
Reportagen und Kommentare zu Gender, Männer, Frauen und mehr.
eZine von Redaktion Frauen-Männer
Frauen, Männer, Gender - Supermutter - Gebärmutter - Rabenmutter
Bildquelle: startblatt - Kindergeld ist ein Patschen
Der Boulevard-Journalismus pfeift es von allen Dächern: Das Kindergeld hat versagt. Frauen bekommen trotzdem oder deswegen nicht mehr Kinder. Der leise Gebärstreik der Frauen in Österreich bleibt ungebrochen. Ex-Regierung und Noch-Regierung setzen mit ihrem kindischen Machtkampf in Bildungs- und Familienfragen die Zukunft unseres Landes aufs Spiel. Da hilft es auch nicht, wenn die politischen Landesvertreter anderer Meinung sind und Politikkosmetik betreiben. Haben wir das falsche Mutterbild für eine zukunftsorientierte Familienpolitik?
Mutti ist die Größte?!
Heutzutage ist Mutter sein chic. Schauspielerinnen, Sängerinnen, Models machen es uns vor: das Mutterglück! Die Promis zeigen uns, dass frau liebevolle Mutti und erfolgreiche Karrierefrau sein kann. Was uns nicht gezeigt wird, ist, dass diese Frauen ein Vermögen ausgeben, um dieses Bild durch einen Stab von Angestellten aufrecht erhalten zu können. Ein Vermögen, über das die Durchschnittsfrau in der Regel nicht verfügt. Denn laut Armutskonferenz leben 10% der erwerbstätigen ÖsterreicherInnen in Armut. Ein überwiegender Anteil davon ist weiblich. Frauen sind vor allem arm, weil sie aufgrund von Betreuungspflichten keine “richtigen” Jobs haben können und Teilzeit arbeiten müssen. Mangelnde Kinderbetreuung bedeutet zwar nicht immer gleich Armut, gefährdet aber nachgewiesen die Karriere. Da frau in Österreich schon gegen die zweithöchste geschlechtsspezifische Lohnschere kämpft, ist frau mittlerweile klug genug, sich nicht durch mangelnde Kinderbetreuungsangebote für unter 3-jährige ins berufliche Aus zu katapultieren. Oder doch?
Dr. Mutti – das Paradoxon von der akademischen Mama
An der Mutterfront ist paradoxerweise jedoch das Phänomen zu beobachten, dass Frauen Mitte dreißig mit akademischem Titel, die unter den nicht eben leichten Bedingungen des derzeitigen Arbeitsmarktes ihren Karriereweg antreten, nicht selbstverständlich an ihm festhalten. Vielmehr hat sich eine sog. “Generation Bugaboo” aus hippen jungen Karrierefrauen herausgebildet, die sich mit dem ersten Kind ganz selbstverständlich ins Hausfrau-und-Mutter-Leben verabschieden. Sind es tatsächlich die Männer und die Politik, die Frauen zum Rückzug ins Private zwingen? Oder ist es doch nur weibliche Bequemlichkeit? Vor allem privilegierte Frauen, die sich eine Kinderbetreuung auch ohne Vater leisten könnten, ziehen es vor, zuhause zu bleiben, wenn einmal ein Kind da ist. Die genauen Ursachen und die volkswirtschaftlichen Kosten der akademischen Vollzeit-Mutter gehören noch genauer untersucht.
Betrachtet frau unsere amerikanischen Geschlechtsgenossinnen, die sich sowohl im öffentlichen Bereich als als auch in der Privatwirtschaft samt Kindern munter an die Spitze arbeiten, dann wird offensichtlich, dass Gehaltsdiskriminierung und “gläseren Decke” nur mangelhafte Ausreden für eine konsequente Karriere mit oder ohne Kind darstellen. Die Verantwortungslosigkeit, mit der manche Frauen hierzulande ihre Vorsorge wie ihr berufliches Vorankommen managen, legt eher den Verdacht nahe, dass frau darauf vertraut, einen Versorger zu finden. Die Volkswirtschaft trägt den Schaden für den intellektuellen Kompetenzverlust und die Politik fördert diesen mit weiteren falschen Anreizen. Österreich hat die dritthöchsten Pro-Kopf-Familienausgaben der EU und trotzdem gibt es immer weniger Frauen, die Kind und Beruf miteinander vereinbaren können.
Supermutter vs. Rabenmutter – die Ideologie der “Neuen Mütterlichkeit”
Die radikalen Eingriffe, die notwendig wären, um das BerufMutterHausfrau-Dasein möglich zu machen ohne die Frauen in die völlige Selbsterschöpfung zu führen, sind hinlänglich geschildert worden: qualitativer Ausbau von Betreuungseinrichtungen für Kinder und alte Menschen, zusätzliche Maßnahmen zur Erhöhung der Frauenerwerbsarbeit und zur Schließung der Lohnschere, Neuverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Doch darüber hinaus wird es auch notwendig sein, gegen die Ideologie der “Neuen Mütterlichkeit” anzukämpfen – eine Ideologie, die frau glauben machen will, dass die Entwicklung ihres Kindes hauptsächlich von ihr abhängig ist, dass es eine Biologie der Mütterlichkeit gibt, dass es “gute” und “schlechte” Mütter gibt. “Gute” Mütter, so machen uns populärwissenschaftliche Bücher weis, sind jene, die ihren Kleinen in allen ihren Welterkundungsgelüsten freie Hand lassen, die dem Kind stets die Initiative überlassen, die an allen seinen kleinen Unternehmungen Interesse zeigen, die möglichst nie in Eile sind und vermeiden, dem Kind das eigene, an beruflichen oder häuslichen Notwendigkeiten orientierte hektische Tempo aufzuzwingen. In der Realität bedeutet das, Stress, Überforderung und Schuldgefühle, dieser Aufopferung nicht genügen zu können und Unzufriedenheit darüber, dass frau ohne Kind besser beraten gewesen wäre. Denn die kinderlose Umgebung reagiert meistens mit völligem Unverständnis auf dieses “Ein Kind zu erziehen ist die wichtigste und großartigste Aufgabe der Welt!”
Frauen sind nicht nur Mütter – Mütter sind nicht nur Frauen!
Für eine zukunftsorientierte Volkswirtschaft bzw. Gesellschaft wird es notwendig sein, die ständige Fokussierung der Frau auf ihre Gebärmutter und die ständige Glorifizierung der Mutterrolle aufzugeben. Vor allem die psychologisch-pädagogische Fachliteratur muss aufhören, die Mutter zur Hauptverantwortlichen für das Glück ihres Kindes zu machen und das Bild von Rabenmüttern zu stricken, die ihre Kinder in den ersten Lebensjahren aus egoistischen Gründen sträflich vernachlässigen und ihnen dadurch irreversible Schäden durch emotionale Unsicherheit und Instabilität zufügen. Erst wenn dem mütterlichen Leistungsdruck durch alternative Rollenbilder ein Ende gesetzt wird, die biologische Notwendigkeit nicht mit einer biologischen Verpflichtung einhergehen, dann erst ist eine zeitgemäße Familienpolitik, die alle Facetten von Homoehe und -elternschaft, Patchworkfamilien, Alleinerzieherinnen, Kinderlose etc. widerspiegelt und die über fallweise soziale Interventionen für Frauen hinausgeht, möglich.
am 17.08.2007 16:20




