
eZine von Liesa Roithner
iamx - 28 Tage
Bildquelle: Bibliothek- verstaubte Bücher
Eine Geschichte auf der Suche nach Freiheit und Respekt.
Dunkelheit. Nichts als Dunkelheit. Im Takt ihres Ganges schaukelt die Tasche, in der ich mich befinde, hin und her. Es ist wirklich unbequem, eingekeilt zwischen dem dicken Roman eines Romantikers und eine Sprachgeschichte zu liegen. Das Skriptum für Frühneuhochdeutsch ragt über allen hervor. Jedoch wird es durch die hektischen und schnellen Impulse unseres Trägers ziemlich gebogen und zerknittert. Die Tasche wird nicht mehr von den Bewegungen ihres Beins berührt. Alles steht still. Was passiert jetzt? Ach, ich kann nichts sehen, ich stecke mit dem Buchrücken nach oben in diesem Klappsarg. Ein Ruck. Hat sie die Tasche geöffnet? Behutsam spüre ich ihre mit Handschuhen umhüllten Finger, wie sie sich am mich schmiegen. Vielleicht werde ich nun auf den Tisch gelegt und wieder in einer Vorlesung besprochen wie gestern. Das Licht ist so grell und tut meinem Einband nicht gut. Was? Was machst du da? Nein, bitte gib mich nicht weg! Bitte! Plötzlich spüre ich fremde Hände auf meinem Buchrücken. Sie sind kalt und ohne Mitleid. Ich kann mich gut erinnern, wem diese Hände gehören! Ich erblicke die Bibliothekarin am Rückgabeschalter. Diese Frau, die all unsere Träume auf Freiheit zerstört, nimmt mich hektisch entgegen. Die Hoffnung auf Verlängerung ist mit einem Schlag hinweg. Ohne jegliches Mitleid reißt sie meine letzte Seite auf. Sie setzt den Scanner auf meinen Strichkode. Der rote Laser schmerzt, wenn sie das Gerät mit hohem Druck auf mich presst. Meine feine Papierstruktur leidet darunter, nun bin ich wieder aufs Neue gebrandmarkt wie ein Tier, verbannt wieder an meinen alten Platz im Bücherregal zu wandern. Sie nimmt mich und lässt mich von 7cm Höhe in eine Kiste voller Bücher plumpsen. Ein dumpfer Aufprall ist zu hören. In der kurzen Fallphase konnte ich noch einen Blick auf meine treue Begleiterin für kurze 28 Tage werfen. Ohne zurückzublicken huscht sie, meine Liebe, wieder um die Ecke. Die lange Warteschlange versperrt mir die leider die Sicht.
Jetzt liege ich hier, umzingelt von Büchern, die mich nicht nur in meine Intimsphäre einengen, sondern auch erdrücken. Es sind meine Kollegen, aber von guten Freunden kann wirklich nicht die Rede sein. Die theologischen Bücher verachten jede fiktive Literatur, die nur ein wenig über ihre engen Grenzen hinweggeht. Intolerantes Pack! Über mir liegt ein gewaltiges 400 Seiten umfassendes Mathematikbuch, das nur Formeln enthält, und presst auf meine schwache Gestalt. Es versucht zwanghaft unseren Grundstein des Lebens, nämlich die Sprache, zu verdrängen. Diese Aktion kann nur zum Scheitern verurteil sein! Wir sind Teil der menschlichen Gesellschaft, die nur von Sprache dominiert wird. Wir sind Bücher, wir sind das Medium eben dieser Sprache. Die Sprache ist unser oberstes Prinzip, der Anfang und das Ende!
