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08.10.2008
Atomkraft für Österreich? – ...
Geschichte revisited (7 Beiträge online)
Geschichte und Geschichten neu betrachtet und aufbereitet.

Geschichte revisited - Atomkraft für Österreich? – „Nein, danke!“ - Eine Einleitung

Channel: Staat/Politik
Region: Österreich
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Die friedliche Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung war in den Nachkriegsjahren bis Anfang der 1970er-Jahre zu einem Symbol für Modernisierung und Wachstum geworden. Sie wurde nicht nur von der Elektrizitätswirtschaft, sondern auch von den politischen Eliten und den Sozialpartnern forciert. Energiepolitik wurde sozusagen in „geschlossener Gesellschaft“ betrieben. Sie war eine Domäne der Energieversorgungsunternehmen; die rechtlichen, organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen schuf der Staat. Die Intentionen waren auf Bedarfsdeckung, aber auch auf Bedarfsweckung ausgerichtet1. In den Jahren 1955-1973 konnten die Elektrizitätsversorgungsunternehmen (EVU) jährliche Zuwachsraten von sechs bis sieben Prozent verzeichnen; der Stromverbrauch verdoppelte sich in dieser Zeit etwa alle zehn Jahre2.

Energieverbrauch und Wirtschaftswachstum waren untrennbar miteinander verbunden. Für die Elektrizitätswirtschaft galt es daher, jederzeit ausreichend und preisgünstig Strom zur Verfügung zu stellen. Im Großen und Ganzen stand die E-Wirtschaft nicht im unmittelbaren Interesse der Öffentlichkeit, außer wenn es Strompreiserhöhungen gab, die aber aufgrund einer Preisbindung immer im zuständigen Ministerium ausgehandelt werden mussten. Eine Politisierung erlebten Fragen der Energieversorgung erst mit der Ölkrise von 1973/74. Zugleich begann sich Anfang der 1970er-Jahre in Österreich Widerstand gegen die zunehmende Zahl von Kraftwerken, insbesondere gegen das Kernkraftwerk (KKW)[3] Zwentendorf, zu regen. Getragen wurde der Widerstand von den ersten Umweltschutzgruppen und Bürgerinitiativen. Die Kontroverse um das KKW Zwentendorf gipfelte schließlich in der Volksabstimmung vom 5. November 1978 und endete mit einem knappen „Nein“ zur Inbetriebnahme des damals schon fertiggestellten Werkes.

Ein Grund für das Scheitern der friedlichen Nutzung der Kernenergie in Österreich war unter anderem auch der geringe Informations- und Wissensstand über eine sehr komplexe Materie. Das traf sowohl auf die politischen Entscheidungsträger als auch auf die breite Öffentlichkeit zu. „Atomkraft“ rief in weiten Kreisen der Bevölkerung Emotionen und Ängste hervor, denn sie wurde gleichgesetzt mit der Atombombe und dem Unheil, das diese über Hiroshima und Nagasaki gebracht hatte. Den geringen Wissensstand um die Kernenergie konnten sich die Gegner zunutze machen, um die Aufmerksamkeit der Menschen mit ihren durchaus nicht unrealistischen Argumenten auf die Gefahren dieser Art der Stromerzeugung zu lenken und entsprechend zu sensibilisieren. Der wissenschaftliche Dissens in der Kernenergiefrage trug zusätzlich zur Verunsicherung der Bevölkerung bei.

Konzentriert arbeiteten die Gegner auf das Ziel hin, die Inbetriebnahme des ersten österreichischen Kernkraftwerkes zu verhindern. Dass sie Erfolg hatten, war nicht zuletzt auch dem Umstand zu verdanken, dass es ihnen gelungen ist, einen Widerstand über alle Parteigrenzen hinweg zu organisieren. Erstmals in der Zweiten Republik setzte sich damit eine außerparlamentarisch fundierte Bewegung gegen eine überaus mächtige Lobby, bestehend aus Regierung, Sozialpartnern und E-Wirtschaft durch4. Neben der Anti-Atombewegung trugen zum negativen Ausgang der Volksabstimmung innerparteiliche Spaltungstendenzen in den beiden Großparteien sowie parteipolitisches Kalkül der ÖVP (1979 standen Nationalratswahlen an) bei, nicht zuletzt aber auch der Umstand, dass Bundeskanzler Bruno Kreisky sein politisches Schicksal mit einem „Ja“ zur Inbetriebnahme von Zwentendorf verknüpft hatte.

