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24.07.2008
donaufestival 08: angst obse...
Krems an der Donau - eZine (8 Beiträge von 3 AutorInnen online)
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Krems an der Donau - eZine: donaufestival 08: angst obsession beauty

Krems an der Donau - eZine - donaufestival 08: angst obsession beauty - ottothezombie.de -  Bruce LaBruce; Otto: or Up With Dead People
Bildquelle: ottothezombie.de - Bruce LaBruce; Otto: or Up With Dead People

“Die innere Erfahrung mit der Erotik verlangt von dem, der sie macht, eine nicht weniger große Sensibilität für die Angst, die das Verbot begründet, wie für das Verlangen, das zu seiner Übertretung führt.” (Georges Bataille, „Die Erotik”)

Das düster strahlende geistige Umfeld des französischen Surrealismus im 20. Jahrhundert des vergangenen Jahrtausends erscheint im fahlen Nebel der Betrachtung durch das heutige Auge wie ein einziges Manifest einer Poetik der Angst: Ekel, Schrecken, Hysterie, Obsession, Wahnsinn, die Abgründe menschlicher Existenz als Initiationsmomente für eine bedingungslose Ästhetik von Wahrhaftigkeit und abgründiger Schönheit.

Dieses Kunstwollen und Kunstdenken hat für zahlreiche KünstlerInnen unserer Zeit, die sich abseits des Mainstream bewegen und sich beschönender, sinnbefreiter musealer Staatskunstrituale verweigern, nichts an Sogwirkung verloren. Das donaufestival 08 wird sich in sieben Tagen sehr subjektiv einer zeitgenössischen „Poetik der Angst“ verschreiben, ohne Anspruch auf Vollständigkeit in der Annäherung an dieses große Thema anzumelden. Mehrere Themenstränge leiten sich von der Grundidee ab, die sich alle am Schluss in einem inhaltlichen Beziehungsgeflecht organisch vereinen, obwohl sie von unterschiedlichsten Ansätzen kommend, auch verschiedenste mediale Hilfswerkzeuge einsetzen und teils gegensätzliche ästhetische Sprachen sprechen.

Die Poetik der Angst oder der Tabubruch als moralischer Akt

Woche 1 (24.4. – 26..4.)

Rund um zwei dunkle performative Sonnensysteme dehnt sich die erste Mikrogalaxie der „Poetik der Angst“ aus: „CHEAP BLACKY“, die erste Theaterarbeit des kanadischen Kultfilmers Bruce LaBruce und die Uraufführung von „Satan Mozart Moratorium“ des österreichischen Underground-Filmemachers Paul Poet im Verbund mit dem französischen Radikalperformer Jean Louis Costes und seinem Ensemble Opera pornosocial.

Costes´ Kunstexkurse in die Welt von Exzess und Pornografie, die sich durch seine vielfältigen Betätigungsfelder als Performance-Künstler, Filmschauspieler, Sänger und Literat (zu seinen berühmtesten Bewunderern zählt übrigens Michel Houellebecq!) ziehen, sind im Sinne der Batailleschen Denktradition des Obszönen weitergedachte Aktionen, radikal in ihrem gesellschaftlichen Ansatz und gleichermaßen aufklärerisch kathartisch in ihrem Wollen. In Paul Poets neuem Werk wird Costes mithelfen, den Mythos der Hochkultur des Abendlandes anhand von Mozarts Kinderoper „Bastien & Bastienne“ zu dekonstruieren.

Ähnlich drastisch nimmt sich auch die Queercore und Queer-Cinema Legende Bruce LaBruce gesellschaftspolitischer Themen an. Seine erste Theaterarbeit fusioniert thematische Stränge aus Filmen von Rainer Werner Fassbinder, John Huston, Joseph Losey und Pier Paolo Pasolini, in denen gesellschaftliche Kleinstrukturen, Familien, durch einen Eindringling angegriffen und aus dem Lot geworfen werden; bis hin zu spiritueller und sexueller Transformation der Familienmitglieder und letztlich bis hin zu anarchischer Auflösung repressiver Strukturen.