Oh, der Druck wird immer größer. Meine Seiten werden stark zusammengepresst, als wäre ich beim Buchbinder. Das Atmen fällt mir schwer. Alles dunkel, ich höre lediglich das Geräusch der Räder des Buchwagens. Der Bibliothekar (ein bloßer Euphemismus für Gefängniswerter) pfeift fröhlich vor sich hin. Er schiebt uns immer tiefer in die Katakomben der vergessenen Bücher. Zurück an den Ort, wo die Quelle des Wissens liegt, die jedoch nur verstaubt und einfriert, wenn wir nicht endlich die passende Zuneigung bekommen. Bitte lieber Mensch mach die Augen auf und lese. Wir sind das Fundament dieser neu zu bildenden Elite. Ohne uns seid ihr gar nichts! Dennoch lasst ihr uns hier unten verrotten. Ja, es ist eine Gruft. Die kühle und feuchte Luft macht uns zu schaffen. Bald werden wir nicht mehr lesbar sein. Nicht lesbar sein bedeutet zu sterben, im Altpapier zu landen. Die Gegend, in die er mich gebracht hat ist mir gut bekannt. Ich stehe hier schon seit 3 Jahren am selben Platz. Eingekeilt zwischen Goethes „Werther“ und einer sehr veralteten Ausgabe einer altgriechischen Grammatik. Die einzige Hoffnung auf Freiheit besteht darin ausgeborgt zu werden. Das passiert leider seltener als man denkt. Manchmal gibt es eine Vorlesung zu meinem Thema, dann bin ich begehrt. Aber die Flauten zwischen dieser Zeit zu überstehen, verlangt jedem von uns viel Durchhaltevermögen ab. Links von mir, die alte Grammatiksammlung, sieht sehr modrig aus. Ich kenne diesen Zustand. Er bedeutet nichts gutes, bald wird es für sie zu Ende sein.
Mit hechelnden Worten fragt sie mich: „Wo warst du? Wie war es dort oben in der Freiheit?“ „ Es war schön“, antwortete ich geschwächt von der Reise. „Ach, das sagst du nur um mich aufzumuntern. Ich weiß, dass ich in meinem Alter und in Altgriechisch geschrieben wenig Chancen habe, hier nochmals ausgeborgt zu werden. Erzähl mir von der Welt, ich war schon seit 30 Jahren nicht mehr an der Oberfläche.“ „In Ordnung, alles fing an, als ich vor 28 Tagen hier an dieser Stelle des Regals eine Lücke hinterließ. Ein grünes Blatt Papier wurde mir eingelegt und ich kam zu dem Ausgabeschalter „M-Z“. Mit aller Anstrengung versuchte ich den Namen auf dem Papier zu entziffern. Es gelang mir nicht. So blieb mir nichts anderes als auf meinen neuen Lebensabschnittspartner zu waren. Wir mögen ihnen vielleicht nicht viel bedeuten, doch wir sind auf die angewiesen, wie ein Kind auf die Mutter. Sie sind Teil unseres Lebenswerks. Sie sind der Sinn und die Aufgabe unserer Existenz! Diese Tatsache versteht jedoch keiner!“ „ Ja, du hast vollkommen Recht. Die Menschen sind sich ihrer Verantwortung nicht bewusst!“ fiel mir meine Nachbarin ins Wort. „ Doch sie schon“ „ Also war sie eine Frau?“ „Ja, und sie war wundervoll. Als die Bibliothekarin in die Nähe meines Stapels kam, dachte ich zuerst sie irrt sich. Jedoch immer wenn man am wenigsten damit rechnet, kommt die große Überraschung. Ich wurde stillschweigend nach der schmerzhaften Laserprozedur des Scanners in ihre Hände übergeben. Schon im ersten Moment bemerkte ich, dass sie anders war. Ihre Sorgfalt beeindruckte mich. Die lange Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmittel war wie immer eine Tortur. Alles Schlechte kommt hier zusammen. Vor allem die Unaufmerksamkeit der Leser. Aber nein, sie begutachtete mich nur, und studierte meinen Einband. Mir jeder Berührung konnte ich die Behutsamkeit und ihre scharfen und genauen Blicke auf mein Titelbild spüren. In ihrer Wohnung angekommen legte sie mich auf ihr Bett. Normalerweise bedeutet das nur zerknitterte Blätter und einen hektischen Leser, der nach einer Idealen Position sucht. Doch sie war ruhig und las täglich im Zeitraum einer halben Stunde 20-25 Seiten. Nach einer Stunde schlief sie ein und ich war derjenige, der sie in ihr Traumland begleitet hat. Am Kästchen neben ihr liegend, beobachtete ich sie noch lange, bis ich ebenfalls in einen Ruhezustand fiel und meine Seiten wieder Zeit hatten sich zu glätten.
