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Heimat: Heimat – Heimatlosigkeit – Exil
Bildquelle: startblatt - Heimat - Heimatlosigkeit - Exil
Was ist „Heimat“? Diese Frage scheint auf den ersten Blick einfach zu beantworten zu sein. Bei intensiverer Beschäftigung mit diesem Thema begreift man erst die Komplexität, die der Begriff „Heimat“ in sich birgt und dass es gar nicht einfach ist, diesen zu definieren. Trotz-dem sei ein Versuch in diese Richtung unternommen. Vorweggenommen werden muss, dass Heimat nicht mit Vaterland gleichzusetzen ist, das zwar auch Zugehörigkeit zu einem gewis-sen Land, seiner Kultur und Sprache bedeutet, aber immer Sinne von Zugehörigkeit zu einem bestimmten Staat, einer bestimmten Nation.
Heimat ist zunächst einmal ein geographischer Raum, dem man durch Geburt angehört und dem man durch Tradition oder Lebensumstände verbunden ist. Diese Verbundenheit ist nicht nur eine nüchtern-sachliche Beziehung, sie ist viel mehr ein von Gemüt, Gefühl und innerer Zugehörigkeit bestimmter Faktor. Das impliziert, dass Heimat auch die Familie, der Beruf, eine Partei, eine Gruppe sein kann, der man sich zugehörig fühlt. Daher ist Heimat ein komplexer Begriff, der mit Milieubeziehung und sozialer Verbundenheit mit einer bestimmten Kultur und Sprache, mit Sitten und Gebräuchen und deren Pflege zu tun hat.
Diese gefühlsmäßig bestimmten inneren Beziehungen drücken sich in Heimatgefühl, Heimat-liebe, Heimatbewusstsein und Heimattreue aus. Die stärkste Ausprägung ist das Heimweh, von dem derjenige erfasst wird, der fern der Heimat leben muss, also ein Heimatloser ist.
Heimatliebe und Heimattreue sind in hohem Maße im bäuerlich-dörflichen Milieu und in Kleinstädten anzutreffen. Heimat bedeutet aber auch Polarität von vertrauter eigener Welt einerseits und fremder Welt andererseits – Polarität zwischen dörflicher Idylle und abweisen-der, fremder Großstadt; fremd im Sinne von Bedrohung, Entwurzelung und Heimatlosigkeit. Um diesen bedrückenden Befindlichkeiten zu begegnen, muss es gelingen, sich eine zweite Heimat, eine „Wahlheimat“ zu schaffen. Dies geschieht um so eher, je besser man es schafft, sich in dieser anders gearteten sozialen Ordnung einzufügen, soziale Kontakte zu knüpfen und dadurch „heimisch“ zu werden.
Einen besonderen Stellenwert, um dem Mythos „Heimat“ und „Heimatlosigkeit“ eine Stimme zu geben, nimmt die Heimatdichtung ein. Zwischen 1843 und 1854 entstanden in Deutschland die „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ von Berthold von Auerbach. Er schildert die Idylle, die ideale Heimat, die frei ist vom Streben nach materiellem Gewinn und gesellschaftlichem An-sehen. In Österreich sind es in der Zeit des späten Realismus vor allem Ludwig Anzengruber und Peter Rosegger (neben vielen anderen, weniger bekannten), die sich mit der dörflichen Idylle als Heimatideal auseinandersetzten. Diese Art von Literatur, die Trivialliteratur nicht ausgenommen, wie z. B. die „Edelweiß-Romane“, hat sehr viel zur Bildung des Mythos’ von „Heimat“ und Heimatlosigkeit“ beigetragen.
In den 1950er-Jahren, als die Schrecken des Krieges und das Elend der Nachkriegszeit zu verblassen begannen, waren es Schlager, etwa „Heimatlos“ (gesungen von Fredy Quinn), oder Heimatfilme wie „Försterchristl“ oder „Der Förster vom Silberwald“ und viele andere dieses Genres, die ein neues Heimatbewusstsein schufen, verbunden mit einem Gefühl von Sicher-heit in einer vom Wirtschaftswunder geprägten Welt.
In den 1960er-Jahren wurde schon heftig am Mythos „Heimat“ gekratzt, man empfand ihn zu sehr belastet vom Nationalsozialismus und seiner „Blut-und-Boden-Kultur“. Bluejeans und Pettycoat verdrängten Dirndlkleid und Lederhose, „heimatlastige“ Lieder mussten dem Rock `n Roll weichen; mit der 1968er-Revolution ist der Begriff „Heimat“ endgültig gekippt. Eine junge Schriftstellergeneration, Elfriede Jelinek, Peter Turrini, Wolfgang Bauer, Gert Jonke, Barbara Frischmuth, um nur die Bekanntesten zu nennen, hat sich etabliert. Alle be-schäftigten sich auf unterschiedlichste Weise mit ihrer Heimat und diese ist nun keine heile, verkitschte Welt mehr. Franz Innerhofer beschreibt realistisch die bäuerliche Welt; Felix Mit-terer treibt es in seiner „Piefek-Saga“ auf die Spitze, wenn er zeigt, wie von der Tourismus-branche die Heimatklischees bis zum Exzess kommerzialisiert werden.