Vor diesem gedanklichen Hintergrund wird auch zum poetischen Angriff auf den Malestream, die gesellschaftliche Leitbilder-Fabrik einer männerdominierten Gesellschaft, geblasen, der sich als weiterer thematischer Faden durch das Festival zieht, am 25.4. – quasi als Hommage an Bruce LaBruces Werk – jedoch seinen Höhepunkt erfährt: Neben Ann Liv Youngs furiosem Nackttanzritual, das die Männerprojektion einer Barbiepuppen-Welt zertrümmert und so etwas wie eine Utopie einer Welt aus weiblicher Sicht schafft und der CD-Präsentation von Gustav mit der Trachtenkapelle Dürnstein (!), erwarten uns queerer Elektro-Trash mit HipHop-Gestus von Bunny Rabbit, die unendlich traurigen Balladen des Quiet-Noise-Aktivisten Scott Matthew (der unter anderem auch musikalisch wie schauspielerisch in Cameron Mitchells Film „Shortbus“ mitwirkte), die Gay-Church-Folk-Sause mit The Hidden Cameras samt Münchner Fußballchor Initiative Mehmet Scholl!) und die Fusion zweier Clubs: FMqueer und H.A.P.P.Y, die mit „Queers Of The Stoneage“ Party, politische Botschaft und Performance verbinden.

Der Tabubruch als moralischer Akt, wie Georges Bataille ihn einst proklamiert hatte, ist auch ein wesentliches inhaltliches Anliegen eines Teils der performativen Bildenden Kunst, die gerne unter dem etwas platten Label der „Bodyart“ subsumiert wird. In Auftritt und Erscheinung scheint einer ihrer prominentesten Vertreter, Ron Athey, die späte Inkarnation einer Figur aus einer Bataille-Erzählung zu sein. Seine Opferrituale am eigenen Körper bedienen sich gesellschaftspolitisch wie religiös höchst aufgeladener Bilder, deren Ziel die Befreiung des Menschen aus den Fesseln ist, die Staat, Familie oder Religion uns angelegt haben. Subtiler, doch um nichts weniger politisch gebärden sich auch die Aktionen der jungen südamerikanischen Künstlerin Roberta Lima, die extreme Körpererfahrungen und –modifikationen immer mit einer dezidiert feministischen Haltung auflädt.

Musikalisch wird das erste Wochenende neben der performativen und klanglichen Queer-Nacht rund um Bruce LaBruce noch zwei weitere akustische Abende im Sinne der Festivalthematik bieten. Einmal zur Eröffnung die Exposition des Themas. Angst bei dem psychedelischen Metal-Experiment Killl aus Norwegen, das nicht nur akustisch, sondern auch visuell ein Gewitter lostreten wird, das definitiv nicht geeignet ist für Menschen, die schwache Nerven haben. Obsession bei den Schamanen des Ghostrock, der sensationellen Band Apse, die außerhalb von Österreich bereits eine beachtliche AnbeterInnenschaft gefunden hat, hierzulande – wie viele musikalische Neuentdeckungen am zweiten Wochenende! – jedoch noch ein Geheimtipp ist. Und natürlich Schönheit mit dem Elektropop-Gott Jay-Jay Johanson, der mit diesem Konzert sein spätes Österreich-Debüt feiern wird!

Der Samstag wird die Messehallen in einen schwerst obsessiven Club verwandeln, der zwischen Fieldrecording, Breakbeat, technoiden Klängen und noisigen Klanginstallationen changieren wird. Stargäste des Abends: Tim Hecker, Clark, Amon Tobin und der Shootingstar der italienischen Kunstszene Nico Vascellari mit John Wiese.

Dass zwei Filmemacher, Paul Poet und Bruce LaBruce, sich dem performativen, theatralischen Genre hingegeben haben und mit ihren Werken das erste Wochenende inhaltlich maßgeblich bestimmen, ist nicht Zufall, sondern so etwas wie ein geheimes Konzept des donaufestival 08. Am zweiten Wochenende setzt sich diese Idee mit einem filmischen Giganten fort:

Woche 2 (30.4. – 3.5.)

Wenn es einen Menschen gibt, der das 20. und 21. Jahrhundert in Bildern antizipiert hat, wenn es jemanden gibt, der die Essenzen für die Ikonen unserer Zeit erschaffen hat, dann ist es der Filmemacher, Provokateur und Autor Kenneth Anger. Unter dem Einfluss der okkulten Welt des Aleister Crowley entstanden aufgeladene Traum-Bilderwelten, deren Schnitt-Rythmen und ihr Sog die Welt nach 1945 gleichermaßen einfingen wie erschufen. Der revolutionäre Einsatz von Musik in seinen Underground-Filmen macht ihn zum Vater der Video-Clip-Kultur, die Zusammenarbeit mit Mick Jagger, Jimmy Page oder Bobby BeauSoleil ist der Ausgangspunkt seines Einflusses auf die Popkultur, der ein immenses Referenzgeflecht, das von Subkulturen bis zu Mainstream reicht, auslöst. Mit legendären Filmen wie “Fireworks”, „Scorpio Rising“, „Inauguration Of The Pleasure Dome“ oder „Lucifer Rising” wird er nicht nur zum Idol und Vorläufer von Regisseuren wie Jean Cocteau, Stan Brakhage, Derek Jarman, David Lynch, Rainer Werner Fassbinder oder Martin Scorsese, sondern auch zur prägenden Figur der Bilderwelt des Queer Movement. Seine „Hollywood Babylon“ Bücher, eine Durchleuchtung von Hollywood-Society-Skandalen, antizipieren das Starkult-Phänomen des späten 20. Jahrhunderts.

