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22.08.2008
rentsnik: Hundstage
Wien 2.,Leopoldstadt - eZine (4 Beiträge von 3 AutorInnen online)
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Wien 2.,Leopoldstadt: rentsnik: Hundstage

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Wien 2.,Leopoldstadt - eZine - rentsnik: Hundstage - rentsnik - Margarita Kinstner (rentsnik)
Bildquelle: rentsnik - Margarita Kinstner (rentsnik)

Der Sommer saugt alles aus, er zuzelt an den Blättern und den Flüssen, er saugt die Körperflüssigkeiten aus dem Leib, die Straßenbahnen stinken nach Touristenschweiß und die Autos nach nassen Managerhemden und Kinderkotze. Auch am Donaukanal stinkt es, nach totem Fisch und Urin. Nur in Sonjas Wohnung ist es dank der neuen Klimaanlage schön kühl. Aber da kann Jakob nicht mehr hinein, das will er auch gar nicht, er liegt lieber in Maries Achselhöhle und nuckelt ihr den letzten Tropfen Schweiß aus dem Körper. So kriegt er auch nicht mit, wie Sonja anruft und ihm auf die Mailbox kreischt, was das solle, ob er jetzt komplett durchgeknallt sei, ihr einfach so den Schlüssel hinzuknallen, ein feines Arschloch sei er. Und während unter Maries Fenster – ratatatata – die Bauarbeiter in das Innerste Wiens vordringen, dringt Jakob – ratatatata – in das Innerste Maries vor. Und während Sonja die Tränen runter rinnen, rinnen Jakob die Schweißperlen runter, bis am Schluss beide ganz dehydriert sind, Sonja vom Weinen und Jakob vom Ficken.
Was ist aus der großen Liebe geworden, den gemeinsamen Kühlschrank gibt es nicht mehr, Sonja trinkt Mineralwasser in der Schweglerstraße, Jakob trinkt Mineralwasser in der Castellezgasse, und als beide über ihre Lippen lecken schmecken sie salzig, Jakobs Lippen vom Marieschweiß und Sonjas Lippen von den Liebeskummertränen.

Die große Liebe ist austauschbar, so wie alles im Leben. Auch Konsalik Heftchen sind austauschbar, und so rennt Jakobs Großmutter in die Trafik, um sich ein neues Schicksal, eine neue große Liebe zu kaufen. Großmütter haben eine dumme Eigenschaft, sie lesen zu viel Konsalik und trinken zu wenig Mineralwasser, ein Umstand, der im Sommer das Leben kosten kann.
Jakobs Großmutter hat Glück, der Trafikant ruft die Rettung, und eine halbe Stunde später liegt sie unter einem weißen Laken und bekommt Salzlösung in die Venen geträufelt.
So kommt zum Sonjaläuten auf Jakobs Handy noch das Mutterläuten dazu, doch der Presslufthammer – ratatatata – macht es möglich, dass Jakob – ratatatata – nichts von alledem mitbekommt, aber das macht nichts, denn in Jakobs Kopf läutet etwas Höheres.
Und so vergehen die Hundstage, die Katzenhaare kleben an Jakobs Körper und die Dissertationsseiten vermodern in der Schublade. Und als er drei Tage später sein Handy aus der Jackentasche holt und den Akku auflädt, kommt er mit dem Nachrichtenabhören gar nicht mehr nach. Wo er gewesen sei, jammert die Mutter, wo er, verdammt nochmal stecke, kreischt Sonja. Aber man braucht schließlich auch ein wenig Erholung, Zeit für sich. Als Jakob nach weiteren zwei Tagen mit ein paar Flaschen Mineral und einer Liebesgeschichte in die Straßenbahn klettert und sein Handy klingelt, hat Sonja Glück. Diesmal schreit sie ihm direkt ins Ohr. Der Dicke am Fenster kaut an seiner Wurstsemmel und ist live dabei.


Der Text „Hundstage“ ist dem aktuellen Romanmanuskript mit dem Arbeitstitel “Oberleitungsschaden” entnommen.

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