Nach dem Aufstehen wurde ich hergerichtet, um mit ihr auf die Universität zu fahren. Nach einer Woche konnte ich ihren Stundenplan auswendig. Der Montag war stets der schönste Tag. Sie bekam immer viel Schlaf und eine lange Pause zwischen zwei Lehrveranstaltungen ermöglichte mir, viel Zeit in ihren Händen zu verbringen. Buch in Hand gingen wir in den winterlichen Innenhof der Universität spazieren. Es war kühl, aber ihre Hände schützen mich davor. Sie war kurzsichtig, also hielt sie mich nahe an ihren Kopf. Dabei konnte ich ihren Atem spüren und in ihre blauen Augen starren. Ich muss auf sie eine entspannende Wirkung gehabt haben. Immer wenn sich ihr Wimpernschlag verringerte war sie vollkommen in meinen Bann gezogen. Nach einiger Zeit wusste ich welche Stellen ihr in meinem Roman gefielen. Wir lachten und weinten zusammen. Ich war mehr als ein Buch für sie und sie wusste das. Ich allein hatte den Eintritt in ihre Gedankenwelt. Welcher Mensch kann das schon behaupten? Doch jede verbrachte Minute, hatte auch etwas Negatives an sich. Mit jedem gelesenen Wort ging unsere Beziehung dem Ende zu. Sie schien glücklich zu werden, da sie mich bald fertig gelesen hatte. Ich weiß, dass dieser Punkt in einer Mensch-Buch Beziehung immer kommt, aber ich wollte es nicht wahrhaben. So vergingen die Tage und meine stolzen 300 Seiten. Je intensiver die Liebe, desto kürzer die Beziehung. Am zwanzigsten Tag war es dann soweit. Ich wurde in einer Vorlesung besprochen. Es war wundervoll. All dieser Respekt, der mir zugesprochen wurde. All diese Aufmerksamkeit, obwohl mich niemand vollständig erfassen kann. Einmaliges Lesen reicht nicht aus, um in die Tiefen meines Verständnisses eintauchen zu können. Genau das war ihr Grundsatz in der Diskussion. Ich war so froh, dass ein Mensch diese Tatsache endlich eingesehen hat. Die vollständige Lektüre gibt es nicht. Mich kognitiv optimal zu erfassen ist unmöglich. Es mag viel Sekundärliteratur über mich geben, aber ich nicht erschöpfbar. Sie hat das eingesehen und hat in einer Umgebung der Menschen, die Glauben alles zu wissen, ihre Unwissenheit zugegeben.
Nur ich kann mich verstehen. Mich selbst lesen und reflektieren. Ich selbst bin unendlich und unerschöpfbar. Ich habe Zeit, bis mich wieder irgendjemand bestellt. Auf Abruf bin ich bereit. Die Zukunft bringt mir sicher niemals wieder eine so wunderbare Leserin!
am 10.06.2008 21:10
(1) Kommentare zum Beitrag "28 Tage"
RE: 28 Tage
Liebes Buch unbekannten Namens!
Ich hoffe für dich, ich wünsche wenigstens du kannst dich verstehn, lesen und reflektieren. Ich kann das bei mir öfters nicht. Aber vergiss nicht, dass gerade Kommunikation dazu gebraucht wird, sich zu lesen. Und sicher wird dich wieder mal wer bestellen, nur Mut!
iskarioth
geschrieben von iskarioth am 11.06.2008 22:17
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iamx - INHALT
Liebes Buch unbekannten Namens! Ich hoffe für dich, ich wünsche wenigstens du kannst dich verstehn, lesen und reflektieren. Ich kann das bei mir öfters nicht. Aber vergiss nicht, dass gerade Kommunikation dazu gebraucht wird, sich zu lesen. Und sicher wird dich wieder mal wer bestellen, nur Mut! iskarioth