Das donaufestival 08 widmet Kenneth Anger einen Schwerpunkt, zum dem er selbst gleich zwei Uraufführungen beitragen wird: seine lang erwartete Spielfilmfassung des Hitlerjugend-Streifens „Ich Will!“ und ein multimediales Projekt namens „Technicolor Skull“ in Zusammenarbeit mit den großen amerikanischen Noise-Ritualisten Liars und musikalischen Überraschungsgästen. Rund um ihn gesellen sich KünstlerInnen, die mehr oder weniger Bezug auf seine Welt nehmen…

Ihr Österreich-Debüt feiert die sensationelle und höchst obsessive New Yorker Performance-Gruppe Radiohole standesgemäß in einem massiven Doppelauftritt. Gemeinsam von brut und dem donaufestival eingeladen, zeigen sie sozusagen als Gastspiel-Warmup in brut im Künstlerhaus ihre Moby-Dick-Show „Fluke“ bevor sie sich an die Arbeit zu ihrer Uraufführung von „Anger/Nation (hip deep in shit)“ beim donaufestival machen. Basierend auf drei amerikanischen Kultfiguren, der Mäßigungsprophetin Carry A Nation, dem 70er Jahre Erlöser Mel Lyman und eben Kenneth Anger, schnüffeln sie an den Eingeweiden der amerikanischen Psyche.

Ebenfalls multimedialer, Barock anmutender Psychedelik widmet sich auch Planningtorock, die in Berlin lebende englische Musikerin und Medienkünstlerin, mit der Uraufführung ihrer ersten Performance „Whats The Rock“. Ihre Konzerte waren immer schon multimediale Wunderkammern, in denen Performance und Video in selten erreichter formaler wie inhaltlicher Weise mit ihrem atemberaubenden, psychedelischen Akustik-Stilmix verwoben daherkamen. Nun legt sie mit der Weltpremiere ihrer Live-Musik-Performance samt audiovisueller Bühnenshow noch einen Gang zu. „Whats The Rock“ ist eine flüchtige Reise in die undefinierbare surreale Welt von Janine Rostron, in der sich ein überwältigendes Ensemble ihrer eigenen Charaktere auf der Bühne herumtreibt und dabei von einem hypnotischen Gebräu aus Gothic und klassischer Musik, auf spannende Art und Weise verschmolzen mit Hip-Hop, Techno und Pop, begleitet wird.

Klanglich werden die beiden Abende rund um Planningtorocks Aufführungen zwei ganz unterschiedliche Ausrichtungen annehmen. Der erste Mai, an dem auch die Naked Lunch/Thomas Woschitz Uraufführung stattfindet, wird dominiert von außergewöhnlichen Bandformaten. Die wohl wichtigste jüngere Band unserer Zeit, die sensationellen Xiu Xiu, die es in so meisterlicher Weise verstehen, das Popsongformat zu sprengen und neu zu erfinden, es inhaltlich bis über seine Grenzen aufzuladen, wie wir es aus einer anderen Zeit nur von Sonic Youth kennen. Neben ihnen werden die Urväter des Postrock, die legendären Tortoise, ebenso wie der FM4 „Im Sumpf“ Held, die Exzess-Melancholiker von Phosphorescent, für akustische Wunder zwischen Ängsten, Obsessionen und Schönheiten zuständig sein. Uraufgeführt wird an diesem Abend auch ein Auftragswerk des donaufestival, bei dem die Spoken-Word-Queen Ursula Rucker Gast bei Schnee, dem experimentellen Duo von Christof Kurzmann und Burkhard Stangl, sein wird. Der zweite PTR-Abend gibt sich etwas elektronischer, doch genauso kontrastreich. Heftige experimentelle Noise-Attacken von AIDS Wolf, Elektronikdrones und Walls Of Sound bei Health, psychedelische Soundscapes von Vedette (alle drei Österreich-Debütanten!) und zum Abschluss exzessgeladener souliger Partygroove mit The Go! Team.

