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11.10.2008
Der Widerstand formiert sich
Geschichte revisited (7 Beiträge online)
Geschichte und Geschichten neu betrachtet und aufbereitet.

Geschichte revisited - Der Widerstand formiert sich

Region: Österreich
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Geschichte revisited - Der Widerstand formiert sich - startblatt - Zwentendorf nach einem Bild von Werner Hölzl, das auf wikipedia gefunden wurde und das nun zum Cover der Serie Atomkraft für Österreich? - Nein,danke! umgestaltet wurde
Bildquelle: startblatt - Zwentendorf nach einem Bild von Werner Hölzl, das auf wikipedia gefunden wurde und das nun zum Cover der Serie "Atomkraft für Österreich? - "Nein,danke!" umgestaltet wurde

Aus der Serie “Atomkraft für Österreich? – “Nein, danke!”

Neue Technologien zu installieren, verlief auch in früheren Zeiten nicht immer friktionsfrei. Als Anfang des 19. Jh. in Deutschland die Gasbeleuchtung auf Straßen und Gassen eingeführt wurde, stand dem die Öffentlichkeit ablehnend gegenüber. Die angesehene „Kölnische Zeitung“ führte 1819 sechs Gründe an, warum diese neue Technik der Straßenbeleuchtung abzulehnen sei, von denen zwei Punkte hier zitiert seien, die besonders seltsam anmuten:

Punkt 3.: “Aus medizinischen Gründen: die Gasausdünstung wirkt sich nachteilig auf die Gesundheit schwachleibiger und zartnerviger Personen aus und legt auch dadurch zu vielen Krankheiten den Stoff, weil sie den Leuten das nächtliche Verweilen auf den Straßen leichter macht und ihnen Schnupfen, Husten und Erkältung auf den Hals zieht.”

Punkt 4.: “Aus philosophisch-moralischen Gründen: Die Sittlichkeit wird durch die Gassenbeleuchtung verschlimmert. Die künstliche Helle verscheucht in den Gemütern das Grauen vor der Finsternis, das die Schwachen von mancher Sünde abhält. Die Helle macht den Trinker sicher, daß er in den Zechstuben bis in die Nacht hinein schwelgt, und sie verkuppelt verliebte Paare83

Ungleich gefährlicher als die Gasbeleuchtung ist Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung. Erster Widerstand regte sich bereits in den 1960er-Jahren. Zu diesem Zeitpunkt waren es noch keine Verbände und Interessensgruppen, sondern Personen wie z. B. Günther Schwab, der Gründer des „Weltbundes zum Schutze des Lebens“, der Physiker Karl Nowak, der Publizist Paul Blau, die Biologen Peter Weish und Gertraud Pleskot, auch der FPÖ-Abgeordnete Otto Scrinzi, die der Atomkraft negativ gegenüber standen84.

Einleitung eines Volksbegehrens

Mehr medialen Widerhall fand dann das von Richard Soyka, dem Linzer “Bund für Volksgesundheit“ und mehr als zwanzig anderen Organisationen im Mai 1969 eingeleitete „Kernenergie-Volksbegehren gegen radioaktive Verseuchung durch Kernspaltungs-Kraftwerke90” Das Presse-Echo war für die Initiatoren nicht eben schmeichelhaft. Von “Wald-, Wiesen-, Luft- und sonstigen Schützern wider den wirtschaftlich-wissenschaftlichen Fortschritt” oder von “einer Aktion, zurück zum Kienspan91” war da die Rede.

Nicht alle Kernenergie-Gegner waren glücklich über die Idee, ein Volksbegehren durchzuführen. Drobils Ansicht war, dass über den Einsatz der Atomkraft nicht das Volk, sondern Experten zu befinden hätten. Auch in der Verbundgesellschaft gab es Differenzen: Offiziell zählte sie – wenn auch nicht wirklich mit Begeisterung – zu den Befürwortern, die von der Sicherheit der neuen Technologie überzeugt waren. Der Zentralbetriebsrat der Verbund berief sich aber auf die Vorteile der Wasserkraft und teilte dem „Bund für Volksgesundheit“ mit, dass im Falle eines Volksbegehrens gegen ein Atomkraftwerk mit den Stimmen der Arbeiter und Angestellten nicht nur des Verbundkonzerns, sondern auch jener der am Bau von Wasserkraftwerken beteiligten Firmen gerechnet werden könne. Erst nach der Einigung zwischen Verbund und den Landesgesellschaften bzw. Gründung der GKT kamen die kritischen Stimmen aus der Belegschaft zum Schweigen92.