Exil
Wie immer man aber mit dem Begriff „Heimat“ umgehen mag, Tatsache ist, dass auch heute eine Heimat zu haben, für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit ist. Dabei hat Heimat-losigkeit viele Gesichter, aber nur eine Bedeutung: außerhalb zu stehen – außerhalb des geo-graphischen Raumes, in den man hineingeboren wurde, außerhalb einer Gruppe, außerhalb des Arbeitsprozesses, außerhalb der Gesellschaft. Zum Mythos wird die Heimatlosigkeit dann, wenn sie überwunden ist und der außerhalb Stehende eine neue Heimat gefunden oder in seine alte zurückgekehrt ist. Das trifft besonders auf Menschen zu, die im Exil leben oder gelebt haben.
Im Exil leben Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben worden sind oder diese freiwillig verlassen haben. Die Gründe können politischer Natur sein, aber auch Verfolgungen aus reli-giösen Gründen oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie können Menschen ins Exil treiben. Besonders schwer haben es Frauen und Kinder im Exil, wenn sie in einem fremden Land, nicht selten unter menschenunwürdigen Umständen leben müssen, oft diskriminiert von einer fremdenfeindlichen Umwelt.
Exil ist keine Erfindung der jüngern Zeit. Im antiken Athen zwang man jemanden, den man verdächtigte, eine Tyrannis errichten zu wollen, ins Exil zu gehen. Abgestimmt darüber wurde im „Scherbengericht“ (Ostrakismos). Im alten Rom ging jemand ins exsilium, wenn ihm eine Verurteilung drohte; später wurde es auch als Strafe verhängt. Berühmte Opfer dieser Praxis waren z. B. Cicero oder Ovid. Im Laufe der Jahrhunderte traf dieses Schicksal große Herr-scher, Philosophen, Literaten und unbekannte Leute. Einer der berühmtesten Exilanten war wohl Napoleon I., der in der Verbannung auf St. Helena starb. Sein Neffe, Napoleon III., ging nach seiner Freilassung aus deutscher Gefangenschaft nach der Schlacht bei Sedan (1870) ins Exil nach Großbritannien. Auch ein gewisser Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin, lebte nach einer gescheiterten Revolution (1905-1907) bis 1917 im Exil in der Schweiz, bevor er mithilfe Deutschlands wieder in seine Heimat zurückkehrte und dort aber-mals an der Spitze einer Revolution stand, die als „Oktoberrevolution“ in Russland keinen Stein auf dem anderen ließ.
Besonders hart betroffen von Vertreibung, Deportation und Leben im Exil waren die Juden. Im 8. Jh. v. Chr. wurden zahlreiche Israeliten nach der Zerstörung Samarias (722 v. Chr.) nach Assyrien deportiert. Nach der Zerstörung Jerusalems und der “Babylonischen Gefangen-schaft“ im 6. Jh. v. Chr. wird die Diaspora, die „Verstreuung“, zum Schicksal der Juden, ein Schicksal, das bis heute Realität geblieben ist. Sie leben mehr oder weniger gezwungen auf der ganzen Welt in einem dauernden Exil, durch Jahrhunderte Repressalien ausgesetzt und ständig von Vertreibung bedroht. Dieser unselige Kreis schließt sich in der Zeit des National-sozialismus, dessen Ziel die vollständige Vernichtung der Juden war. Millionen starben, aber vielen gelang doch die Flucht in ein neues Exil.
Immer wieder waren es auch Literaten und Philosophen, die gezwungen waren, im Exil zu leben – seit der Antike bis zur Gegenwart. Sie versuchten schreibend ihre Situation zu bewältigen, haben sich aber auch mit politischen Zuständen auseinandergesetzt. Eine umfangreiche „Exilliteratur“ entstand. Besonders reichhaltig war das Schaffen deutscher und österreichischer Literaten, denen es gelang, sich vor den Verfolgungen der Nationalsozialisten ins Exil zu retten. Nach 1945 kehrten viele in ihre Heimat zurück, andere haben in ihrem Exil eine zweite Heimat gefunden.
Margarete Schleich, geboren 1942, arbeitete lange Jahre im Pressereferat der STEWEAG (heute ESTAG). Heute studiert sie Germanistik und Geschichte an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Zur Zeit arbeitet sie an einer Diplomarbeit zum Thema “Die Volksabstimmung über Zwentendorf”.
am 17.12.2007 20:06



