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24.07.2008
War die Erfindung von Aspiri...
Gentechnologie, Stammzellenforschung & innovative Ansätze der Pharmaforschung (24 Beiträge online)
In loser Folge wird darüber berichtet, was auf dem Gebiet der Gentechnologie, der Stammzellenforschung und über innovative Pharmaforschung für ein kritisches Publikum „berichtenswert“ ist.
Blogbild: stilisierte DNA-Helix (Computergrafik)

eZine von Alfred Rhomberg

Gentechnologie, Stammzellenforschung & innovative Ansätze der Pharmaforschung: War die Erfindung von Aspirin “innovativ“ ? – Braucht man wirklich immer neue Arzneimittel? - Der Versuch einer Abgrenzung.

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Gentechnologie, Stammzellenforschung & innovative Ansätze der Pharmaforschung - War die Erfindung von Aspirin “innovativ“ ? – Braucht man wirklich immer neue Arzneimittel? - Der Versuch einer Abgrenzung. - Wikipedia: Aspirin (Kalottenmodell)
Bildquelle: Wikipedia: Aspirin (Kalottenmodell)

Der folgende Beitrag ist eine Fortsetzung meines früheren Beitrages „Was ist innovative Arzneimittelforschung …“ vom 14.3.2008)

Der Ausdruck „innovativ“ ist heute eines der inflationärsten Worte, um Produkte aller Art verkaufen zu können. Daher zunächst die Frage:

Ist es für einen Patienten wichtig, ob das ihm verordnete Arzneimittel innovativ oder „nicht“ innovativ ist? Diese Frage lässt sich ganz eindeutig mit „nein“ beantworten, einzig wichtig ist, dass das Mittel hilft.

Anders ist dies bei der Neuentwicklung von Arzneimitteln, hier stellt sich die Frage: Braucht man überhaupt immer neue Arzneimittel? Auch diese Frage lässt sich leicht, diesmal jedoch mit „ja“ beantworten: man braucht sie, weil es bei vielen Krankheiten noch keine wirksamen Gegenmittel gibt.

Versuch einer Abgrenzung

Beginnen wir mit einem der ältesten industriell hergestellten Arzneimittel – dem Aspirin. Als es 1897 das erste Mal gelang, die Acetylsalicylsäure (Aspirin, ASS) industriell herzustellen, gab es den Ausdruck „innovative Forschung“ noch nicht, Forschung war grundsätzlich das Finden von etwas Neuem. Rückwirkend gesehen hätte die Debatte beim Aspirin bereits anfangen können. Der Wirkstoff aus einem Weidengewächs (Salicaceae) war seit 1763 bekannt, wurde 1853 zum erstenmal chemisch isoliert und 1897 von Bayer synthetisiert. Obwohl der Wirkstoff also bekannt war und man die pharmakologische Ursache der Wirkung von Aspirin damals noch nicht kannte, muss man die synthetische Herstellung dieses Arzneimittels auch unter heutigen Gesichtspunkten als „innovativ“ bezeichnen. Grund: Der Wirkstoff in Weidenrinden war vor seiner Synthese nur in geringfügigen Mengen zugänglich, nicht alle Weidengewächse enthalten den Stoff in ausreichenden Mengen, eine medizinische Anwendung mit Weidenrinde war dadurch absolut unsicher bzw. fast wirkungslos. Das von Bayer hergestellte Aspirin war eine einfache, nicht teure und genau definierte Substanz mit einer ganzen Reihe von Wirkungen (schmerzstillend, fiebersenkend und – wie man heute weiß – hat die Substanz auch bei der Herzinfarktprophylaxe wegen ihres Einflusses auf die roten Blutkörperchen, gute Ergebnisse gezeigt. Die Tragik der Substanz (oder eher unserer heutigen Sichtweise der Pharmaforschung) ist, dass Aspirin, obwohl es das bestuntersuchte Arzneimittel aller Zeiten ist, heute wohl kaum eine Arzneimittelzulassung erhalten würde: es hat zu viele positive Wirkungen (die wenigen Nebenwirkungen sind bekannt). Man zieht heute Substanzen vor, die möglichst nur eine einzige definierte Wirkung haben (dass man diese Substanz dann wieder mit anderen Substanzen gemeinsam verabreicht, ist eine andere Sache).

Warum hier so ausführlich auf Aspirin eingegangen wurde, ist darin begründet, dass man die Gesamtproblematik an diesem Beispiel auf andere Wirkstoffe übertragen kann.

