
eZine von call 1.0 Heimat
Heimat: Heimat, alles oder nichts?
Bildquelle: startblatt- Heimat, alles oder nichts?
by Elke Peyerl
Heimat als Ursprung: Die Frage nach Heimat beginnt für mich mit der Frage nach dem eigenen Ursprung. Unsere Mutter, sei es nun die leibliche oder eine Person, die ihre Stelle eingenommen hat, ist es, die uns zum ersten Mal ein heim-eliges_ Gefühl vermittelt. Sie hilft uns, den ersten Schritt in die Fremde, ins Un-heim-liche zu gehen. Heimat als Inbegriff der Urwurzel des eigenen Lebens, als Ort, an dem die Eltern geboren sind, als Kindheitserfahrung, erstmalige Wahrnehmung sozialer und lokaler Umwelt. Wer niemanden hat, der ihm den Unterschied zwischen Heimat und Fremde vermitteln kann, ist dennoch nicht heimat-los, denn auch er kennt das Gefühl des Vertrauten und jenes des Fremden. Wie macht es sich bemerkbar, dieses Gefühl des Vertrauten, das Heimat-gefühl schlechthin? Viele, fast unbemerkbare Kleinigkeiten sind es, die einem die Heimat erkennen lassen. So hat man etwa „sein“ Kaffeehaus oder ist betroffen, wenn sich jemand bezüglich des Ortes oder des Landes, aus dem man kommt, irrt. Mitunter gibt es etwas in der Heimat, was man dort schöner findet als anderswo und was vielleicht sonst niemand als so schön, so farbenfroh und so unvergleichbar empfindet wie man selbst.
Heimat als soziales Faktum: Heimat muss nicht unbedingt ortsgebunden sein, sie kann auch eine „Klasse“ oder „Schicht“ sein, in der man sich be-heim-atet fühlt. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn man in einer Gruppe von Menschen ein befremdendes Gefühl spürt, weil sie eine andere, den eigenen Gepflogenheiten konträre Lebensweise an den Tag legt. Eine Polin hat mir einmal gesagt, dass es in ihrem Land eine Definition für Heimat als jenen Ort gäbe, wo Großeltern und Eltern begraben sind. Sie selbst finde aber, dass wir seelisch zu der Nation gehören, in deren Sprache wir denken.
Fern der Heimat: Oft zeigt sich Heimat gerade in ihrer Abwesenheit. Man liest dann Bücher über sie, sei es zum Trost oder gerade, um so richtig traurig zu werden und um sich nach ihr sehnen zu können. Und dennoch gibt es Heimat: ganz ohne Vaterland oder Nation oder Deutschtum.
“Auf dem Weg zu den Dogon in der Republik Mali lernten wir in Agadez … mehr als 2000 Kilometer vom Dogonland, den ersten Dogon kennen … Im Tornister trug er den dicken Band des französischen Ethnologen Marcel Griaule, Les maques Dogon mit sich. Wenn er sich einsam fühle oder traurig, lese er darin, und dann sei er wieder daheim … (Parin, Paul: Heimat, eine Plombe)”
Aber auch eine bloße Geste kann Heimat bedeuten. Man macht, was alle in der Heimat machen, oder man entdeckt in der Fremde eine Handbewegung, die einem vertraut ist, die einem an die Sitten und Bräuche des Da-heim-seins erinnert.
Selbst Sprache kann Heimat sein, nämlich dann, wenn man viele tausend Kilometer von Da-heim weg ist und plötzlich Worte hört, die man versteht, Worte, die in der eigenen Muttersprache ertönen und einem plötzlich mehr Heimat fühlen lassen als je zuvor; oder, wenn man feststellt, dass man bestimmte Ausdrücke der eigenen, vertrauten Sprache nicht in eine andere übersetzen kann. Die Suche nach Worten ist nur eine Folge davon. Heimat ist in jedem Fall ein individuelles Phänomen. Für jeden bedeutet sie etwas anderes. Jeder füllt sie mit anderen Inhalten, sei es nun bewusst oder unbewusst.
Überall Heimat: Das Wort Heimat ist auf das deutsche Sprachgebiet beschränkt, doch kennt jede Sprache ein Wort für „Heimat“. Egal, ob der Franzose pays natal oder patrie, der Engländer home, homeland oder native country oder der Italiener terra native bzw. patria dazu sagt, wie Heimat auch immer bezeichnet wird, in jedem Fall spiegelt das Wort die Sichtweise eines Menschen für seine Heimat wider, zeigt, ob er eine Heimat (oder mehrere) in sich trägt oder nicht und woraus sich seine Heimat für ihn zusammensetzt. Es zeigt sogar, wie hoch er sie bewertet und ob er sie für sich selbst überall konstruieren, überall verwirklichen, letztendlich überall leben kann. Es kann aber auch ein ganz anderes Wort sein, das für Heimat verwendet wird. Vielleicht ein Name, die Bezeichnung eines Ortes, eines Gefühles oder nur einer Begebenheit, ein Geruch, ein Gedanke, eine Erinnerung, ein Eindruck … Jeder Mensch trägt – sei es nun bewusst oder unbewusst – in seinem Inneren etwas, was er mit seinem persönlichen Heimat-begriff verbindet:
“Wenn ich Heimat denke, fällt mir der Justi ein… Seine Eltern sind nach Australien gegangen, da mußte er auch fort. Da mußten wir über Anweisung vom Herrn Direktor alle aufstehen und “Nun ade mein liebes Heimatland” singen. Der Herr Direktor hat dirigiert, dem Justi war’s peinlich, das konnten wir alle sehen, und die Fellner Mitzi hat geweint. Da mußten wir alle weinen. Der Justi hat nicht gewußt, wie ihm plötzlich geschieht, er war sonst nicht auffällig, eher still. Da war mir, als hätte ich die Heimat verloren. (Nöbauer, Christina: Heimat)”
Heimat ist alles oder nichts – die Entscheidung dafür liegt immer im Auge des Betrachters …
Elke Peyerl, geboren 1968 in Hainburg/Donau ist promovierte Philologin. Sie setzt sich seit ihrer Diplomarbeit sowohl theoretisch als auch praktisch mit dem Thema “Heimat” auseinander.
Publikationen
“Das liegt mir stagelgrün auf!“. Phraseologismen der gesprochenen Sprache in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und Burgenland in dreißig alltäglichen Redesituationen. Diplomarbeit. 1998.
„Zur Kunst der Lügenmäuler, Schwindelgeister, Flunkerer und Fabelhanse. Untersuchung zur Beziehung zwischen österreichischen Phraseologismen und Lüge“. Dissertation. 2001.
“Heimat in ihrer Pluralität und unseren Sprachen“. In: Zwischen den HeimatEn. Wien 1999, 51 bis 72.
Projekte
„Zwischen den HeimatEn“
Alltagsmuseum Schönbach
„Kind und Frau im Waldviertel“
Wanderausstellung zum Hofbauer-Jahr
Wanderausstellung für den Sprachinselverein Wien
Mostviertler Sagenwerkstatt im Rahmen des Mostviertelfestivals




