
Blogbild: stilisierte DNA-Helix (Computergrafik)
Weblog von Alfred Rhomberg
Gentechnologie, Stammzellenforschung & innovative Ansätze der Pharmaforschung: Teil II – Antidepressiva
Bildquelle: gezeichnet mit ChemBase (MDL) - Alfred Rhomberg
(wie in Teil I gilt, dass allzu wissenschaftliche Erläuterungen in Anmerkungen stehen und auch „überlesen“ werden können)
Die Zahl derjenigen, die mit Antidepressiva behandelt werden, nimmt stetig zu. Das liegt weniger daran, dass „die Zeiten immer schlimmer“ werden (obwohl manche moderne Lebensformen für die Ursache zur Depression verantwortlich sein mögen), sondern daran, dass die Psychatrie und Biochemie immer genauere Vorstellungen über die Vorgänge haben, die am Gesamtbild der Depression beteiligt sind. Doch Vorsicht! – Antidepressiva greifen direkt in die sensibelsten Vorgänge der Hirnprozesse ein, viele der Wirkstoffe sogar direkt auf Neurotransmitter und alle Vorgänge, die durch Neurotransmitter gesteuert werden. (Der Beitrag Teil III wird auf die Neurotransmitter näher eingehen).
Anm.: Neurotransmitter sind unterschiedliche biochemische Stoffe, welche die Information von einer Nervenzelle zur anderen über die Kontaktstellen der Nervenzellen, den Synapsen, weitergeben. In die Synapse einlaufende elektrische Impulse (Aktionspotenziale) veranlassen die Ausschüttung der chemischen Botenstoffe aus ihren Speicherorten. Aus diesem Grunde sind die Folgeerscheinungen bei falscher Anwendung wesentlich ernster als bei Sedativa (wie z.B. Valium oder Frisium).
Antidepressiva sollten daher wirklich nur vom Psychiater verschrieben werden, der am ehesten die Abgrenzung von harmloseren Erkrankungen (Nervosität, Unruhe oder Schlafstörungen) von tiefer liegenden Ursachen abgrenzen kann.
Wie bei den Sedativa sind viele Grundmoleküle der heutigen Depressiva bereits seit den 60-er und 70-er Jahren bekannt, man kannte jedoch damals ihre Wirkunsweise nicht. Dies gilt auch für das im Blogbild gezeigte Doxepin aus der Gruppe der trizyklischen Antidepressiva. Die Substanz wurde von meiner früheren Firma Boehringer Mannheim (heute Roche) als Beruhigungsmittel mit stimmungsaufhellender Wirkung entwickelt und wurde seit 1970 unter dem Handelsnamen Aponal® auf den Markt gebracht, ohne dass man in der Entwicklungszeit der 60er Jahre den genauen Wirkmechanismus kannte, außer dass es auf das zentrale Nervensystem (ZNS) wirkt.
_Anm.: Heute weiß man, dass die Substanz, wie praktisch alle trizyklischen Antidepressiva als Hemmstoff der Monoamin Rückaufnahme aus dem synaptischen Spalt in die präsynaptischen Gewebe und außerdem anticholinerg, antihistaminisch und adrenolytisch wirken. Die durch die (unselektive) Rückaufnahmehemmung erhöhte Verfügbarkeit von Serotonin und Noradrenalin zur neuronalen Übertragung führt zu einer Milderung depressiver Symptome. Diese Beeinflussung der Transmittersysteme ist auch Ursache der charakteristischen Nebenwirkungen, die man damals zwar kannte, jedoch ohne deren Ursache genau zu kennen._
Da die trizyklischen Antidepressiva eine häufig verschriebene Verbindungsklasse sind (Imipramin, Clomipramin u. viele andere) ist zu bemerken, dass diese in viele Neurotransmittersysteme gleichzeitig eingreifen und die Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin hemmen und zusätzlich auf Azetylcholin- und Histaminrezeptoren wirken. (Über diese Neurotransmitter wird in Teil III –Neurotransmitter, berichtet). Aus diesem Grund ist die Zahl der Nebenwirkungen bei allen diesen Substanzen sehr vielfältig. Je nach kleinen Abänderungen des tricyclischen Grundgerüstes wirken diese Substanzen eher als Beruhigungsmittel oder als Neuroleptikum („nervendämpfend“) bei Psychosen.
