
„Form follows function“ lautet ein bekannter Gestaltungsleitsatz von DesignerInnen und ArchitektInnen. Umgangssprachlich meinen wir mit Form in der Regel nichts weiter als die Gestalt, die äußere Form, den Umriss, Wuchs (Habitus) oder die Erscheinung von Gegenständen und Lebewesen. Doch so einfach und gewöhnlich der Begriff „Form“ auf den ersten Blick auch erscheinen mag, auf den zweiten Blick entpuppt er sich als kompliziertes Beziehungsgeflecht zwischen Gestalt, Wirklichkeit und Wahrnehmung, das seit Jahrhunderten PhilosophInnen, WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen aller Art intellektuell herausfordert. „Was ist Form?“, fragt auch startblatt und sucht nach kreativen und ungewöhnlichen, wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen, reaktionären und subversiven Antworten auf die Formfrage.
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Form [de] - Form und Formalismus
Bildquelle: (c) Foto Alfred Rhomberg
Dieses Thema hatte ich vor vielen Jahren bei der Matura als Auswahlthema unter drei Aufsatzvorschlägen ausgewählt. Dass es sich dabei wohl um ein eher schwieriges Thema handelte, wurde mir erst nach einigen Tagen klar, als mein Deutschlehrer (in Österreich Professor genannt), sagte, er fände meine Arbeit sehr gut, es bestünde nur das Problem ob die oberste Schulbehörde den Aufsatz mit „sehr gut“ oder „nicht genügend“ beurteilen würde – tertium non datur. Mein Aufsatz wurde mit „sehr gut“ bewertet (also keine Themaverfehlung) – ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was ich innerhalb von 4 Stunden bei der schriftlichen Matura zusammengeschrieben hatte. Ob mein Aufsatz wirklich ein „sehr gut“ verdient hatte, darf bezweifelt werden. Nach allem was sich unter den Begriffen „Form“ und „Formalismus“ versteckt, kann ein 18 Jähriger das Thema kaum differenziert genug erfassen. Heute würde ich den Aufsatz vermutlich anders geschrieben haben, nämlich im Sinne dieses Beitrags – und damit vielleicht mit der Benotung „nicht genügend“ in Deutsch durchgefallen sein.
Die Begriffe „Form“ und „Formalismus“ sind interpretationsbedürftig
Form ist zunächst die Art und Weise, wie etwas ist oder sich verändert. Der Begriff wird in vielen Wissenschaften etwa in diesem Sinne verwendet. In der Philosophie bedeutet er einen Endzustand, den das Veränderte annimmt (Definition aus Wikipedia). In der Mathematik versteht man darunter eine Gleichung, die bestimmte Anforderungen erfüllt. Sehr ähnliche Interpretationen gibt es in der Musik. Den Kompositionen einer bestimmten Zeitepoche entsprechend, haben diese einen üblichen Aufbau z.B. die Viersätzigkeit in der Sinfonie oder im Streichquartett, während die klassische Sonate oder ein Instrumentalkonzert meist nur drei Sätze aufweisen. Vor der Klassik war man in der Musik freier, die französischen Kompositionen bestanden im Barock aus einer Folge verschiedener Tanzsätze (Bourée, Sarabande, Siciliano, Gique etc.), eine Form die auch Bach in unterschiedlicher Aneinanderreihung in seinen französischen Suiten und in seinen Violinpartiten verwendete. Noch früher gab es in der Musik wesentlich größere Gestaltungsfreiheit, ebenso wie es heute in der zeitgenössischen Musik das „Diktat der Form“ kaum gibt. Das Wort Gestaltungsfreiheit zeigt die Nähe des Formbegriffes zum Begriff „Gestalt“ – oft lassen sich diese beiden Begriffe nicht von einander unterscheiden.
Anm: Die Zeit der „Klassik“ war in allen Künsten eine Epoche, in welcher die Form, ebenso wie im Alltagsleben eine besondere Rolle spielte. Die Art wie man sich kleidete oder wie man sich benahm. Hier wird die Form zur „Etikette“, wobei die Frage erlaubt ist, wie weit hier Form schon zu Formalismus wird (siehe später).
Den Formbegriff findet man in vielen Gebieten z.B. in der Literatur, insbesondere in der Dichtkunst. Die klassischen Formen, Hexameter, Jambus, Trochäus und Daktylus haben heute ausgedient und auch die Reimform wird in der zeitgenössischen Lyrik nur mehr selten verwendet. Wir finden den Formbegriff in der Mineralogie (Kristallformen), Physik (z.B. Zustandsformen wie Wasser, Eis, Dampf). Im Recht gibt es die „Rechtsform“, in der Politik Staatsformen etc.
