
Gedanken, Erzählungen, Darstellungen zum Thema Erotik.
eZine von Redaktion Erotik
Erotik: Josefine Mutzenbacher, männliche Phantasien & "ah ... mir kommts"
Bildquelle: www.gemaelde-webkatalog.de - Mädchen von Egon Schiele (1911)
Auf dem Umschlag des Romans steht geschrieben, es handle sich dabei um den wohl bekanntesten erotischen Roman der deutschsprachigen Literatur, der erstmals 1906 im Gustav Kiepenheuer Verlag mit dem Titel „Von Ihr selbst erzählt“ veröffentlicht wurde. Heute ist der Roman unter dem Titel „Lebensgeschichten einer Wiener Dirne“1 in allerlei Buchhandlungen, selbst bei wenig bis kaum sortierten, offen verfügbar.
Der aktuelle Titel, als auch der bemerkenswerte Umschlagtext der Ausgabe, die diesem Beitrag zugrunde liegt, lassen – allerdings erst nach genauer Lektüre des Werkes selbst – einen Aufschluss zu, wie schwer es gerade der Gesellschaft des 20. & 21. Jhd., die scheinbar sexuell durchdrungen und aufgeklärt ist, im Umgang mit dem Text und den darin erzählten Erlebnissen eines jungen Mädchens geht. Fast alle sexuellen Erlebnisse der „Autorin“, die in dem Buch dargestellt werden, haben sich noch vor ihrer Geschlechtsreife zugetragen, im Alter von 7 bis 14 Jahren. Somit ist der Text ca. 200 Seiten Erzählung von kindlichen sexuellen Erfahrungen eines jungen und jungfreulichen Mädchens ohne Brust und Scham mit Bruder, Vater, Priester, Lehrer, usw. Von dem, was der heutige Titel „Lebensgeschichten einer Wiener Dirne“ verspricht, eine Darstellung der Erlebnisse einer geschlechtsreifen Frau, die sich der käuflichen Liebe verschrieben hat, ist nur auf den letzten Seiten, also kaum eine Spur. Das tatsächlich Geschilderte ist wesentlich schockierender.
Wenn auf dem Umschlagtext steht, es handelt sich bei der Darstellung um „ein deftiges und witziges Sittenbild“, so stellt sich die Frage, ob die HerausgeberInnen bei der Erfindung dessen entweder den Text nicht kannten oder sonst wie benebelt waren. Denn von witzigem Sittenbild kann hier keine Rede sein.
Josefine Mutzenbacher2, die Tochter einer Arbeiter-Familie mit zwei älteren Brüdern, lebte in Wien auf. Der Roman handelt von Ihren sexuellen Erlebnissen während des 7ten bis zum 14ten-Lebensalter. Somit müssten sich die Geschichten ca. von 1860 bis 1867 zugetragen haben.
Zunächst begann alles quasi bei dem bekannten „spielen wir Doktor“, wo Pepi (Spitzname von Josefine) mit Ihrem Bruder und zwei weiteren befreundeten Geschwistern die jeweils anderen Geschlechtsteile, „Fut“3 und „Schwanz“4, wie es im dem Text pikanter Weise heißt, ergründete. Dies alles taten sie mit einer Art, als es allen sehr gut gefiele und sich da und dort erste angenehme (sexuelle) Regungen erleben ließen. Die Mädchen, jünger als die Burschen, wie auch die Burschen waren freilich noch nicht geschlechtsreif, also konnte in die Scheide der Mädchen kaum eingedrungen werden, noch die Burschen richtig „abspritzen“. Somit konnten auch keine Kinder gezeugt werden, was dem ganzen treiben eine spielerische Note gab, als die physischen wie psychischen Konsequenzen überschaubar sind.
Diese Spielereien der körperlichen Erkundung steigern sich jedoch im Verlaufe, als ältere Burschen hinzukommen und das Erlebte mehr und mehr mit verbessertem Können auch zu gesteigertem Genuss wurde. So sollte es denn auch nicht dabei bleiben, dass der Schwanz nur äußerlich „gewetzt“ wurde, sondern die Mädchen selbst verlangten immer weiter nach dem Versuch des tieferen Eindringens in Ihre Scheide, selbst wenn es weh tat. Die Geilheit war – anscheinend – stärker.
Besonderes Abenteuer versprachen auch sexuelle Erfahrungen mit Erwachsenen, als diese ausgeprägte sexuelle Körperteile vorzuweisen hatten und sich bei derartigem Experimentieren auch feststellen ließ, dass die Schwänze der Erwachsenen ab einem bestimmten Grad der (sexuellen) Stimulierung einen Schwall an Flüssigkeit teilweise recht heftig abspritzen, einspritzen, über den Bauch spritzen oder sonst wo hinspritzen können.
Bis zu einem entscheidenden Moment, dem plötzlichen Tod der Mutter von Josefine, da könnte Sie so gegen 10 Jahre alt gewesen sein5, hatte Josefine mit wohl zwei Dutzend verschiedener Männer sexuelle Erfahrungen gesammelt. Anal-, Klitoral- wie Oralverkehr, genauso wie Mehrpersonenverkehr oder Inzucht waren quasi ganz selbstverständlich auch mit dabei. Und ihre Erlebnisse waren keineswegs eine Ausnahme. Nein, auch gleichaltrige SchulfreundInnen erzählten ähnliches.