Aus demokratiepolitischer Sicht brachte das „Erlebnis“ der ersten Volksabstimmung in der Zweiten Republik eine Belebung der politischen Landschaft mit sich. Dass ca. acht Milliarden Schilling in ein „Modell 1:1“ eines Kernkraftwerkes investiert worden sind, musste von den beteiligten Elektrizitätsgesellschaften verschmerzt werden, ebenso die Folgekosten einer jahrelangen Konservierung der Kraftwerksanlage in Zwentendorf. Die „Rückkehr zum Kienspan“, ein von den Befürwortern in den Diskussionen oft beschworenes Szenario, sollte Zwentendorf nicht in Betrieb gehen, blieb der österreichischen Bevölkerung erspart. Zwischen 1979 und 1988 entstanden in Österreich fünf fossile thermische Kraftwerke auf Kohlebasis mit einer Gesamtleistung von 1527 MW, darunter das Kraftwerk in Dürnrohr (Katastralgemeinde von Zwentendorf) mit einer Gesamtleistung von 775 MW als Kompensation für das von der Bevölkerung abgelehnte KKW Zwentendorf5.

Auch der Wasserkraftausbau wurde in diesem Zeitraum forciert durch die Errichtung von fünf Laufkraftwerken (Gesamtleistung 402 MW) und sieben Speicherkraftwerken (Gesamtleistung 1962 MW), darunter das Kraftwerk Malta (Hauptstufe) im Kärnten mit einer Leistung von 730 MW, das in unmittelbarem Zusammenhang mit dem KKW Zwentendorf errichtet wurde und 1979 seinen Betrieb aufgenommen hat. Für die Absicherung von Grundlast sollte das Werk in Zwentendorf sorgen, das Speicherkraftwerk in Malta war zur Abdeckung der Spitzenlast sowie als Reserve für einen kurzfristigen Ausfall vorgesehen. Andererseits sollte in der verbrauchsarmen Zeit aus Zwentendorf Pumpstrom nach Malta fließen, mit dem das im Kraftwerk abgearbeitete Wasser wieder in den Speicher hätte zurückgepumpt werden können. Erst durch diese wechselseitige Beziehung wäre ein wirklich wirtschaftlicher Betrieb von Malta möglich geworden6.


1 Vgl.: Christian Schaller: Die österreichische Kernenergiekontroverse: Meinungsbildungs- und Entscheidungsfindungsprozesse mit besonderer Berücksichtigung der Auseinandersetzung um das Kernkraftwerk Zwentendorf bis 1981. Bd. 1. Phil Diss. [masch.] Salzburg 1987 (verkürzt zitiert: Schaller, Kernenergiekontroverse),11.

2 Vgl.: Energie-Control: Gesamte Versorgung. Jahresreihen. Inlandstromverbrauch (ohne Verbrauch für Pumpspeicherung). Veränderung zum Vorjahr. www.e-control.at vom 6. 9. 2007.

3 Der Terminus „Kernkraftwerk (KKW)“ wurde von der Elektrizitätswirtschaft, großteils von den Befürwortern und auch von der Bundesregierung verwendet. Der Terminus „Atomkraftwerk (AKW)“ von den Gegnern. Der Grund dafür war ein psychologischer: „Kernkraft“ klingt nicht so bedrohlich wie „Atomkraft“. In meiner Arbeit werde ich die Termini so verwenden, wie sie in der zitierten Literatur bzw. den verwendeten Quellen erscheinen.

4 Vgl.: Schaller, Kernenergiekontroverse, 12.

5 Das Kraftwerk in Dürnrohr wurde als Gemeinschaftskraftwerk von EVN und Verbundgesellschaft errichtet, wobei die Partner an dem einen Standort jeweils unabhängige Kraftwerksblöcke betreiben und verschiedene Infrastrukturen gemeinsam nutzen. Vgl.: Georg Rigele: Zwischen Monopol und Markt. EVN das Energie- und Infrastrukturunternehmen. Hg.: EVN AG. Maria Enzersdorf 2004, 187.

6 Vgl.: Gemeinwirtschaft. Zeitschrift für Führungskräfte in der Wirtschaft. 17. Jg. (6-1978), 17.


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