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20.03.2010
Kinder sollten mit Sprache ...
Halle (59 Beiträge von 2 PublisherInnen online)
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Halle - Kinder sollten mit Sprache spielen

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Kommentare: 1
Halle -  Kinder sollten mit Sprache spielen - Schneider Verlag Hohengehren GmbH - Cover des Buches Wege ins Schreiben von Michael Ritter
Bildquelle: Schneider Verlag Hohengehren GmbH - Cover des Buches "Wege ins Schreiben" von Michael Ritter

Dass es wichtig ist, Kinder zu persönlich bedeutsamem Schreiben zu befähigen, ist allgemeiner Konsens in der Diskussion um den Deutschunterricht in der Grundschule. Kontrovers wird hingegen diskutiert, wie LehrerInnen den Weg der Kinder in die Welt der Schrift unterstützen können. Sollten sie systematisch Aufsätze schreiben lassen? Oder den Kindern Freiräume für selbstgesteuerte Lernprozesse gewähren? Michael Ritter von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg plädiert dafür, beim Schreiben ein “Spiel mit der Sprache” zu inszenieren. Die Situation der Schreibdidaktik hält er aus ästhetischer Bildungsperspektive für unbefriedigend. Unter dem Titel “Wege ins Schreiben” erscheint Ritters Dissertation in Kürze im Schneider-Verlag Hohengehren.

Die kleine Nachtfee

Es war einmal ein dunkler Wald. Dort, wo er am dunkelsten
war, stand ein Haus. Jeden Abend öffnete sich die Tür und
die Nachtfee verteilte die Nacht über das Land. Dann ritt
sie auf Sternentänzer, dem Sterneneinhorn, aus. Das macht
sie heute noch.

Isabelle, 8 Jahre

“Das Beispiel aus meiner praktischen Arbeit mit Kindern zeigt: Schreibende Kinder sind Sprachbaumeister, wenn die äußeren Rahmenbedingungen ein produktives und kreatives Handeln anregen und zulassen”, sagt Michael Ritter. “Sie gestalten mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln Texte, in denen ihre persönlichen Vorstellungen eine schriftsprachliche Form erhalten. Oft verblüffen sie dabei die Erwachsenen mit wunderbaren Perspektiven und erstaunlich präzisen Beschreibungen.”

Von einer systematischen Aufsatzschulung in der Schule, die den sukzessiv inszenierten Aufbau von Kompetenzen im Bereich des Verfassens von Texten gewährleisten soll, hält Ritter wenig. In seiner Dissertation hat er herausgearbeitet, dass Kinder im Bereich der Grundschule Schriftsprache besonders über ästhetische Zugänge erfahren und nutzen können. “Wo ein produktiver Umgang mit Schriftsprache nicht nur zur Übungshandlung reduziert, sondern vielmehr als ein Spiel mit der Sprache inszeniert wird, das die Phantasie anregt und Kinder zu Gestaltern ihrer persönlichen Textwelten macht, wird ihnen vor Augen geführt, welche Bedeutung das Schreiben für ihre persönlichen Ausdrucksmöglichkeiten hat.” Kindern, die diese Einsicht gewonnen haben, falle auch die Aneignung der Sprachnormen wie Orthografie und Ausdruck deutlich leichter.

In seiner Studie “Wege ins Schreiben” arbeitet Ritter den gegenwärtigen Stand der Diskussion um die Schreibdidaktik der Grundschule systematisch auf. Dazu verfolgt er die Entwicklungslinien des Aufsatzunterrichts vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Die Ergebnisse dieser historiografischen Auseinandersetzung fallen relativ ernüchternd aus: In den historischen Konzeptionen der Schreibdidaktik spielen ästhetische Bildungsvorstellungen eine sehr unterschiedliche, zumeist aber fast gar keine Rolle.

Während im gebundenen (19. Jh.) und im sprachgestaltenden Aufsatz (ca. 1925 bis 1970) das Schreiben im Elementarschulbereich fast vollständig auf die Reproduktion vorhandener Texte reduziert und den Kindern die Fähigkeit zu eigenen Darstellungen nicht zugetraut wurde, setzten die DidaktikerInnen des freien Aufsatzes (ca. 1900 bis 1925) auf eine Inszenierung des Schreibens als Ausdruckstätigkeit persönlicher Erlebnisse. Der ästhetische Anspruch dieses Ansatzes wurde allerdings durch die einseitige Orientierung auf die Darstellung konkreter Erlebnisse und die damit verbundene Ablehnung der Produktion fiktionaler Texte als Spielraum der Phantasie stark relativiert.

