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Weblog von Redaktion Auto-Motor
Auto, Motor, Boote: Agrarsprit – teuer, umweltschädlich, ineffizient, ethisch bedenklich!
Bildquelle: startblatt - leere Überlandstraße umgeben von Biomasse
Umweltschädlicher Agrarsprit
Es hat einige Zeit gedauert, doch jetzt lassen sich die Hiobsbotschaften im Zusammenhang mit der Agrarspriterzeugung nicht mehr länger unter den Tisch kehren.
Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) hat im September 2007 zutage gebracht, dass Agrarsprit kaum einen Nutzen besitzt. Agrarsprit trägt fast nichts zur Verringerung des CO2 bei, verbrauche viel mineralisches Öl in der Herstellung und es müsse mit drastisch steigenden Lebensmittelpreisen gerechnet werden, wenn landwirtschaftliche Flächen vermehrt
zur Produktion von Pflanzen für die Erzeugung von Agrarsprit verwendet werden.
Die Studie beschreibt einen verhängnisvollen Kreislauf, einen Teufelskreis. Bei der Produktion von Agrarsprit müssen große Mengen an Erdölprodukten eingesetzt werden, was wiederum den Erdölpreis und die Nachfrage nach Agrarsprit erhöht und als weitere Konsequenz Verteuerung und Verknappung bewirkt.
Die Studie konzediert zwar, dass der Einsatz von Agrarsprit den CO2-Ausstoss der Kraftfahrzeuge senkt, im Herstellungsprozess jedoch werden große Mengen CO2
freigesetzt.
Die Studie empfiehlt, die gesetzlich verordnete Beimischung von Agrarsprit zu den Treibstoffen fallen zu lassen.
Im Oktober 2007 wurde eine Untersuchung des Nobelpreisträgers Paul Crutzen – emeritierter Chemieprofessor am Max-Planck-Institut – bekannt, die dem Agrarsprit wenig Wirkung bei der Vermeidung von Treibhausgasen zuspricht. Da bei der Erzeugung agrarischer Rohstoffe für Agrarsprit viel gedüngt werden muss, entweiche auch mehr N2O (Lachgas). Lachgas ist rund 300mal treibhauswirksamer als CO2 (Kohlendioxyd), dadurch könnte die Erzeugung von Agrarsprit den Klimawandel sogar noch beschleunigen. Besonders schlecht schneiden in der Untersuchung Raps, Mais und Weizen ab. Lediglich Ethanol auf Basis von Zuckerrohr steht laut Crutzen in der Klimabilanz besser da, weil es im Gegensatz zu den anderen Nahrungsmittelpflanzen kaum gedüngt werden muss.
In einem Kommentar führt Helmut Haberl – Österreichs Vertreter im wissenschaftlichen Beirat der Europäischen Energieagentur (EEA) – unter anderem aus, dass,- „egal ob Agrodiesel aus Raps oder Agroethanol aus Getreide: In jedem Fall wird mit viel Kunstdünger, Pestiziden und Traktoren ein hochwertiges Produkt wie Getreidekörner oder Rapssaat erzeugt. Das bedeutet, dass nur ein Teil der Pflanze genutzt werden kann, nämlich jener, der auch für menschliche Ernährung oder als Futtermittel geeignet wäre. Diese Biomasse wird dann in aufwändigen Chemo-Verfahren so umgewandelt, dass ein flüssiger Kraftstoff für Motoren entsteht.
Die Energiebilanz dieser Prozedur ist deplorabel. Eine Einheit Fossilenergie, meist Erdöl oder Erdgas, die man in die Gewinnung von Agrotreibstoffen hineinsteckt, liefert unter mitteleuropäischen Verhältnissen bestenfalls drei Einheiten Energie in Form von Agrotreibstoffen“1.
- „So könnte etwa Österreich im Jahr 2020 selbst bei Nutzbarmachung aller geeigneten Flächen für die Gewinnung von Diesel aus Raps nur etwa ein Prozent des heimischen Treibstoffbedarfs decken, der Rest der angestrebten zehn Prozent müsste importiert werden“1.
Die EEA hat in einer öffentlichen Erklärung der EU dringend empfohlen, von ihrem deklarierten Ziel, den Anteil an Agrartreibstoffen bis 2020 auf zehn Prozent zu erhöhen, abzurücken.
Stark steigende Lebensmittelpreise lösen derzeit weltweit soziale Unruhen aus
Ob Weizen, Reis, Mais, Milch oder Ölsaaten – die Preise für Grundnahrungsmittel haben innerhalb eines Jahres dramatisch zugelegt. So stiegen die Preise für Weizen um 83%, für Milchprodukte um 84% und für Ölsaaten um 75%. Reis wurde überhaupt zum Luxusgut; derzeit werden 800 Dollar für eine Tonne bezahlt2, das sind fast 100% mehr als noch zu Jahresbeginn 2008. Die Verteuerung der Lebensmittel ist global spürbar und verursacht besonders bei den armen Bevölkerungsschichten eine weitere Verarmung.