Das Volksbegehren selbst war kein überragender Erfolg. Zwischen 1969 und 1974 konnten etwas über 100.000 Unterschriften gesammelt werden, zu wenig für eine parlamentarische Behandlung, für die mindestens 200.000 Unterschriften erforderlich gewesen wären.

Das – allerdings gescheiterte – Volksbegehren festigte zwar den Zusammenschluss der Atomgegner, förderte aber nicht eine vertiefende öffentliche Debatte über Strahlenschutz und Reaktorsicherheit. Die Diskussionen drehten sich vielmehr um wirtschaftliche Argumente, die aber von den Gruppen der Atomgegner nicht entsprechend aufgegriffen wurden. Andererseits wurden die Aktivisten von den Kraftwerksbetreibern und -befürwortern bereits als störend empfunden. Man warf ihnen vor, die Ängste der Bevölkerung zu schüren und Vernunftgründen nicht zugänglich zu seien93. Zusätzlich traf die Arge „Verhütet den Krebs“ der schwerwiegende Vorwurf, sich für Kernkraftwerke auf Basis der Kernfusion einzusetzen, einer Technologie im Forschungsstadium, die noch lange nicht ausgereift sei94.

Die Aktivitäten der Kernkraftwerksgegner hatten immerhin zur Folge, dass die Frage der Sicherheit nun auch von den EVU und der ÖSGAE aufgegriffen wurde. Im Herbst 1969 versuchten Regierung und E-Wirtschaft den Bedenken mit einer Werbekampagne zu begegnen, nachdem im August das Strahlenschutzgesetz im Nationalrat einstimmig beschlossen worden war. Wie ernst diese Kampagne wirklich gemeint war, muss hinterfragt werden, wenn der damals zuständige Verkehrsminister Weiss eine Anfrage des FPÖ-Abgeordneten Scrinzi bezüglich Aufklärung der Bevölkerung und einer Enquete über die Sicherheit dahingehend beantwortete, dass irgendwann eine Aufklärungskampagne zur Beseitigung letzter Bedenken durchgeführt werden sollte, an eine Sicherheitsenquete des Ministeriums aber nicht gedacht sei. Erwin Frühbauer, Nachfolger von Weiss, meinte kurz nach dem Baubeschluss ebenfalls, dass es die Befürworter offenbar an der nötigen intensiven Information der Öffentlichkeit fehlen ließen95.

Nach der Standortfestlegung kritisierten die Gegner zunehmend die Informationspolitik der Betreiber und auch der Medien und warfen ihnen Manipulation der öffentlichen Meinung vor. Die Kosten für die „Atompropaganda“ bis 1971 werden von den AKW-Gegnern mit 50 Millionen Schilling beziffert96.

Aktivitäten bis 1976

Der Mobilisierungsversuch für Sternfahrten zu Protestkundgebungen am Bauplatz von Zwentendorf im Juni und September 1970 hat nur wenig Widerhall gefunden. 200-300 Teilnehmer fanden sich etwa am 6. September 1970 ein. Die spärliche Beteiligung an diesen Kundgebungen lag wohl einerseits daran, dass den Organisatoren nicht die entsprechenden institutionellen Einrichtungen zur Verfügung standen, andererseits aber auch daran, dass zu diesem Zeitpunkt die breite Öffentlichkeit für das Thema Kernkraft und die damit zusammenhängenden Probleme noch nicht genügend sensibilisiert war, was zu einem guten Teil auch dem bis dahin herrschenden Informationsmangel zuzuschreiben war97.

Sogar in Zwentendorf selbst hielt sich der Widerstand in engen Grenzen. Nach Umfragen durch die GKT wurden Ende 1970 noch 17 Prozent der Bevölkerung als Atomgegner ausgemacht, Ende 1972 waren es nur mehr 13 Prozent, wobei diese Angaben mit einiger Vorsicht zu behandeln sind, da die Werte von der Betreibergesellschaft ermittelt wurden. Auch der Gemeinderat von Zwentendorf war Anfang September 1970 einstimmig dafür, keinen Einspruch gegen den Bewilligungsbescheid der Landesregierung für den Beginn der Vorarbeiten für das Kernkraftwerk zu erheben. Kirche und Bauernfunktionäre setzten sich ebenfalls für den Bau ein. Die GKT versprach neue Arbeitsplätze und wirtschaftliche Prosperität in einer Region, die von stagnierender Industrie betroffen war, und stand auch zu anderen Versprechungen: Zwentendorf erhielt ein Hallenbad, eine Mehrzweckhalle und eine neue Volksschule. Die Kehrseite: 50 Arbeiter mussten unter dem Druck örtlicher Honoratioren ihre Unterschriften zum Volksbegehren gegen den Bau des Kraftwerkes wieder zurückziehen98.

