
Reportagen und Kommentare zu Gender, Männer, Frauen und mehr.
eZine von Redaktion Frauen-Männer
Frauen, Männer, Gender - Feminismus - Ja, Nein, Weiß nicht
Bildquelle: Petra Schleich - Feminismus befreit
Feminismus befreit, dachte ich immer. Ohne Feminismus dürften sich Menschen mit weiblichen Geschlechtsorganen noch nicht als freie Individuen empfinden – dürften sich nicht als Subjekte denken, lebten als Gefangene einer quasi-schicksalhaften Biologie fast rechtlos im Schatten eines männlichen Artgenossen die Biographie einer Gebärmaschine. Dürften ohne Erlaubnis des Mannes nicht arbeiten (für Geld), nicht wählen, nicht denken, nicht meinen, nichts wissen, nichts sagen…
Dank der feministischen Bewegung dürfen Frauen heute eigentlich alles machen, was ihnen früher aufgrund des Geschlechts versagt geblieben ist. Feminismus befreit, dachte ich immer. Doch macht er wirklich frei? Heute bin ich mir nicht mehr so sicher. In Gesprächen mit anderen Frauen wird immer wieder die Klage darüber laut, dass sich durch den Feminismus das Leben für die Frauen eigentlich verschlechtert hat. Alles wäre jetzt viel komplizierter als früher… Natürlich ist das Leben einer Frau heute viel komplizierter als früher. Schließlich war das Leben der Frau früher überschaubarer und berechenbarer: Verliebt, verlobt, verheiratet, ((eventuell) geschieden), gestorben, begraben. Eine einfache und leicht merkbare Abfolge. Heute gibt es tausende von Möglichkeiten. Mehr Rechte zu haben bedeutet jedoch auch mehr Pflichten zu haben. Mit mehr Rechten wächst zwar auch die Freiheit, aber auch die Verantwortung. Karriere und Familie – was früher für Frauen unvorstellbar und unnatürlich war, ist heute für Frauen in greifbare Nähe gerückt. Doch die Bürde, die mit einer solchen Möglichkeit im Paket kommt, lässt die meisten Frauen wieder die Bequemlichkeit eines Lebens als Ehefrau, Mutter und Hausfrau entdecken. Zurück zum Ursprung sozusagen. Emanzipation macht keinen Spass und Feminismus macht nicht glücklich – so das weibliche Resume. Wozu sich dem rauhen Klima des Konkurrenzk®ampfes aussetzen, wenn es zuhause doch viel schöner ist und frau sowieso um ein Viertel weniger als der Mann verdient. Wäre doch unlogisch, wenn da die Frau die “natürliche” Ordnung auf den Kopf stellen würde.
Diese, von Frauen geführte Klage, behindert, meiner Meinung nach, weitere tiefgreifende Veränderungen im bestehenden System. Denn paradoxerweise machen viele Frauen genau jene ideologische Kraft für gesellschaftliche Verhältnisse, in denen sie leben müssen, verantwortlich, die diese Verhältnisse jedoch im eigentlichen Sinne gar nicht verursacht. Denn nicht der Feminismus erzeugt z.B. eine schlechte Vereinbarkeit zwischen Karriere und Familie, sondern das herrschende System sträubt sich, einen anderen, für die Frauen besseren, Zustand herzustellen. Dies ist jedoch, was viele Frauen nicht so sehen können. Für viele ist der Feminismus schuld daran, dass Gleichberechtigung eher die Hölle als der Himmel ist und unterstützen mit diesem Denken unwissentlich den Erhalt des status-quo anstatt dafür zu sorgen, dass dieser uns nicht mit ein paar kleinen Zugeständnissen schon Gleichberechtigung vorgaukelt. Denn verdienen zu dürfen, heißt heute für Frauen noch immer nicht, gleich viel zu verdienen, oft nicht einmal, soviel zu verdienen, um unabhängig leben zu können. Denn wählen zu dürfen, heißt für Frauen heute immer noch nicht, politisch ausgewogen vertreten zu sein. Und als Frau denken, wissen und meinen zu dürfen, heisst für Frauen heute noch immer nicht, die Welt (auch) nach ihren Vorstellungen gestalten zu dürfen.
Das Tempo mit der die Gleichberechtigung fortschreitet, hängt daher weiterhin von uns Frauen selbst ab, davon mit welcher Begeisterung und Überzeugung wir dafür eintreten, dass das Geschlecht mit dem wir geboren werden, unsere freie Entfaltung weder behindern noch unser Leben irgendwie schicksalhaft vorzeichnen darf. Ganz nach dem Motto: Wir können, was wir wollen und wollen, was wir können – statt: Feminismus – Ja, Nein, Weiß nicht.
am 18.06.2009 13:51