Begonnen hatte es mit einer, bei uns kaum zur Kenntnis genommenen Meldung vom August 2007 über schwere Unruhen in Mexiko, die durch die innerhalb weniger Wochen um 50% angestiegenen Preise für Tortilla-Maismehlfladen ausgelöst wurden. Die mexikanische Regierung musste eine amtliche Preisregelung einführen.
Anfang November 2007 folgte eine ähnliche Nachricht aus Südafrika. Aus Sorge um die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung stoppte Südafrika die Herstellung von Biosprit aus Mais, einem Grundnahrungsmittel der armen Bevölkerung. Langfristig sollen nun nur noch zwei Prozent statt viereinhalb Prozent des Kraftstoffes aus pflanzlichen Rohstoffen gewonnen werden.
Dann ging es Schlag auf Schlag. Die Meldungen über die exorbitanten Verteuerungen bei den Grundnahrungsmitteln häuften sich, weil der Preisauftrieb in Österreich und in der EU von einem immer lauteren Murren begleitet wurde. Durchschnittliche Teuerungsraten von über drei Prozent wirkten sich bei der Ausgabengruppe des Verbraucherpreisindexes (VPI) „Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke“ mit 7,6 Prozent und, bezogen auf die Nahrungsmittel allein, mit 8,3% aus.
Solch hohe Preissteigerungen fressen jede Lohn- und Pensionserhöhung auf, da helfen weder Gusi-Hunderter noch Strompreisbonusse wie in der Steiermark.
Die steigenden Preise bei Weizen & Co hat die Finanzspekulanten angelockt, da die viel versprechenden Aussichten auf überdurchschnittliche Gewinne eine attraktive Option gegenüber den fallenden Zins- und Aktienerträgen und den Verlusten aus den Hypothekengeschäften sind3.
Das amerikanische „Department of Agriculture“ schätzt, dass auch 2008 der Bedarf an Weizen höher ist als das Angebot. Die Nachfragepreise für Weizen an der Chicagoer Handelsbörse stehen zurzeit bei 200 Dollar je Tonne. Der aktuelle Warenpreisindex des „Economist“ weist gegenüber dem Vorjahr für Nahrungsmittel eine Steigerung um rund 54% und für „West Texas Intermediate“ Rohöl um rund 66% aus. In Europa liegt der Preis für Rohöl der Marke „Brent“ per 17.04.2008 bei 112 Dollar/Barrel.
Mehrere Gründe sind für den horrenden Anstieg der Lebensmittelpreise verantwortlich:
- ● Der hohe Ölpreis bewirkt eine Verteuerung in allen Lebensbereichen, insbesondere bei den landwirtschaftlichen Produktions- und Transportkosten.
- ● Immer mehr Getreide, Mais etc. wird wegen der erhöhten Nachfrage, den gesellschaftlichen Vorgaben und den höheren Gewinnaussichten zu Agrarsprit verarbeitet. Das verknappt das Angebot an Grundnahrungsmitteln.
Nach einem Hinweis der Weltbank wird für das Volltanken eines SUV Getreide im Äquivalent des Jahresverbrauches einer Familie benötigt. - ● Der gestiegene Wohlstand in Indien, China und anderen südostasiatischen Ländern und das weitere Wachstum der Weltbevölkerung erhöht die Nachfrage nach Nahrungsmitteln, vor allem nach Fleisch. Da große Mengen an agrarischen Rohstoffen zur Fütterung von Schweinen und Rindern verbraucht werden, fehlen diese als Grundnahrungsmittel im normalen Verbrauchszyklus. Um ein Kilogramm Schweinefleisch zu produzieren, werden drei Kilogramm Cerealien benötigt, bei Rindfleisch sind es acht Kilogramm.
- ● Geringere Ernten haben in den vergangenen Jahren zum Abbau der früher vollen Lager geführt und Spekulanten auf den Plan gerufen, die in der Hoffnung auf fette Gewinne in Nahrungsmittel investieren.
Weltbank und Internationaler Währungsfond warnen
Weltbank und Internationaler Währungsfond (IWF) haben wegen der Nahrungsmittelkrise und den in vielen Staaten aufgeflammten Unruhen über die nicht mehr leistbaren Preise Alarm geschlagen.
Dominique Strauss-Kahn, der Chef des IWF, hält den weltweiten Anstieg der Lebensmittelpreise für mehr als dramatisch. Der seit drei Jahren zu beobachtende Anstieg führte zu einer Verdoppelung des Preisniveaus in den armen Ländern.