Diskussion über die Erdbebensicherheit

Anlässlich der Manifestation am 6. September 1970 wurde eine weiteres Forum – neben den schon bestehenden Plattformen „Bund für Volksgesundheit“ und der Arge „Verhütet den Krebs“ – gegründet: die „Gesellschaft für biologische Sicherheit“ mit Sitz in Zwentendorf, angeführt von Walther Soyka. Neben der Argumentation gegen die Kernkraft forderte man auch Priorität für den Kraftwerksausbau an der Donau und machte auf die fehlende Erdbebensicherheit aufmerksam. Von offizieller Seite gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine seismologischen Gutachten. Die Betreibergesellschaft versuchte ihrerseits, bei der Informationstagung des Österreichischen Atomforums am 24. März 1971 diese Bedenken zu zerstreuen und der niederösterreichische Landeshauptmann Maurer erklärte nach einer Studienreise durch die BRD die Sicherheitsmaßnahmen für perfekt99. Der für die Energieversorgung zuständige Bundesminister Erwin Frühbauer bekräftigt seine Maxime: nicht Wasserkraft oder Kernenergie, sondern Wasserkraft und Kernenergie und verweist auf den hohen Sicherheitsstandard bei Kernkraftwerken100.

Der Erdbebensicherheit galt aber nach wie vor die Aufmerksamkeit der AKW-Gegner. Walther Soyka stieß in der Akademie der Wissenschaften auf eine von Eduard Sueß 1873 erstellte Arbeit, die eine Erdbebenzone ausweist, die sich von Triest über den Semmering durch Zwentendorf und das Kamptal bis Leipzig erstreckt101. Als Soyka im März 1971 seine Kenntnis über die Erdbebenzone, die, wie er erklärte, genau durch Zwentendorf gehen würde, der Presse mitteilte, nannte diese das eine kabarettreife Enthüllung der Atomgegner102. Die E-Wirtschaft sah naturgemäß für das Kernkraftwerk im Tullnerfeld keine Erdbebengefahr, denn – so wurde beteuert – der Standort Zwentendorf liege auf keiner Erdbebenlinie. Das Kraftwerk wurde aber trotz dieser Beteuerungen hinsichtlich der Erdbebengefahr technisch und baulich auf das stärkste in diesem Gebiete bekannte Erdbeben (Neulengbach 1590) ausgelegt103, was ein doch einen Widerspruch in sich darstellte. Tatsächlich aber gab es am 16. April 1972 im weiten Umkreis von Zwentendorf ein Erdbeben der Stärke sieben auf der Mercalli-Skala, dessen Epizentrum in Seebenstein lag. Die Erdstöße richteten auch in Wiener Neustadt und Wien große Schäden an104. Die Bauarbeiten in Zwentendorf mussten geraume Zeit eingestellt werden. Die bereits gegossenen Fundamente mussten mit einem Kostenaufwand von 400 Mio. Schilling abgerissen und durch neue, stärkere ersetzt werden105.

Tatsächlich mussten auf Wunsch der Regierung nach diesem Erdbeben alle Berechnungen neu erstellt werden, und zwar nicht nur die, die das Bauwerk betrafen, sondern auch jene der Rohrleitungen. Mit den dynamischen Berechnungen für das Bauwerk wurde die Technische Universität (TU) Wien beauftragt; die Neuberechnung der Rohrleitungen wurden vom Technischen Überwachungsverein (TÜV) durchgeführt. Alle Pläne wurden letztlich noch von der TU Wien abgesegnet106. Im Februar 1972 sprachen Vertreter der „Gesellschaft für biologische Sicherheit“ mit dem amerikanischen Atomexperten und Biomediziner John W. Gofman107 bei Bundeskanzler Kreisky vor, um auf die Sicherheitsmaßnahmen hinzuweisen. Sie nutzten diese Gelegenheit auch, um auf die Unmöglichkeit, ihre Anliegen zu artikulieren zu verweisen, weil ihnen dafür institutionelle Einrichtungen fehlen würden; nicht zuletzt wurde auch auf die mangelnden finanziellen Mittel hingewiesen. Zu der von Kreisky versprochenen Einbindung in die Entscheidungsfindung kam es nicht, da Gesundheitsministerin Leodolter die Atomgegner auf den Gesetzesweg verwiesen hat, was so viel bedeutete, dass ein im Nationalrat positiv zu behandelndes Volksbegehren vorliegen hätte müssen, was bis dahin nicht der Fall war.