Bereits im ersten Jahr des „donaufestival neu“ glückte die performativ-filmische Zusammenarbeit der Band Naked Lunch mit dem Filmemacher Thomas Woschitz. Nun kehren sie mit der Uraufführung ihres zweiten Streichs wieder: Es ist ein sehr intimer, eigenwilliger Musikspielfilm mit Handlungssträngen, Dialogen und musikfreien Szenen. Ein Experiment, bei dem als work in progress die Geschichten und die Songs auf einer gemeinsamen Reise von Filmemacher und Musikern an sechs verschiedenen Orten der Erde entstehen. Es geht darum, eine neue Art von choralem Musikfilm zu entwickeln, in dem die Popsongs eine Ebene der Erzählung übernehmen, die den inneren Zustand der Protagonisten, aber auch deren Gedanken und Geschichten in Musik und Lyrics umwandelt.

Zu ihnen gesellt sich eine weitere Band, die mittlerweile hauptsächlich aus Theater- und Filmemachern besteht, Die Goldenen Zitronen. Sie werden sich mit Film- und Bühnenstar Irm Hermann (von Rainer Werner Fassbinders Filmen bis hin zu Christoph Schlingensiefs AREA 7 am Wiener Burgtheater bekannt) an einer für eine intellektuelle Band mit tiefen Punk-Wurzeln etwas seltsam anmutenden klassischen Werksform, dem Oratorium, versuchen. Spannend ist dies auch deshalb, da die Zitronen gerade im Studio an ihrem neuen Album basteln und im Anschluss an das Oratorium nicht nur die großen Hits, sondern vielleicht schon den einen oder anderen neuen Song spielen werden.

Soziale Experimente sind bei den sensationellen Arbeiten der englischen Künstlergruppe Reactor, die mit der Uraufführung von „Munkanon“ beim donaufestival ihr Europa-Festland-Debüt feiern wird, Hintergrund des performativen Ansatzes. Kein Mitmachtheater im klassischen Sinn, sondern eine soziale Plastik, die von den Aktionen und Reaktionen der Mitwirkenden, gleich BesucherInnen, gesteuert und modifiziert wird. Von 30.4. bis 3.5. wird aus diesem Grund der Stadtpark von Streifenhörnchen (Chipmunks) bevölkert. Bei einem Besuch des Stadtparks und dem Zusammentreffen mit einem Streifenhörnchen wird dringend empfohlen, sich von dem pelzigen Freund seine Hütte zeigen zu lassen, es wartet ein Ereignis, das man nicht so schnell vergessen wird. Keine Angst!

Die Verbindung von Theater, Performance, Film/Video und Musik, die ja eine wesentliche Rolle im diesjährigen Programm einnimmt (Bruce LaBruce, Poet/Costes, Planningtorock, Naked Lunch/Thomas Woschitz, Die Goldenen Zitronen/Irm Hermann, Kenneth Anger und seine Überraschungsgäste u.v.m.) und zu wundersamen Konfrontationen innovativster KünstlerInnen mit unglaublich verstaubten und sinnentleerten Formen wie Oratorien, Opern und – oh Schreck, das auch noch – Musicals führt, muss natürlich im Sinne der „Poetik der Angst“ zur Eröffnung und zum Abschluss auch im „Schlechtesten Musical der Welt“ gipfeln. Die großartigen Anarcho-Performer von H.A.P.P.Y werden rund um Mastermind Tomtschek einen weltrekordartigen Versuch wagen, der – angesichts der enormen Konkurrenz in Wien und der großen weiten Welt – von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Zum Abschluss des Festivals betätigen sich neben H.A.P.P.Y und Reactor auch noch altbekannte Gäste als Wiederholungstäter. Eines der wichtigsten (Medien)Performance-Kollektive unserer Zeit, Gob Squad, werden als Stargäste ihre sensationelle Live-Film-Performance „Super Night Shot“ inszenieren und so Mithilfe unseres Publikums den besten Film drehen, der je in Krems gedreht wurde. Musikalisch scharen sich noch eine Reihe weiterer Neuentdeckungen um sie, wie die Ghost-Punker aus dem Liars-Umfeld These Are Powers (der Name sagt schon viel) und die nicht zufällig von Lee Ranaldo produzierten Magik Markers. Eingerahmt wird das Ganze von der österreichischen Allstar-Band The Year Of und den Star-Duo des Kunstpop aus New York, Fischerspooner, die mit ihrer DJ-Show eine exzessive, lange letzte Nacht garantieren werden.

Von Tomas Zierhofer-Kin


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