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16.10.2008
Elitedenken versus Menschlic...
Wien 2.,Leopoldstadt (5 Beiträge von 3 AutorInnen online)
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Wien 2.,Leopoldstadt - Elitedenken versus Menschlichkeit

Es gibt sie noch: Schulen, in der die Heranwachsenden höflich grüßen, in denen niemand mit Piercings oder gar Tatoos herumrennt. Schulen, in denen auf der Toilette das Gurkerl aus der Wurstsemmel fallen, und man es ohne Bedenken vom Boden aufheben und in den Mund stecken könnte. Hier wird noch ordentlich gearbeitet. Die Schüler lächeln und lernen aus Freude.

Man mag von Eliteschulen halten, was man will. Eines ist jedoch gewiss: Wenn sogar so genannte EliteschülerInnen keine Motivation mehr erfahren, ist es bald aus mit dem Lerneifer.
Wie fühlt sich der junge Mensch, wenn es heißt: Weinen nicht erlaubt? Küsse auf die Wange strengstens verboten. Schließlich will man die angehenden Erwachsenen zu toughen Businessmenschen erziehen. Deswegen auch die strenge Kleidungsregel. Ein gutes Outfit und ein Lächeln im Gesicht sind hier Pflicht. Hier gibt es keine Emos und Grufties oder wie sie sonst alle heißen. Durchsetzungsvermögen und emotionale Kälte stehen hier ganz oben im Lehrplan.

Meine Freundin, nennen wir sie M., hat ihre Tochter Hannah vor drei Jahren in jene Schule eingeschrieben. Um ihr die bestmögliche Ausbildung zu gewähren, hat sie Hannah für ein Austauschsemester angemeldet. Ein halbes Jahr Aufenthalt auf einem anderen Kontinent kostet Durchschnittseltern ein paar Monatsgehälter. Die Investition lohnte sich, nach sechs Monaten beherrscht die angehende Vielverdienerin die englische Sprache perfekt. Beinahe besser als sie australischen Mitschüler, wie man am anderen Ende der Welt begeistert versicherte.

Dumm nur, dass die Australier mit Französisch nicht viel am Hut haben. Deswegen wird nach der Rückkehr von der Französischprofessorin auch prophezeit: „Dieses Jahr wirst du wohl wiederholen müssen.“
Die siebzehnjährige Hanna M. lernt trotzdem wie besessen. Achtzehn Prüfungen und Schularbeiten werden in kürzester Zeit nachgeholt. Man bescheinigt der Schülerin Potential, der Lernstoff wurde nachgeholt, die Noten sind durchwegs positiv.
Nur die Französischlehrerin ist noch zu überzeugen. Hannah zittert. Ob sie den Aufstieg in die nächste Klasse schaffen wird?
„Wäre ich nur nie nach Australien gegangen“, sagt sie.
Was hat es für einen Sinn, ihr zu erklären, dass sie es später einmal nicht bereuen wird?

“Was ich nicht verstehe: Da will man moderne Wirtschaftsfachkräfte ausbilden, doch dann macht man den Kindern das Leben zur Hölle, wenn sie ein halbes Jahr an einer australischen Schule lernen”, sagt M. Wir sitzen einander in einem Kaffeehaus gegenüber und M. berichtet von den Strapazen der letzten Wochen.
Vor zwei Wochen beschwerte sich M. bei der Direktion. Die Direktorin lächelte. Man sei ihnen doch entgegengekommen, immerhin habe man die Tochter ein halbes Jahr nicht beurteilt. M. ruft in ihrer Verzweiflung beim Stadtschulrat an. Dort zeigt sich, wie machtlos man an den Schaltstellen ist. Frau M. könne die Note anfechten, sollte die Tochter in Französisch nicht aufsteigen. In die Benotung müsse sehr wohl eingerechnet werden, dass die Schülerin einiges aufzuholen hatte.
„Tu das nicht“, fleht Hannah die Mutter eindringlich an, „dann macht mich die Professorin nächstes Jahr fertig.“
Also wird eine diplomierte Französischlehrerin angeworben. Diese meint jedoch, das Level des zu Erlernenden sei sogar ihr, die „nur“ an einer AHS unterrichte, zu hoch.

„Das alles wäre nicht passiert, würde Hannah im Sommer ihr Praktikum in der französischsprachigen Schweiz absolvieren“, verrät mir M.
Leider hat Hannah einen Praktikumsplatz in Zürich. Und dort spricht man bekanntlich Deutsch.
„So wird sie es nie schaffen, das Versäumte aufzuholen“, meint die Lehrkraft und lässt die Brille von einer in die andere Hand wandern. Dann sieht sie Hannah an. „Ich werde dir trotzdem eine Prüfung anbieten, aber sei nicht enttäuscht, wenn du die schlechtere Note erhältst.“
Auf dem Gesicht der Lehrkraft breitet sich ein süffisantes Lächeln aus.

„Wie kann man denn so was vor einem Kind sagen?“, fragt M. hilflos.

Ich kenne Hannah als ehrgeizige Schülerin. Meine Freundin beklagt sich sogar manchmal, sie wäre zu strebsam.
„Sie soll doch auch ihren Spaß haben“, meint M. und spricht die Abende an, an denen die Tochter bis spät in die Nacht über ihren Heften sitzt.

Warum sich die Eltern nicht zusammentäten, frage ich. Wo doch Hannah kein Einzelfall sei.
“Ich bitte dich”, sagt M. “Keiner traut sich etwas zu sagen, weiß man doch, dass die Kinder es ausbaden müssen.”

Bis vor kurzem dachte ich noch, solche Tyranneien gehören eindeutig der Vergangenheit an. In meinem Umfeld befinden sich viele LehrerInnen – PädagogInnen, wie man sie sich nur wünschen kann. Manche von meinen Bekannten sitzen nächtelang über Schularbeiten, aus Angst, einen Schüler ungerecht zu benoten.
Lehrkraft zu sein, ist heute mehr denn je eine Herausforderung. Auf der einen Seite sollst du die Schüler individuell fördern, sollst dich nach der Decke strecken, keinen aufs Abstellgleis stellen, auf der anderen Seite sitzt dir Pisa im Nacken.
Die Schule, in die Hannah täglich geht, muss sich keine Sorgen machen, hier würden wohl alle die absolute Punktezahl erreichen. Dies liegt daran, dass es ein Aussiebungsverfahren gibt, das schlimmer nicht sein kann. Allein wenn ich höre, dass es durchaus üblich ist, von 27 Schularbeiten 13 negativ zu beurteilen, wird mir übel.

Ich bin nicht nur selbst Pädagogin, ich bin vor allem ehemalige Schülerin. Ich weiß, unter welchem Druck man stehen kann. Ich habe gerne gelernt, manche würden sogar sagen: „gestrebert“. Ich war in einer guten Klasse, da hieß es, Schritt zu halten.
Wie jeder Schüler, jede Schülerin kenne auch ich das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Die mag mich nicht, habe ich oft gedacht. Heute sehe ich es anders. Aber mir ist auch nie passiert, was Hannah durchmachen muss. Bei uns wurden die Schüler als Individuen betrachtet. Als junge, noch unerfahrene Menschen, die man auf ihrem Weg begleiten, nicht kürzen muss.

„Ich wünsche Hannahs Professorin, dass ihr Kind genau so einen Trampel kriegt, wie sie einer ist“, sagt M. entzürnt und zündet sich eine Zigarette an. Ich denke, dass das Kind der Französischprofessorin ein wesentlich schwereres Los als Hannah haben wird. Bei ihr ist es die eigene Mutter, der sie es nie recht machen können wird.


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