Die Entwicklung des ersten Betablockers war eine hervorragende, innovative Ergänzung des Arzneimittelschatzes. Betablocker hemmen die aktivierende Wirkung von Adrenalin und Noradrenalin, wodurch der stimulierende Effekt des Sympathikus auf die Zielorgane, vornehmlich das Herz, gedämpft wird. (Anm.: der Sympathikus ist als Gegenspieler zum Parasympathikus einer der wichtigsten Nerven des vegetativen Nervensystems).

In kurzer Zeit wurden auf der ganzen Welt Betablocker mit geringfügig veränderten Eigenschaften entwickelt, was nicht mehr als innovative Forschung bezeichnet werden kann. Dieser Trend fand dann ein Ende, weil die Zulassungskosten auch eines nur geringfügig veränderten Stoffes etwa gleich hoch sind wie beim ersten Betablocker, sich die Aufteilung des Weltmarktes jedoch bei mehr als 30 ähnlichen Präparaten nicht mehr finanziell rechnet. Eine innovative Weiterentwicklung war dann wieder das von Boehringer Mannheim (heute Roche Diagnostics) entwickelte Carvedilol, weil diese Substanz wesentlich wirksamer als alle Vorläufer war und zusätzlich über eine Alpha-Blockerwirkung verfügt, die ebenfalls nützlich für die Herzinfarktprophylaxe ist. Schon die Wirkungssteigerung ist „innovativ“, weil es für die Leber, in der alle Arzneimittel umgesetzt bzw. abgebaut werden, eine deutlich geringere Belastung bedeutet, wenn die Tagesdosis von 300 mg eines älteren Betablockers im Falle des neuentwickelten Carvedilol nur 25 mg beträgt.

Man könnte viele derartige Beispiele anführen, es soll an dieser Stelle jedoch eine Brücke zu neueren Pharmaentwicklungen geschlagen werden. Ein modernes Arzneimittel ist dann „innovativ“, wenn man die Ursache einer Erkrankung wissenschaftlich kennt und durch Eingriff in die Mechanismen, die diese Erkrankung verursachen oder fördern, neue Medikamente findet, die diese Ursachen zurückdrängen. Man sollte dabei nicht gleich das Wort „Heilung“ verwenden“ – wenige Arzneimittel heilen Erkrankungen wirklich, es ist schon ein beträchtlicher Erfolg, wenn eine beginnende Erkrankung so hinaus gezögert wird, dass der Patient vermutlich nicht mehr an dieser Krankheit stirbt. Das gilt z.B. für Diabetes im Jugendalter ebenso wie für Altersdiabetiker und für viele andere Stoffwechselerkrankungen (erhöhter Cholesterinspiegel, erhöhter Harnsäurespiegel und viele andere Stoffwechselentgleisungen).

Der nächste Schritt wäre heute u.a. eine kausale Bekämpfung von Viruserkrankungen, bei der wir erst am Anfang stehen (z.B. bei HIV, Vogelgrippe, Gelbfieber und vielen anderen Viruserkrankungen).

Anm.: bei Antbiotica gegen bakterielle Erkrankungen ist die Forschung inzwischen wesentlich weiter als bei der Bekämpfung von Viren. Man kennt viele Eingriffsmöglichkeiten, um Bakterien an ihrer Vermehrung zu hindern und relativ viele unabhängige Wirkstoffklassen. Ein wesentliches Problem der antibakteriellen Behandlung ist heute, dass viele Bakterien inzwischen gegen früher wirksame Antibiotica resistent geworden sind, d.h. die Bakterien haben sich an diese Mittel gewöhnt.

Weiterhin forscht man heute intensiv daran, Krankheiten wie Krebs, Multiple Sklerose, Parkinson oder Altersdemenz erfolgreich zu behandeln (es gibt sehr viele derzeit noch unheilbare Erkrankungen). Dies beginnt selbstverständlich damit, dass man die Ursachen solcher Krankheiten erforscht, erst dann besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit, Wirkstoffe zur Heilung, oder zumindest Verzögerung der Krankheit zu finden. Gerade bei den letztgenannten Erkrankungen wird man in der Zukunft ohne Stammzellenforschung und Gentechnologie nicht auskommen.

Wie „innovativ“ sind die heute sehr beliebten pflanzlichen Arzneimittel?

