich mich bewege, sie sehn auf mich herab. Gleichzeitig ich auf sie. Zombies! Heuchler, die ihr auch noch wagt zu behaupten ihr lebtet! Ich beuge mich übers Wasser und sehe: Ich bin dergleichen! Wer bin ich, der es wagt, zu schimpfen? Leichen, die auf Erden wandeln, Leiche selbst, wofür? Was bin ich – schon?

Man kann nicht viel über das Leben/Sterben sagen. Man sei. Und: Das ganze Leben eines jeden steuert zwingend auf eine Katastrophe zu. Unvermeidbar und sicher. Die große Tragödie des Lebens. Die Menschen haben trotzdem Hoffnungen und Ängste, sogar Träume. Sie ignorieren das Wahre, sie leben ohne Bewusstsein dessen.

Das alles ist doch sinnlos! Gott gab uns freien Willen, jetzt sind wir verwirrt. Und im Grunde auch noch Tiere. Es mag mir scheinen, als ob ich zu entscheiden zu hätte, nur habe ich das? Resultieren nicht gerade meine Entscheidungen und Antworten aus Erfahrungen, die ich machte, die alle durch meine Realitätsfilter im Hirn mit Emotionen belegt wurden, welche mir genetisch mitgegeben wurden? Ich sitze im Kerker meiner selbst und traue mir kein Wort mehr. Keinen Gedanken. Ich bin nicht nur trost-, sinn-, oder hoffnungslos, ich bin “los”!

Unsicherheit ist der Grund und Boden für alle Hoffnung und Angst, der Zweifel ihr Werkzeug. Man hängt der Illusion nach es könnte sich was ändern, sukrilerweise wollen sich Menschen sogar einfriern lassen, wie ein Frosch im Winterschlaf. Und so lebt der Drang auf, dieser Tragödie ein Happy End zu verschaffen und alles glücklich ausgehen zu lassen. Das ist Unrecht.

Ich hab genug! Ich will hier raus, weg von dem Unheil, dieser Leere. Auferstandener, ich will dir folgen! Gib mir! Gib mir! Gib mir meine Flügel! 6000 Tage im Feuer reichen, ich will nach Haus! Heimweh plägt mich, schmerzt. Habt ihr die Sache mit dem Fegefeuer falsch verstanden oder wollt ihr Ihm nicht in die Augen sehen. Hier ist das Fegefeuer! Hier sterben wir, Tag und Jahr! Was muss ich abbüßen, so lange hier zu sitzen? Das Leben ist eine Dusche, mal heiß, mal kalt. Man wird abgebrüht und erkaltet. (vgl. TOOL 2006[1])

“Halleluja.
Es ist Zeit für mich zu gehn” (TOOL 20061)

1 Interpret: Tool, Album: 10,000 Days (2006), Titel: Wings (Teil 2), Quelle: www.azlyrics.com, freie Übersetzung des Liedtextes

(5) Kommentare zum Beitrag "Leben & Sterben"

RE: Leben & Sterben

Der Beitrag enthält – ganz besonders in den „kursiv“ gedruckten Abschnitten sehr gute (und gut formulierte) Gedanken, die – wie der ganze Beitrag – weit in die sehr unterschiedlichen Ausprägungen der Existenzphilosophie eindringen.

Zwei Bemerkungen: man kann eigentlich nicht davon sprechen, dass das ganze Leben auf eine Katastrophe zusteuert. Ich möchte dazu ganz bewusst nicht die Religion ins Spiel bringen. Wesentlich ist, dass etwas was vorbestimmt ist, keine Katastrophe, sondern ganz einfach eine gegebene Selbstverständlichkeit ist. Auch wenn der Ursprung des Wortes griechisch etwa soviel wie „Niedergang erleiden“ bedeutet, ist die „Katastrophe“ doch ein subjektiver Begriff, was ja auch im Beitrag zum Ausdruck kommt: „Die Menschen haben trotzdem Hoffnungen und Ängste, sogar Träume.“ Philosophisch gesehen sind Gegebenheiten aber keine Katastrophen.