Mit einer Ausnahme werden die sexuellen Erlebnisse, Erfahrungen, Praktiken, etc. so dargestellt, dass es der Pepi jedes Mal zumindest einmal „kommt“ und sie sich immer mit großer Wonne hingeben kann. Kaum/Kein Anzeichen von körperlicher Gewalt (Vergewaltigung).
Jeder Leser, die Leserinnen sowieso, sollten sich spätestens bis hierher die Frage stellen, wie das sein kann?
Danach folgt die Erzählung, wie das Junge Mädchen, schuldig fühlend für den Tod Ihrer Mutter aufgrund ihre nahezu täglichen Inzucht mit ihrem älteren Bruder, Buße tun will beim Herrn Kooperator Mayer.
Sofern sich schon mancheR die Frage gestellt hat, wie es einem Priester gelingen kann, ein junges Mädchen oder auch einen jungen Knaben zu allerlei perversen Spielchen mit ihm zu bringen, dann bringen diese Zeilen einen beeindruckenden Aufschluss.
Auf die Frage des Priesters während der Beichte, ob Sie gar Unkeuschheit getrieben habe, antwortete Pepi mit „Ja“, in der Hoffnung, von Ihren Sünden vom Preister freigesprochen zu werden. Dieses „Ja“ bedeutet allerdings nichts anderes, als den Freibrief für den Preister6, mit dem Mädchen zum Wohle der Absolution alles zu machen, was ihm beliebt.
So wird das spätere in den Mund nehmen des „Schwanzes“ von dem Pfarrer durch das Mädchen vom Pfarrer dem Mädchen gegenüber als ein Akt der Gnade dargestellt, um die Sünde, die damit verbunden ist, los zu werden. So wird das Abspritzen des Samens von dem Pfarrer in die noch kaum geöffnete Scheide des jungen Mädchens als Salbung verkauft und der Cunilingus, den er dem Mädchen macht, als eine Form der körperlichen Reinigung.
- »Brav, mein Kind … brav …«, keuchte er, »so … sag mir alles, wie es war … sprich nur …« Er konnte nicht weiterreden, so stürmisch flog sein Atem, und so heftig remmelte er.
Ich ließ mich nicht weiter aufmuntern: »Ach … ach … so wars … so ists gut … besser … Hochwürden … spritzen Sie … mir kommts … mir kommts … ich kann nichts dafür … aber … Hochwürden … der Schwanz ist so gut … so viel gut ist es das, was Hochwürden tun …«
(Mutzenbacher, J. (2007), S. 1161)
Josefine durchlief auch diesen Weg recht fröhlich und fand Freude und Genuss an der ihr gezeigten Form des Sünden-Adalasses. Sie sollte, so wie nahezu all Ihre Schul-Kameradinnen, regelmäßig Geschlechtsverkehr für mehrere Monate mit dem Pfarrer von nun an haben.
usw., usw.
Und jetzt kommt die große Enttäuschung für alle Männer oder die große Erleichterung für alle Frauen:
Der Roman ist – freilich – nicht von einer Frau, und schon gar nicht von Josefine Mutzenbacher selbst geschrieben. Der Roman ist zum Teil die Niederschrift von perversen und pädophilen Phantasien oder auch Erlebnissen eines Mannes und zum Teil eine Niederschrift und Darstellung gesellschaftlicher, sexueller Katastrophen aus der Sicht eines Mannes.
Die Popularität des Textes weißt dabei auf nichts anderes hin, als dass die Aktualität und somit die damit verbundenen Problematiken – Pädophilie, Kindesmissbrauch, elterlicher Beischlaf, etc. – des Textes gewiss zeitlos ist.
Insofern sei dem wahren Autor7 gedankt, dass dieser Text vorliegt, so wie er ist. Nur allen Männern sei gesagt, dass das meiste davon besser nie tatsächlich passiert und den Frauen sei gesagt, dass ein sexuelles Verlangen nicht immerfort, zu jeder Zeit und bereits ab dem siebten Lebensjahr vorhanden ist.
1 Mutzenbacher, J. (2007): „Lebensgeschichte einer Wiener Dirne, Roman, area Verlag
2 laut Biographie und Vorwort1 im Februar 1852 in Hernals, einem Vorort von Wien, geboren.
3 Umgangssprachlicher, derber österreichischer Ausdruck für die weibliche Vagine inklusive Kitzler und Scham.
4 Umgangssprachlicher Ausdruck für den männlichen Penis.
5 Genauer lässt sich das aus dem Text nicht herausfinden.
6 Oder auch jeder anderen Person mit physischer oder struktureller Macht (Eltern, LehrerInnen, etc.)
7 Der tatsächliche Autor ist nicht bekannt, es kommen Arthur Schnitzler und/oder Felix Salten, eventuell basierend auf tatsächlichen Erzählungen von Josefine Mutzenbacher, in Frage.




