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13.10.2008
Fußball – eine phänomeno(log...
08 Fussball (3 Beiträge von 2 AutorInnen online)
Wenn der Vorhang der Fußball EM 2008 aufgeht, die Welt in den Hintergrund tritt und die Völker Europas zum friedlichen Gegeneinander um die Vorherrschaft über ein kleines rundes Leder antreten, dann werden wir wieder einmal aus unserem komatösen Miteinander erwachen, die feste gegen flüssige Nahrung tauschen, den Alltag vergessen, um im Publikum mitzuerleben, wie nahe Sieg und Niederlage, Hoffnung und Verzweiflung, Jubel und Taumel, Begeisterung und Fanatismus, Liebe und Hass, Recht und Unrecht beieinander liegen. Während uns die offizielle Marketingmaschinerie auf den ersten Anpfiff vorbereitet, fragen wir uns: was macht eigentlich den (Nicht-)Reiz von Fußball aus? Woher kommt und wohin geht der Fußball? Was passiert vor, während und nach einem Spiel? Muss man/frau die eigene (National-)Mannschaft unterstützen? Und was macht ein Nicht-Europäer während der EM? Was die Politiker im Stadion? Ist ein Abseits wirklich Ansichtssache? Ist Fussball hohe Kunst, Philosophie oder einfach nur das große Geschäft? Und wie ist das mit den Frauen und Fußball?

08 Fussball - Fußball – eine phänomeno(logische) Analyse

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08 Fussball - Fußball – eine phänomeno(logische) Analyse - startblatt - Mittellinie
Bildquelle: startblatt - Mittellinie

Über die nicht wegleugbare Tatsache, dass Fußball für manche bis sehr viele Menschen eine unbegreifliche Attraktion bedeutet, ist viel geschrieben worden. Warum eigentlich? Nüchtern betrachtet laufen ja nur 20 Spieler einem Ball nach und zwei warten darauf, dass dieser ab und zu auch zu ihnen gelangt. Nicht zu vergessen: die vielen Tausende von Menschen im Stadion und die Milliarden, die das Geschehen am Fernsehgerät überwachen und hoffen, dass die zwei Torhüter nicht unterbeschäftigt bleiben. Ebenso nüchtern betrachtet handelt es sich bei einem Fußball um ein „sportliches Gerät“ – was sonst?

Etwas weniger nüchtern gesehen, geht es um sehr viel Geld, Nationalstolz und Sensationslust, wobei letztere durch die zunehmend wachsameren Ordnungshüter immer mehr an Attraktion verliert (1989 forderte ein Fußballspiel in Sheffield/England 96 Todesopfer und über 700 Verletzte, 2008 wäre man schon froh, wenn es abends in den Kneipen nur ein paar Alkoholopfer gäbe). Übrig bleiben also die Komponenten „viel Geld“ und Nationalstolz – beides fragwürdige Werte, wenn man in puncto Geld den Abscheu der Massen gegen den Kapitalismus und in puncto Nationalstolz den gesunden Menschenverstand berücksichtigt.

Fußball ist u.a. auch ein wissenschaftliches Phänomen. Während Handball nur eine geringe mediale Aufmerksamkeit besitzt, steht Fußball hinter Erotik an zweiter Stelle unserer heutigen Werteskala. Was ist bei Fußball so ganz anders als bei Handball – abgesehen von der Tatsache, dass Fußball eben mit dem Fuß und Handball definitionsgemäß mit der Hand gespielt wird? Füße rangieren in der sportlichen Psyche offenbar vor Händen. Es gibt allerdings eine wissenschaftliche These für die Attraktivität von Fußball: ein Fußballspiel baut sich langsam (nachvollziebar) auf, führt zu (nachvollziehbaren) Hoffnungs- und Enttäuschungsmomenten und setzt sich mit einem (nachvollziehbaren) Torerlebnis – oder Unerlebnis fort. Handball ist sehr schnell, die Sportler und Zuschauer müssen also sehr geschmeidig im Verfolgen strategischer Spielabläufe sein – das übrige, nämlich das Tor-Erfolgserbnis bzw. Unerlebnis sind gleichwertig/unwertig mit dem entsprechenden Fußballerfolgs/Unerfolgserlebnis. Daraus zu schließen, dass Fußballbegeisterte im Denken weniger schnell als Handballbegeisterte sind, wäre eine unerlaubte Unterstellung.

Besonderes Interesse verdient die Analyse aller am Phänomen „Fußball“ beteiligten Akteure.

Da gibt es 1.) zunächst die nicht ganz unwichtigen Fußballathleten. Sie sind meistens unter 30 Jahre alt (jeder der älter ist, hat nur noch ein sehr kurzes Ablaufsdatum).