Die am 7. März 1972 abgehaltene Bauverhandlung endete daher für den strikten Atomgegner Walther Soyka, dem vom Gesundheitsministerium die Teilnahme als Beobachter gestattet worden war, mit der Entfernung aus dem Verhandlungssaal durch die Staatspolizei, da er verlangt hatte, als Partei gehört zu werden108. Sein Verlangen begründete Soyka mit den als Vollmachten gesammelten 902 Unterschriften gegen das Bauvorhaben. Wenn diese Unterschriften auch keinen Einfluss auf die Bauverhandlung hatten, können sie aber als Indiz für einen sich verstärkenden Widerstand der Bevölkerung im Raum Zwentendorf gewertet werden, der ja gemäß StSchG eine Parteienstellung nicht zuerkannt wurde und nun, mit dem Baubeschluss, die Realisierung des Kernkraftwerkes auch nicht mehr aufzuhalten war109.

Ein letzter Versuch, den Bau doch noch zu verhindern, wurde im Sommer 1972 unternommen. Die Arge „Verhütet den Krebs“ forderte in einer Petition an den Bundeskanzler den Baustopp mit der Begründung, dass die vorgesehenen Notkühlsysteme nicht ausreichen würden, im Falle einer Störung eine Katastrophe zu verhindern110. Diese Eingabe wurde aber vom Gesundheitsministerium mit der Begründung abgelehnt, dass alle Experten die Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen für ausreichend hielten. Bei einer Podiumsdiskussion der Tageszeitung „Kurier“ kamen aber durchaus kontroverse Expertenmeinungen zutage, vor allem zur Frage des Strahlenschutzes. Um der lokalen Bevölkerung die Bedenken zu nehmen, richtete die GKT im Herbst 1972 ein Informationszentrum beim Baugelände ein111. Die Gegner des Kraftwerkes bemängelten daran, dass die Gefahren der radioaktiven Strahlung nicht eindringlich genug dargestellt seien und das Problem des hochaktiven Abfalls als gelöst dargestellt werde, was den Tatsachen aber widerspreche112.

Im September 1972 verlangte die „Gesellschaft für biologische Sicherheit“ in einer Pressekonferenz die Einführung eines kontradiktorischen Verfahrens, das heißt, dass vor der Genehmigung eines einschlägigen Vorhabens in einer Verhandlung nicht nur die Vor-, sondern auch die Nachteile des Projektes aufgezeigt werden müssten. Unterstützung findet die Gesellschaft in der amerikanischen Journalistin Mary Hays Weik, die nur in der Eigeninitiative von Bürgern eine erfolgversprechende Möglichkeit sieht, den Bau und Betrieb von Atomkraftwerken zu verhindern. Man weist bei dieser Gelegenheit noch darauf hin, dass auch die Wissenschafter in den Atomkraftwerken eine Gefährdung sehen113.

Die kontroverse Diskussion der Experten sollte sich durch die ganze „Schlacht um Zwentendorf“ ziehen. Die Frage ist, ob nicht gerade diese Auseinandersetzungen der Fachleute vor allem in der späteren Phase des Widerstandes mehr zur Verunsicherung als zur Aufklärung über die komplexen Fragen der Atomenergie beigetragen haben. Zum Zeitpunkt des Baubeginns fehlte jedoch noch der Druck der direkt Betroffenen, denn trotz des intensiven Einsatzes von Wissenschaftern, Ärzten und sonstigen Einzelkämpfern, war eine breite Mobilisierung der Öffentlichkeit nicht zu erreichen. Auch von den politischen Eliten war keine effektive Unterstützung zu erwarten, denn diese sahen im Widerstand gegen Zwentendorf einen Angriff auf eines ihrer Prestigeobjekte der Modernisierung114. Die Presse ist in dieser Phase ebenfalls zum größten Teil noch auf Regierungskurs und bewertet die Bedenken der AKW-Aktivisten als „irrational“ und “emotional115”.