Nach Schätzungen des IWF könnten bis 100 Mio. Menschen in den Entwicklungsländern in noch größere Armut getrieben werden. Abdolreza Abbassian, Experte bei der Welternährungsorganisation (FAO), erwartet, dass die Rechnung der „Dritten Welt“ für die Lebensmitteleinfuhr im Jahre 2008 um 70% steigen und insbesondere für Getreide sich vervierfachen wird.
Robert Zoellick, der Chef der Weltbank, fordert deshalb von der internationalen Staatengemeinschaft 500 Mio. Dollar an zusätzlichen Mitteln als Soforthilfe.
Der Profit geht vor
Doch weiterhin werden auf immer mehr landwirtschaftlichen Flächen Agrarspritpflanzen gezogen, letzte Beispiele sind Angola und Indonesien.
In Angola, einem Land mit schweren Hungerproblemen, werden die Anbauflächen für Palmöl, einem Vorprodukt für Agrarsprit, auf Kosten der traditionellen Landwirtschaft verzehnfacht.
In Indonesien werden durch Brandrodungen, welche zusätzlich den CO2-Ausstoss in die Höhe treiben, riesige Flächen für Palmölplantagen freigemacht. In der Region Riau ist die Fläche der Palmölplantagen von 400.000 auf 2.100.000 Hektar gestiegen4. Diese Anbauflächen müssen extrem gedüngt werden. Luft-, Boden- und Wasserverschmutzungen sind die Folge. Nebenbei ist der Reisanbau in dieser Region marginalisiert worden.
Riesige Wassermengen werden bei der Produktion von Agrarsprit verschlungen
Für einen Liter Agrarsprit aus Ölpalmen werden beim Anbau je nach Region bis zu 3.500 Liter Wasser benötigt.
Bei der Erzeugung von Ethanol aus Mais, wie sie in den USA praktiziert wird, werden ebenfalls riesige Wassermengen verbraucht. Eine typische Ethanolfabrik in den USA mit einem jährlichen Ausstoß von 50 Mio. Gallonen Agrarsprit verbraucht rund 500 Gallonen Wasser pro Minute5.
Wegen der starken Nachfrage, der steigenden Preise und der hohen Subventionen an die Agrarindustrie werden immer mehr klimatisch nicht geeignete Flächen für den Anbau von Getreide und Mais genutzt. Als Folge wird Wasser zur Mangelware, weil diese Flächen künstlich bewässert müssen.
Intelligente Maßnahmen setzen statt wirkungslose Subventionen für Agrarsprit verteilen
Anstatt, wie von den Experten empfohlen, die Agrarspriterzeugung aus Nahrungsmitteln wegen ihrer katastrophalen globalen Auswirkungen einzustellen, wird sie in Österreich entgegen aller Bedenken weiterhin forciert.
Im heurigen Jahr soll die Agrarspritbeimischung bei den Treibstoffen von 4,4% auf 5,75% erhöht werden. Für den Autofahrer steht dadurch eine weiter Erhöhung des Treibstoffpreises von ein bis zwei Cent bevor.
Zielführender wäre:- ● die Herabsetzung der Fahrgeschwindigkeiten.
Ohne viel Aufwand und Komfortverzicht kann die Menge von Agrarsprit, die momentan dem Treibstoff für Pkw beigemischt wird, durch eine geringe Herabsetzung der erlaubten Höchstgeschwindigkeiten im Straßenverkehr beim Treibstoffverbrauch mehr als eingespart werden.
Der Luftwiderstand eines Kraftfahrzeuges hängt von der Fahrgeschwindigkeit ab. In die Formel für die Berechnung des Luftwiderstandes geht die zum Quadrat erhobene Fahrgeschwindigkeit ein (v²). Erlaubte Fahrgeschwindigkeiten von 120 km/h auf Autobahnen und Schnellstraßen sowie von 80 km/h auf Landesstraßen bringen mehr als 10% Treibstoffersparnis; das ist jene Menge an Agrarsprit, die in Österreich bis 2020 dem Treibstoff beigemischt werden soll; - ● die Einschränkung der Zersiedlung durch die Aufnahme entsprechender Bestimmungen in den Raumordnungen der einzelnen Bundesländer;
- ● die Reduzierung der Pendlerbeihilfe, falls nicht öffentliche Verkehrsmittel benutzt oder Fahrgemeinschaften gebildet werden;
- ● die Förderung des Radfahr- und Fußgängerverkehrs, vor allem im großstädtischen Bereich.
1 vgl. Tageszeitung “DerStandard” vom 11.04.2008
2 vgl. Tageszeitung “Kleine Zeitung” vom 02.04.2008
3 vgl. “The Economist” vom 23.02.2008
4 vgl. Tageszeitung “DerStandard” vom 12./13.04.2008
5 vgl. „The Economist“ vom 01.03.2008