„Gott gab uns freien Willen“: ich bezweifele sehr, dass wir wirklich einen freien Willen haben. Neuere Kenntnisse der Hirnvorgänge lassen auf eine gewisse Determiniertheit schließen – aber auch dem haben Sie in Ihrem Beitrag teilweise Rechnung getragen (nämlich, dass die Realitätsfilter im Hirn genetisch mitgegeben werden). Wie bei allen genetischen Anlagen spielt es jedoch eine wesentliche Rolle, wie man mit diesen Anlagen umgeht und Sie haben natürlich recht, dass Entscheidungen und Antworten aus Erfahrungen resultieren. Dabei ergibt sich jedoch folgendes Problem: genetische Anlagen können zwar durch Erfahrungen überspielt werden (was in gewissem Sinne die Determiniertheit verneinen würde), was wir jedoch nicht wissen ist, ob nicht auch unsere Erfahrungen (und daraus resultierende Antworten) gerade durch die genetische Veranlagung – nicht des einzelnen Individuums, sondern der gesamten Species Mensch – „Determiniertheit“ bedeuten.

(Die „Igler Reflexe“)

RE: Leben & Sterben

Sg. Rhomberg!

Natürlich ist die Definition von Tod als Katastrophe eher schlecht gewählt, nur gefiel mir die Formulierung dessen, physisch gesehn, im Sinne: das Leben ist seiner selbst Sinn ist der Tod die Katastrophe, der Niedergang wohl treffender. Philosophisch schließe ich mich Ihrer Meinung an: Solange ich lebe ist der Tod fern, ist er dann da, lebe ich nicht mehr.

Ich hege aber noch die Hoffnung, der freie Wille ist die Instanz, die darüber entscheiden kann und peinlicherweise auch muss, ob man die Situation, in die man hineingeboren wurde, positiv oder negativ sieht. Aber auch die Hoffnung könnte bröckeln.

iskarioth

RE: Leben & Sterben

Sg. Iskarioth,

gerade wie Sie es in Ihrem vorangegangenen Kommentar ausdrücken (solange ich lebe ist der Tod fern, ist er dann da, lebe ich nicht mehr), nährt natürlich bei mir wieder Zweifel an meiner Verneinung der Determiniertheit. Scheinbar habe ich ja die Willensfreiheit, mich selbst umzubringen, dass wäre dann ein freier Willensakt. Trotzdem könnte ich auch so argumentieren: vielleicht ist die Entscheidung, sich selbst umzubringen eine Art „Programmfehler“, der diesmal nicht die species Mensch, sondern einem speziellen Individuum dieser species genetisch (bzw. durch eine höhere Instanz) mitgegeben ist – dann wäre die Determiniertheit wieder gegeben. Je länger ich darüber nachdenke, desto eher kommen natürlich Zweifel an allem – das ist jener Punkt, bei dem ich in einem meiner letzten Beiträge sagte, dass die Philosophie keine „Lebensberatung“ ist …und man durch sie nie zu einer letzten Wahrheit kommt. Eine gewisse Hoffnung ist allerdings auch bei mir vorhanden.

(Igler Reflexe)

RE: Leben & Sterben

Sg.Iskarioth,

in meinem eben sendeten Kommentar muss es natürlich “Meinung der Determiniertheit” statt “Verneinung” heißen, sonst hätte mein Kommentar wenig Sinn.

(Igler Reflexe)

RE: Leben & Sterben

Sg Rhomberg, Damit schließt sich der Kreis. Ich will noch die Hoffnung betonen, den Zweifel, der uns beide dazu treibt, überhaupt noch solche Themen anzuschneiden. Glücklicherweise, denn sie wirft alle getätigten Gedanken über den Haufen. Fast wage ich zu glauben, wenn nicht schon zu beten, dass sie einer der Zentralen Pfeiler des Sinngebildes sein könnte. Die Hoffnung und der Zweifel scheinen mir genauso sicher wie meine Existenz.

iskarioth


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