Widerstand gegen das KKW Rüthi

In der Phase, als die Auflehnung gegen Zwentendorf noch nicht richtig zu greifen begann, formierte sich ab 1971 in Vorarlberg heftiger Widerstand gegen das von der Schweiz projektierte KKW Rüthi nahe der österreichischen Grenze, nur wenige Kilometer von Feldkirch entfernt.

Der Boden für den Widerstand gegen das KKW Rüthi wurde schon lange vorher von der Vorarlberger Landesgruppe „Weltbund zum Schutz des Lebens“ aufbereitet. Auch die einflussreichen „Vorarlberger Nachrichten“ schworen sich auf den Widerstand ein. 1971 versammelten sich in Feldkirch bei Anti-Rüthi-Märschen geschätzte 20.000 Teilnehmer; 1973 und 1975 gingen immerhin noch Zehntausende auf die Straße. Anlass genug für Landehauptmann Kessler (ÖVP), die Bundesregierung aufzufordern, offiziell bei der Schweizer Regierung zu intervenieren, was in der Folge auch geschah. Man einigte sich auf die Einsetzung einer zwischenstaatlichen Beamtenkommission und auf ein Verschiebung des Baubeginns nach 1973116.

In Bezug auf Zwentendorf muss das Verhalten der österreichischen Politik wohl als schizophren bezeichnet werden: Einerseits intervenierte man gegen das geplante grenznahe Schweizer AKW Rüthi, andererseits hielt man am eigenen Atomprogramm fest. Nur die FPÖ blieb ihrer festgelegten Anti-Atom-Linie treu und lehnte Atomkraftwerke prinzipiell ab.

Der Rückgang der Energienachfrage, die zunehmenden internationalen Kernenergiekontroversen und der Druck des gezielten Widerstandes gegen das aktuelle Projekt bewogen 1976 die Schweizer Regierung, den Bau des KKW Rüthi auf unbestimmte Zeit zurückzustellen117.

Geplant: Österreichs zweites Kernkraftwerk in St. Pantaleon

1973 wurde der Plan für das zweite Kernkraftwerk in Österreich ventiliert – vorgesehener Standort St. Pantaleon an der Mündung der Enns in die Donau. Am 20. Februar 1974 erfolgte die Gründung der Gemeinschaftskernkraftwerk Stein GesmbH (GKS). Die Inbetriebnahme war für 1980/81 vorgesehen. Der Protest der Bevölkerung ließ hier – im Gegensatz zu Zwentendorf – nicht lange auf sich warten. Ende April 1974 formierte sich die überparteiliche „Bürgerinitiative gegen Atomgefahren (BIAG)“, die zunächst überwiegend auf Enns und Linz konzentriert war. Geplant waren Podiumsdiskussionen in den Umlandgemeinden, um Stellungnahmen von Politikern zu erhalten sowie die Einleitung eines Volksbegehrens118.

Am 15. Dezember 1974 fand eine erste Protestkundgebung am Baugelände statt und am 22. April 1975 bekam bei einer Diskussionsveranstaltung mit 3500 Teilnehmern in Linz auch der dabei anwesende Bundeskanzler Kreisky den geschlossenen Widerstand der betroffenen Bevölkerung zu spüren. Der Termin für die Inbetriebnahme wurde auf 1985/86 verschoben, Grund dafür seien – so Handelsminister Staribacher – ökonomische Überlegungen. Der eigentliche Anlass dürfte aber der immer heftiger gewordene Widerstand gewesen sein119. Nach der Volksabstimmung vom November 1978 und dem darauf folgenden Atomsperrgesetz ist auch dieses Projekt obsolet geworden.

Nach dem erfolgreichen Widerstand gegen das zweite Kernkraftwerk fanden die Proteste gegen Zwentendorf im April 1976 ihre Fortsetzung in Wien bei einer Veranstaltung des „Arbeitskreises Atomenergie“ und am 17. Mai 1976 treffen sich AKW-Gegner aus Oberösterreich, Salzburg, Wien, Vorarlberg und Kärnten in Enns, um über ein gemeinsames Vorgehen zu beraten. Das Resultat war die Gründung der „Initiative Österreichischer Atomkraftgegner (IÖAG)“ sowie eine erste gemeinsame Erklärung120. Es war ein breites Spektrum, aus dem sich die Antagonisten wider die Kernkraft rekrutierten. Der Bogen reichte von ganz rechts über katholisch-konservative Kreise bis hin zu SPÖ-Mitgliedern und ganz linken Gruppierungen. Dazu kamen noch Wissenschafter und Künstler beiderlei Geschlechts mit undefinierbarer politischer Ausrichtung121.