Auch hier gilt der Grundsatz, dass der Begriff „innovativ“ hier nicht angebracht ist, wenn ein Mittel hilft. Abgesehen davon, dass die klassische Arzneimittelforschung von hochwirksamen Pflanzeninhaltsstoffen ausgegangen ist, muss man bei rezeptfreien pflanzlichen Mitteln (Phytopharmaka) unterscheiden ob, es sich um standardisierte Mittel, oder Kräuterzusammenstellungen handelt, deren Ursprung nicht genau bekannt ist und daher verunreinigt oder auch unwirksam sein können. Phytopharmaka sollten unbedingt standardisiert, d.h. die Reinheit, Wirkstoffzusammensetzung und Dosis genau bekannt sein. Es gibt viele Phytopharmaka-Hersteller bei denen dies gewährleistet ist. Wirklich innovativ sind solche Mittel selten, oft handelt es sich um altbekannte Pflanzeninhaltstoffe, die sehr niedrig dosiert sind und daher kaum Schaden anrichten können. In vielen Fällen ist ihre Wirkung bei ernsteren Erkrankungen daher auch begrenzt. Grundsätzlich kann man jedoch davon ausgehen, dass es in der Natur noch sehr viele, unbekannte „innovative“ Wirkstoffe gibt, deren Wirksamkeit allerdings erst nachgewiesen und nach heutigem Wissensstand geprüft werden muss. Man sollte immer berücksichtigen, dass die Natur nicht nur harmlose Stoffe, sondern auch hochgiftige Substanzen produziert. So gehören Pflanzeninhaltsstoffe wie Strychnin, Digitalis (Fingerhut), Phalloidin u. Amanitin (Gifte des Knollenblätterpilzes), Bella Donna (Tollkirsche), sowie viele andere Pflanzengifte zu den stärksten Giften überhaupt.

Als Resumée möchte der Autor jede Forschung auf dem Gebiet viraler Erkrankungen, Tumorerkrankungen, Nervenleiden und Hirnerkrankungen (einschließlich Depressionen) und Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises als besonders „innovativ“ bezeichnen. Ob Arzneimittel chemischen oder pflanzlichen Ursprung haben oder gar gentechnologisch hergestellt werden, spielt bei den oben aufgeführten Erkrankungen jedenfalls keine Rolle. Dem Bedarf an innovativen Therapieansätzen ist auch in Zukunft keine Grenze gesetzt.

(Alfred Rhomberg)


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Gentechnologie, Stammzellenforschung & innovative Ansätze der Pharmaforschung - INHALT

nach Popularität
(02.05.2008) Teil III – Neurotransmitter: Botenstoffe des Nervensystems
(24.06.2008) Drug Design – Arzneimittel am „Reißbrett“ konstruieren
(29.04.2008) Teil I - Zentrales und autonomes Nervensystem und Pharmaka die diese Nervensysteme beeinflussen - Beruhigungsmittel (Sedativa).
(26.04.2008) Stand der Alzheimer Forschung heute
(20.05.2008) HIV – die bisher schwierigste Herausforderung aller Biowissenschaften.
(02.04.2008) Ethische Betrachtungen zur Gentechnik- und Stammzellenforschung
(28.03.2008) Stammzellenforschung und therapeutische Ansätze
(25.03.2008) ACE Hemmer: ein Beispiel für innovative Pharmaforschung
(12.03.2008) Einführung zur Gentechnologie (I) - Kritische Überlegungen
(30.05.2008) Die Patentsituation biotechnologischer Erfindungen – und ein Nachtrag zu meinem Text v. 30.5.2008
(30.05.2008) Darmkrebs: Gute Chancen für die Entwicklung eines Bluttests - allgemeine Gedanken zur Entwicklung solcher Tests.
(14.03.2008) Was ist "innovative" Pharmaforschung? - Allgemeine Betrachtungen
(12.04.2008) Ansätze zur Parkinson-Therapie mit Stammzellen und Gentechnologie
(20.04.2008) DNA und Doppelhelix – der biochemische Code des Lebens
(24.05.2008) Innovative Forschung führt zu risikoärmeren Immuntherapeutika
(08.04.2008) Trail - ein körpereigenes Eiweiß, das Krebszellen in den Selbstmord treibt
(13.04.2008) War die Erfindung von Aspirin “innovativ“ ? – Braucht man wirklich immer neue Arzneimittel? - Der Versuch einer Abgrenzung.
(30.04.2008) Teil II – Antidepressiva
(07.05.2008) Herceptin – ein monoklonaler Antikörper gegen Brustkrebs.
(11.04.2008) In Deutschland wurde das Stammzellengesetz gelockert
(06.05.2008) Bevacizumab – ein neuer Wirkstoff gegen Krebs und ein Beispiel für innovative Arzneimittelforschung
(29.04.2008) „Alzheimer“ – mit PET frühzeitig erkennen (copyright des Beitrags: MedAustria)
(12.03.2008) Einleitung zu einer schwierigen Thematik
(16.04.2008) „Ötzis“ Zwischenruf zur Ethikdebatte
nach historischer Entwicklung
(24.06.2008) Drug Design – Arzneimittel am „Reißbrett“ konstruieren
(30.05.2008) Die Patentsituation biotechnologischer Erfindungen – und ein Nachtrag zu meinem Text v. 30.5.2008
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