Wegen der vielen Parallelwirkungen werden heute oft „selektive Wiederaufnahme Hemmer“ (auf einen bestimmten Neurotransmitter gerichtet) angewendet. Abgesehen, dass es auch bei diesen Substanzen viele unerwünschte Nebenwirkungen gibt, ist die Entscheidung, welches Medikament verordnet wird nicht einfach, weil eine diagnostische Zuordnung zu einem bestimmten Krankheitsbild bei der Depression wesentlich schwieriger ist, als bei vielen anderen Erkrankungen, bei denen ja meist eine exakte Diagnose vorliegt (z.B. hoher Blutdruck, zu hohe Cholesterinwrte etc.).
Wichtig ist auch zu wissen, dass zwar die beruhigende (sedative) Wirkung fast immer nachweisbar ist, bei der antidepressiven Wirkung jedoch nur ca. 50 – 70 Prozent aller Patienten ansprechen, wobei die Placebowirkung (also der Vergleich mit Tabletten ohne Wirkstoff) bei etwa 30 Prozent liegt. Dies gilt für fast alle anderen chemischen Verbindungsklassen der Depressiva in gleichem Maße, meist unterscheiden sich die einzelnen Medikamente nur in ihrem Nebenwirkungsprofil. Daher ersetzen Antidepressiva normalerweise keine Psychotherapie, machen diese im Falle von schweren Depressionen jedoch überhaupt erst möglich, weil die für eine Psychotherapie notwendige Ansprechbarkeit oft nicht vorhanden ist.
Einige Beispiele für selektive Wiederaufnahmehemmer:
Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI)
SSRI sind die am häufigsten eingesetzten Antidepressiva, sie blockieren speziell die Rezeptoren, die für die Wiederaufnahme des Botenstoffes Serotonin (Neurotransmitter) zuständig sind. Beispiele: Fluvoxamin (Handelsnamen z. B. Luvox®, Fevarin®), Fluoxetin (z. B. Fluctin®, in Amerika Prozac®, oder Citalopram (z. B. Cipramil®, in den USA Celexa®).
Dopamin-Wiederaufnahme-Hemmer (DRI)
Das ehemalige Medikament Amineptin (Survector®) ist ein heute nicht mehr verschreibungsfähiges Antidepressivum, das zwar vermarktet wurde aber nicht mehr hergestellt wird, weil es Abhängigkeit auslöst. Methylphenidat (Ritalin® u. a.) ist ebenfalls ein Dopamin-Wiederaufnahme-Hemmer, wird aber nicht als Antidepressivum sondern als Neurolepticum vermarktet. Wegen seiner Amphetamin ähnlichen Struktur wirkt es stimmulierend und unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz.
Selektive Serotonin-/Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRI, SSNRI)
Die SNRI hemmen die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin. Einsatzgebiete sind Depressionen und Angststörungen.
Es gibt viele solche „selektive“ Arzneimittel, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll, weil die Problematik durch die vorangegangenen Beispiele angedeutet wurde.
Phytopharmaka, (pflanzliche Wirkstoffe).
Hierzu gehört bei den Antidepressiva insbesondere das Johanniskraut. Anders als lange angenommen, wird der antidepressive Effekt nicht vorrangig durch Hypericin hervorgerufen, welches zwar auch die Wiederaufnahme verschiedener Neurotransmitter hemmt, aber in normalen Dosen im Johanniskraut nicht in wirksamer Menge vorkommt. Auch Johanniskraut-Präparate haben in höherer Dosierung erhebliche Nebenwirkungen. (Tees aus Johanniskraut sind harmlos, aber als Antidepressivum kaum wirksam).
Resumée: Antidepressiva sind grundsätzlich mit Vorsicht einzusetzen. Bei einigen lässt die Wirkung nach einiger Zeit nach. Fast alle Stoffe haben unerwünschte Nebenwirkungen. Bei psychotischen Erkrankungen sind Antidepressiva ganz allgemein am besten wirksam, wenn die Arzneimittelbehandlung von Zeit zu Zeit von einer psychotherapeutischen Behandlung begleitet wird.
(Alfred Rhomberg)