2.) Schiedsrichter dürfen etwas älter sein – zumindest so lange sie den Athleten noch hinterher laufen können, ab und zu dürfen sie sich auch etwas ausruhen und gelbe oder rote Karten zeigen.

3.) Trainer können erheblich älter sein – die Erfahrung des Alters entspricht etwa der Erfahrung alter Philosophen (Sepp Herberger, berühmtester Nationaltrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft: „der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten“). Trainer brauchen auch die sportlichen Anweisungen, die sie im Training ihrer Mannschaft geben, nicht mehr physisch nachzuvollziehen.

4.) Sportfunktionäre: je höher der Rang, desto weniger haben sie aktiv im Fußball geleistet1.

5.) Die Zuschauer – (beinahe hätte ich sie vergessen, obwohl Fußballspiele ohne Zuschauer, vermutlich langweilig und wirtschaftlich uninteressant wären): Die Zuschauer setzen sich hauptsächlich aus Männern aller Alters- und Bildungsklassen zusammen, wobei inzwischen allerdings der Anteil an weiblichen Zuschauern deutlich im Steigen begriffen ist. Es ist noch nicht gesichert, ob dieses Ansteigen weiblicher Zuschauer ein emanzipatorisches Bedürfnis oder echtes Interesse ist – es gibt ja inzwischen ganz hervorragende Fußball-Frauschaften und es wäre auch nicht logisch begründbar, warum Frauen mit einem Ball von 69-70 cm Durchmesser und einem Gewicht von 410-450 Gramm schlechter umgehen sollten als Männer. Auch die Tatsache, dass es sich bei einem Fußball theoretisch um einen abgestumpften Ikosaeder handelt (für den Autor des Beitrags, der im Nebenfach Mineralogie studiert hat, sehr wichtig), dürfte für Frauen kein Problem sein.

Zusammenfassend kann man am Phänomen Fußball zur Zeit nur folgende gesicherte Aussagen machen:

  • 1.) Fußball ist wichtig.
  • 2.) Das Phänomen „Fußball“ ist bisher phänomenologisch noch nicht ausreichend geklärt.
  • 3.) Die Amerikaner sind keine schlechteren Menschen als wir, nur weil sie Fußball im herkömmlichen Sinn umgangssprachlich als soccer bezeichnen (eine Kurzform von association football und dient als Abgrenzung zu American Football).
  • 4.) Politisch ist Fußball (zumindest derzeit) nicht ganz so brisant wie die Olympischen Spiele. Im Privatleben kann es jedoch zu peinlichen Konflikten kommen (die Frau eines lieben Freundes, eine charmante Ungarin, saß zur Zeit als mein Freund noch im österreichischen diplomatischen Dienst und die österreichische Fußballmannschaft noch Weltklasse war – also vor sehr, sehr langer Zeit – auf der Diplomatenloge im Fußballstadion von Budapest und feuerte die ungarische Mannschaft bei einem Spiel Osterreich gegen Ungarn mit magyarischen Äußerungen an – politisch und privat äußerst peinlich!).

Die EM 2008 wird an den vorangegangenen Betrachtungen nichts Wesentliches ändern. Nationalhymnen werden nirgends überzeugender gesungen, als bei derartigen sportlichen Ereignissen – bzw. „warum ist es am Rhein so schön“, wenn es anschließend zum gemütlicheren Teil des Tages kommt – mit viel Bier und so ganz ohne Krieg!


1 Anm.: überall gibt es Ausnahmen: Franz Beckenbauer (auch „Kaiser“ genannt) hat wirklich eine überdurchschnittliche Sportlerkarriere hinter sich, weshalb folgendes Zitat stimmt:
„Franz Beckenbauer gilt als einer der besten Fußballer aller Zeiten und wird in der Öffentlichkeit häufig als „Lichtgestalt des deutschen Fußballs“ bezeichnet. Wichtige Meilensteine im Fußball sind der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft, sowohl als Spieler (1974) als auch als Trainer (1990).“
Bei Christoph Daum klingt ein Zitat schon etwas bescheidener: „Christoph Daum begann seine Fußballerkarriere 1971 in der Jugendmannschaft bei SF Hamborn 07, wechselte dann 1972 zu Eintracht Duisburg, spielte während seiner Studienzeit im Lehrerturnverein Duisburg sowie ab 1975 beim 1. FC Köln, wo er bei den Amateuren zum Einsatz kam.“
Insgesamt fällt auf, dass es sich bei höheren Fußballfunktionären – mit Ausnahme vom „Kaiser“ Franz Beckenbauer – um alte, wenig smarte und unsportlich wirkende Herren (bisher noch keine Frauen) handelt, die offensichtlich alle nicht an Geldproblemen leiden.


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