Formen werden im 20. Jahrhundert immer mehr als Einengung betrachtet und man versuchte, diese Fesseln abzustreifen, was manchmal sinnvoll ist, jedoch auch seine Grenzen hat. In der Kulturgeschichte (nicht in den Naturwissenschaften) findet man häufig, dass Zeiten, die von Formen besonders geprägt sind, durch solche abgelöst werden, die sie weitgehend ablehnen und umgekehrt. Gleiches gilt auch für Industrie- und Grafikdesign oder Wohnkultur. Insbesondere in der Designbranche sollte eigentlich der Grundsatz „form follows function“ gelten – jeder weiß, dass dies vielfach nicht stimmt, so kann man auf ästhetisch eleganten Stühlen oft nur unbequem sitzen.
Es gibt sogar eine Wissenschaft, die sich speziell nur mit Formen, Aussehen und Gestalt beschäftigt: die Morphologie. In diesem Wort findet man zwei wesentliche Wurzeln dessen, was wir heute als Form (von Latein forma) verstehen: morphé = Gestalt, Form und lógos = Wort, Lehre, Vernunft), also die Lehre den Formen.
Formalismus
Allgemein wird darunter die Vernachlässigung des Inhalts in einer äußeren Form verstanden und bedeutet in dieser Auslegung etwas eher Negatives. Wie oft hört man beim Ausfüllen von Form(ularen) – den Ausspruch: „Nehmen Sie das nicht so ernst – es handelt sich um einen reinen Formalismus (oder Formsache) – nichts weiter!“ Der Begriff „Formalismus“ wird häufig in diesem Sinne gebraucht, da solche Formsachen jedoch oft unumgehbar notwendig sind (z.B. beim Ausfüllen eines Passantrages oder eines Bewerbungsschreibens) darf man diese „Formsachen“ nicht als nebensächlich abtun. In einem Bewerbungsschreiben wird der Formalismus sehr schnell wieder zur Form, ohne die eine Bewerbung für eine bestimmte Stelle abgewiesen würde. Man sieht an diesen Beispielen, dass die Ausdrücke Form und Formalismus häufig in sich verschwimmen.
Es gibt jedoch auch einen Formalismus, der etwas ganz Spezifisches, nicht Nebensächliches ausdrückt.
In der Mathematik versteht man unter „Formalisierter Theorie“ ein Verfahren, in welchem die Sätze einer Theorie mittels logischer Schlüsse aus Axiomen besteht (also von etwas, das nicht bewiesen werden kann und daher als Ausgangspunkt verwendet werden muss).
Die Formalisierung einer Theorie (sei es, durch grammatikalisch richtige Sätze oder eine Formelsprache) ist in der mathematischen Grundlagenforschung, aber auch in der philosophischen „Logik“ besonders wichtig, denn dadurch werden Fragestellungen wie Widerspruchsfreiheit, Unabhängigkeit, Vollständigkeit oder Unterscheidung erst möglich.
Besonders in den Kunstwissenschaften gibt es Schulen, die gerne auf den Begriff „Formalismus“ zurückgreifen und – ohne darauf näher einzugehen, wird der Begriff hier ähnlich wie in der Mathematik, meist im Sinne einer Unterscheidung von anderen Kunstrichtungen gebraucht.
Insgesamt sind Form und Formalismus also in sich verschwimmende Begriffe, die jedoch gleichzeitig auch eigenständig sein können. Auf anderen Gebieten, z.B. „Kommune und Kommunismus“ erkennt man den Unterschied eines Begriffes und seinem “ismus“ sehr genau. Aber auch beim Begriff „Form“ könnte man sich schlecht vorstellen, den Begriff einer Guglhupfform durch den Begriff Guglhupfformalismus zu ersetzen.
P.S. Oft kann man sich an die kleinsten unwichtigen Details seines Lebens erinnern – warum kann ich mich ausgerechnet an mein Maturathema „Form und Formalismus“ überhaupt nicht erinnern? Sollte ich mich zufällig doch einmal an diese Arbeit erinnern und etwas darin finden, das ich hier vergessen habe, würde ein kurzer Nachtrag erfolgen.
(Alfred Rhomberg)
am 08.03.2009 10:48
Form [de] - INHALT
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