
Zum Innsbruck-startblatt
Innsbruck - Point of View: DON’T WALK TOO FAR – das Lucerne Jazz Orchestra
Bildquelle: (c) SR DRS, United Records
Zugegeben, der Rezensent war zunächst voreingenommen moderne Big Bands zu kommentieren – Erinnerungen an die „wirklich Großen“ der Swing-Ära (Duke Ellington, Sten Kenton, Count Basie) hatten den qualitativen Abstieg moderner Big Bands allzu deutlich gemacht – der Rezensent hat sich geirrt: Das erst vor zwei Jahren gegründete Lucerne Jazz Orchestra gehört schon jetzt zu den „Großen“ unserer Zeit.
Worauf beruhte der Abstieg der Big Bands nach dem zweiten Weltkrieg? Viele Orchester waren Rundfunk- oder Fernsehorchester bei denen echter Jazz in dem Maße schwand, als Unterhaltung zunehmend im Vordergrund stehen musste. Ferner gab und gibt es die vielen Amateur-Jazzbands, bei denen Freude am Jazz durchaus im Vordergrund steht, jedoch die solide Beherrschung der Instrumente und eigenständige Kompositionen oft fehlen.
Doch zurück zum Lucerne Jazz Orchestra (LJO): hier fehlt nichts was das mitreißende Klangerlebnis dieser modernen Big Band-Jazzformation beeinträchtigen könnte. Die 19 Mitglieder des Ensembles unter der Leitung von David Grottschreiber sind hervorragend ausgebildete Musiker, denen frau/man die Freude an guter Musik anmerkt und die mit ihrem Debutalbum Dont’walk too far eine neue Art von Big Band-Jazz vorstellen, der keine Wünsche übrig lässt. Ob im satten, gepflegten Bigband-Sound oder als Rahmen abwechslungsreicher Instrumental-Improvisationen1, stets steht die anspruchsvolle Gestaltung der von 4 Mitgliedern des Ensembles komponierten, oft etwas melancholischen Werke im Mittelpunkt. Die Musik des LJO ist kein „fröhlicher“, aggressiver nach Effekten heischender Jazz – das hat das Ensemble nicht notwändig. Gerade die heute nicht hoch genug einzuschätzende Eigenständig und die kompositorische Qualität hat den Rezensenten überzeugt. Es ist an dieser Stelle auch nicht erforderlich, einzelne Musiker besonders hervorzuheben. Auch die von ihrer Stimme her noch nicht als „prägende“ Vokalistin zu bezeichnende Karin Meier singt den von ihr komponierten Titel „Don’t walk too far“ (arrangiert von David Grottschreiber) so berührend musikalisch, dass der Rezensent die Komposition immer wieder anhören wollte.
Eine schönes Debutalbum, welches das zusammenfasst, was das LJO in den letzten zwei Jahren erarbeitet hat. Bei zahlreichen erfolgreichen Auftritten – nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland, Österreich und Tschechien hat das Ensemble Jazzliebhaber bereits überzeugt.
1 inwieweit es sich bei Instrumentalimprovisationen um echte Augenblicks-Improvisationen handelt ist unerheblich, die berühmtesten Ensembles hatten zu jeder Zeit ihre Improvisationen zumindest bei Konzertauftritten oder Tonträgereinspielungen bereits notiert oder auswendig gelernt. Leider muss festgestellt werden, dass die Improvisationskunst – anders als in den USA – an europäischen Musikhochschulen eher stiefmütterlich behandelt wird. Bei den fast kammermusikalischen Kompositionen des Lucerne Jazz Orchestra kann sich der Rezensent nicht vorstellen, dass bei der kompositorischen Dichte überhaupt viel Platz für freie Improvisation bestünde. Ausschlaggebend für die Beurteilung des LJO ist, dass ihre Spielweise nie „überarrangiert“ oder gekünstelt wirkt.
Publikationen zum Beitrag
LUCERNE JAZZ ORCHESTRA „don’t walk too far“ (Veröffentlichung: 13. November 2009)
SR DRS, LC 00817
Unit Record UTR-4236
Vertrieb-D: JaKla
Vertrieb-A: Extraplatte
Webseiten zum Beitrag
am 30.04.2010 17:31








