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Wien 16.,Ottakring - Blog: die kleine Welt von morgen
Bildquelle: Michael Nussbaumer - party
„Gott würfelt nicht“, sagt Einstein und nimmt einen Schluck aus seinem Glas Bier. „Das mag schon stimmen“, antwortet sein Gegenüber, ein Weinviertler. „Aber er pendelt.“ Einstein hebt seine Augenbrauen, erstaunt, dass der Weinviertler etwas sagt. Und dann so etwas! „Mit was pendelt er denn, lieber Freund?“ „Mit mir pendelt er, Einstein. Mit mir.“
Der Weinviertler hebt sein Glas und prostet der Zimmerdecke zu. „In den nächsten zwanzig Jahren wird alles anders, Einstein, und zwar gleichzeitig. Ich weiß, dass man sich durch nichts lächerlicher machen kann, als durch Vorhersagen. Aber“, leert der Weinviertler seinen Wein, „aber ich werd dir dennoch sagen, wie es weitergeht.“ Einstein macht es sich gemütlich. Er weiß, wenn der Alkohol den Weinviertler aus dem Schweigen ins Reden gespült hat, kann man sich auf etwas gefasst machen. „Niederösterreich hat in der Mitte ein Loch, das sich Wien nennt. Wie der Wein in uns hineingezogen wird, zieht es uns nach Wien hinein. Tag für Tag verschwinden wir in diesem Loch und tauchen Abend für Abend wieder auf. Das ist eine Pendelbewegung, die der Herrgott mit uns macht, um uns zu prüfen. Und mit seiner anderen Hand fährt der Allmächtige unsere geliebten Landesgrenzen ab, Tag für Tag, um der Welt zu zeigen, dass er zwei unterschiedliche Bewegungen zur selben Zeit machen kann. So verbindet er links und rechts und sorgt dafür, dass die Welt nicht aus der Bahn gerät.“ „Apropos Bahn“, sagt der Weinviertler dem seufzenden Einstein ins zerfurchte Gesicht. „Alles gibt es viermal auf der Welt. Es gibt vier Viertel in Niederösterreich, vier Jahreszeiten und vier Apostel. Darum gibt es auch keine U5 in Wien und keine A5 in Niederösterreich.“ Zufrieden über seine bisherigen Ausführungen hält der Weinviertler kurz inne und wird traurig, als er sein leeres Glas sieht. Er winkt dem Wirt und setzt fort. „Das ist die Ordnung und so soll es sein. Aber jetzt wird alles anders. Die A5 wird gebaut und die wohl ausgependelten Grenzen unseres Landes werden durchlässig. Die Welt bricht über uns hinein.“ Er nimmt einen kräftigen Schluck aus seinem neu gefüllten Glas und bemerkt nicht, dass sich Einstein auf die Toilette begeben hat. „Du hast sicher schon vom Klimawandel gehört, der ist jetzt groß in Mode. Die Bauern werden Kakao und Bananen anpflanzen und die Feuerwehren werden sich Hubschrauber kaufen und die Waldbrände von oben betrachten, bevor sie ihre Fire Fighter Clubbings anfliegen. Wie in der Sahara wird es ausschauen und mehr Leute ertrinken als verdursten werden auch. Hoffentlich.“ Der Weinviertler leert sein Glas, betrachtet den leeren Stuhl gegenüber und bestellt noch ein Vierterl. „Und die Technik bleibt auch nicht stehen. Die Fahrkartenautomaten funktionieren so schlecht wie früher die Schaffner. Als nächstes pflanzen sie uns einen Mikrochip ein und wenn wir in die S-Bahn einsteigen wird uns automatisch das Geld fürs Ticket vom Konto abgezogen. Und wenn der Satellit spinnt bleiben wir nicht in Laa stehen, sondern fahren nach Russland.“ Es schüttelt ihn. Der zurückgekehrte Einstein schüttelt seinen Kopf. „Die Zuwanderung, Einstein! Die Wiener im Speckgürtel werden sich als bessere Niederösterreicher fühlen als ihre bosnischen Nachbarn, weil ihre böhmischen Vorfahren ihre Sprache schon länger vergessen haben. Und den bundesdeutschen Kellnerinnen ist das alles scheißegal und nicht einmal mehr wurscht.“ Einstein seufzt und bestellt sich ein weiteres Krügerl. „Und die Medien suchen Jahr für Jahr ihren Superstar, bis sie draufkommen, dass der nicht in Mistelbach wohnt. Hauptsache ein Happening mit einem Event hinterdrein!“ Einstein und der Weinviertler prosten sich zu und trinken. „Und weißt du, Einstein, wohin all das führen wird? Dieses hin und her und rundherum?“ Der Weinviertler wartet die Antwort nicht ab. Statt Rede und Gegenrede gilt hier das Prinzip der verschiedenen Welten, die sich manchmal kurz berühren mögen, um dann sinnend die eigene Bahn und ihre durch die Berührung verursachten Abweichungen zu betrachten. Einstein ist das klar und so hält sich die Kränkung in Grenzen. „Die Niederösterreicher werden dafür bezahlt werden, dass sie nicht mehr pendeln. Wie die Bauern dafür bezahlt werden, dass sie nichts mehr anbauen. Das große Pendel wird zum Stillstand kommen und Gottes Hand wird ruhen.“ Ein langes Schweigen folgt, unterbrochen nur von Schluckgeräuschen und dem Nachfüllen der Gläser. Endlich gibt Einstein auf und fragt: „Und was ist dann?“
Aber der Weinviertler hat die nächste Grenze zwischen Sprechen und Nicht-Sprechen passiert und ist wieder verstummt.
(1) Kommentare zum Beitrag "die kleine Welt von morgen"
RE: die kleine Welt von morgen
Da poltert der besoffene Waldviertler, mit seiner eigenen Welt kämpfend: “Entweder er schweigt, oder er sage was besseres als Schweigen!”
geschrieben von iskarioth am 16.04.2008 20:38
Wien 16.,Ottakring - Blog - INHALT
Da poltert der besoffene Waldviertler, mit seiner eigenen Welt kämpfend: “Entweder er schweigt, oder er sage was besseres als Schweigen!”