83 Werner Müller: Des Feuers Macht. Frankfurt 1986, 82.

84 Vgl.: Schaller, Kernenergiekontroverse, 151; Tollmann, Desaster Zwentendorf, 48.

85 Vgl.: http://www.oekoweb.at/556 (verkürzt zitiert: oekoweb) v. 15. 9. 2007.

86 Schaller, Kernenergiekontroverse, 152.

87 Vgl.: Ebda, 153.

88 Vgl.: Schaller, Kernenergiekontroverse, 153.

89 Vgl.: Tollmann, Desaster Zwentendorf, 49.

90 Vgl.: oekoweb, 1.

91 Schaller, Kernenergiekontroverse, 153.

92 Vgl.: Ebda, 155

93 Vgl.: Ebda, 156.

94 Vgl.: Arbeiter-Zeitung v. 20. 9. 1969 (verkürzt zitiert: AZ) (= www.arbeiter-zeitung.at v. 4. 11. 2007), 3.

95 Vgl.: Schaller, Kernenergiekontroverse, 154 f.

96 Vgl.: Ebda, 157.

97 Vgl.: Schaller, Kernenergiekontroverse, 158.

98 Vgl.: Ebda.

99 Vgl.: Ebda, 159.

100 Vgl.: AZ v. 26. 3. 1971, 2.

101 Vgl.: oekoweb, 2.

102 Vgl.: Ebda, 2.

103 Vgl.: Fragen & Antworten, 30.

104 Vgl. AZ v. 18. 4. 1972, 6 f.

105 Vgl.: oekoweb, 3.

106 Diese Information erhielt die Verfasserin von Ing. Lederer in einem Gespräch am 12. 11. 2007. Die Mehrkosten von 400 Mio. Schilling, wie sie von oekoweb kolportiert wurden, wurden von Lederer bestätigt („das könnte so hinkommen“); allerdings umfasste dieser Betrag alle Kosten, die mit den neuerlichen Berechnungen und deren Umsetzung in Zusammenhang standen.

107 John W. Gofman arbeitete in den USA als Physiker an der Extraktion von Plutonium aus Uran und an der Entwicklung der Atombombe mit. Nach einem Medizinstudium leitete er ab den 1960er-Jahren die biomedizinische Abteilung der „Atomic-Energy-Commission (AEC)“, wendete sich dann aber der Krebs- und Chromosomenforschung im Zusammenhang mit Radioaktivität zu und schloss daraus, dass ionisierende Strahlung als Krebsauslöser ernster genommen werden müsse, als das bis dato geschehen war. Als die AEC plante, den Bau von 1000 Kernkraftwerken zu genehmigen, schlug Gofman ein fünfjähriges Moratorium für diese Genehmigungen vor. Da das nicht im Sinne der AEC war, trennte man sich und Gofman lehrte bis zu seiner Pensionierung an der Barkeley-Universität. Vgl.: http://www.ratical.org/radiation/CNR/JWGcv.html v. 10. 10. 2007.

108 Vgl.: apa v. 7. 3. 1972.

109 Vgl.: Schaller, Kernenergiekontroverse, 160. Laut Tollmann wollte Soyka mit Einwilligung von Gesundheitsministerin Leodolter „die Einwände und Bedenken von 902 Vollmachtgebern“ vertreten. Vgl.: Tollmann, Desaster Zwentendorf, 51.

110 Vgl.: apa v. 27. 7. 1972.

111 Vgl.: Schaller, Kernenergiekontroverse, 161.

112 Vgl.: Tollmann, Desaster Zwentendorf, 52.

113 Vgl.: apa v. 18. 9. 1972.

114 Vgl.: Schaller, Kernenergiekontroverse, 162.

115 Tollmann, Desaster Zwentendorf, 52.

116 Vgl.: Schaller, Kernenergiekontroverse 163.

117 Vgl.: Ebda, 166.

118 Vgl.: Schaller, Kernenergiekontroverse, 179.

119 Vgl.: Tollmann, Desaster Zwentendorf, 54.

120 Vgl. : oekoweb, 3.

121 Vgl.: Die GegnerInnen und ihre Argumente. In: http://www.unet.univie.ac.at/~a9406114/aai/zwentendorf/ausstellung/aai-04.html v. 8. 10. 2006.


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