Die in den 1970er und 80er Jahren etablierten und bis heute relevanten Ansätze des kommunikativen Aufsatzes sowie des freien und kreativen Schreibens bieten ebenfalls ein durchaus heterogenes Erscheinungsbild. Während im kommunikativen Aufsatz Fragen des persönlichen Ausdrucks und der subjektiven Gestaltung keine Rolle spielten, wurden diese Aspekte in den Ansätzen des freien und kreativen Schreibens in den Mittelpunkt der fachdidaktischen Diskussion gestellt. Dabei ist allerdings zu beobachten, dass das freie Schreiben die kindlichen Schreibprozesse stark aus der Perspektive von Erwachsenen zu beschreiben versuchte, wohingegen das kreative Schreiben zwar produktive Ansätze im Sinne eines spielerisch-experimentierenden Schriftgebrauchs postulierte, die didaktisch-methodische Konkretisierung jedoch in den meisten Fällen ausblieb.

Ritters Fazit: “Die aus ästhetischer Bildungsperspektive unbefriedigende gegenwärtige Situation der Schreibdidaktik bedarf konkreter Anregungen.” Eine erste Anregung gibt der Wissenschaftler in seiner Studie selbst, indem er das erzählpädagogische Konzept des italienischen Schriftstellers und Pädagogen Gianni Rodari unter dem Gesichtspunkt ästhetisch orientierter schreibdidaktischer Überlegungen untersucht. Der von Rodari forcierte produktive Umgang mit Sprache, den er in seinem Modell des “phantastischen Binoms” beschreibt, ist demnach auch für einen produktiven Umgang mit Schrift im Schreiben eigener Geschichten geeignet. Für Rodaris Konzept charakteristisch ist, dass er unter einem produktiven Umgang mit Sprache immer eine Integration rational-logischer und ästhetischer Prozesse versteht.

Seine Dissertation versteht Michael Ritter als “Theorie der Praxis”. Seine eigenen Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern – gesammelt zum Beispiel auf der “Schreibspielwiese”, einer Arbeitsgemeinschaft schreibender GrundschülerInnen in Halle – abstrahiert er und integriert sie in die fachdidaktische Diskussion. Das Forschungsprojekt gliedert sich schlüssig in die sprachlich-ästhetisch ausgerichtete Didaktikkonzeption von Eva Maria Kohl ein. Die Betreuerin von Ritters Studie hat an der MLU den Lehrstuhl für Grundschuldidaktik Deutsch inne.

Ich bin wie ich bin

Ich bin der Wind, der die Zweige bewegt.
Ich bin der Titel eines Buches.
Ich bin der Regen, der die Pflanzen sprießen lässt.
Ich bin ein Pferd, das läuft ohne nachzudenken.
Ich bin die Sonne, die zuerst den Tag ankündigt.
Ich bin der Mond, der abends am Himmel steht.
Ich bin ein Jungtier, das verletzlich ist.
Ich bin ein Fuchs, der nachdenkt bevor er geht.
Ich bin ein Bücherwurm, der die Bücher durchkreuzt.
Ich bin der Morgentau, der auf der Wiese liegt.
Ich bin das Wasser, das getrunken wird.
Ich bin dein Freund, wenn du mich gut behandelst.
Ich bin ich, und nur ich ändre was daran.

Alexandra, 10 Jahre


Ritter, Michael: Wege ins Schreiben. Eine Studie zur Schreibdidaktik in der Grundschule. Schneider-Verlag Hohengehren, 2008. EUR 29,80 Euro

(1) Kommentare zum Beitrag " Kinder sollten mit Sprache spielen"

RE: Kinder sollten mit Sprache spielen

Die hier angesprochene Problematik (nämlich diejenige des „wie“) wäre – so glaube ich, ebenso wie in den Fächern der Kunsterziehung in der Praxis relativ einfach zu lösen, in dem die „Schreiberziehung“ (oder Kunsterziehung) doppelgleisig erfolgt. Einerseits ist der klassische Aufsatz wichtig, weil ein Kind/SchülerIn nur dadurch lernt, eine durch das Thema des Aufsatzes vorgegebene Ordnung im Schreiben/Denken zu erlernen, die auch kontrollierbar ist. Auf der anderen Seite darf die Kreativität, die in den meisten Kindern steckt, nicht durch allzu straffe Vorgaben gebremst werden. Als „schreibender“ und künstlerisch tätiger Naturwissenschaftler würde ich aufgrund einiger Erfahrung mit dem Thema den klassischen Aufsatz zu ca. 30 Prozent und das freie kreative Schreiben zu etwa 70 Prozent im Unterricht einbinden wollen. Es ist leider immer wieder beobachtbar, dass das kreative Potenzial von Kindern im Laufe der Schulzeit und des nachfolgenden Studiums durch (notwendige) Regeln in der Mathematik, Chemie und Physik, d.h. durch systematisches, logisches Denken unterdrückt wird und später mühsam neu erlernt werden muss. (Alfred Rhomberg – Igler Reflexe)


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