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09.07.2008
Psychopathologische Phänomen...
Kampfsport (17 Beiträge online)
Artikel zum Thema Kampfkunst, Kampfsport und allem, was damit auch nur im Entferntesten zu tun haben könnte.

Weblog von Martin Unger

Kampfsport: Psychopathologische Phänomene in den Kampfkünsten

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Psychopathologische Phänomene in den Kampfkünsten Datum 10.09.07 Autor Tom Herold

Ich muß gestehen, daß es mir diesmal doch schwerfällt, sachlich zu bleiben. Dennoch möchte ich mich bemühen, so objektiv wie möglich einige Phänomene zu beleuchten, die wohl jeden ernsthaften Anhänger der Kampfkunst schon erheblich irritiert haben dürften.

Die Rede ist vom Auftreten jener merkwürdigen Gestalten, die seit geraumer Zeit zunehmend die bunte Welt der Kampfkünste … nun ja, bevölkern. Seit etlichen Jahren schießen sie wie Pilze aus dem Boden. In der unangenehm aufdringlichen Art von Marktschreiern erwähnen sie sich permanent und überall, um ihre seltsamen, selbsterfundenen „Kampfkünste“ zu verkaufen.

Wenn man genauer hinsieht, dann stellt man jedesmal verblüfft fest, daß diese „Meister“ oder gar „Großmeister“ nicht allzuviel anzubieten haben, um es einmal höflich zu formulieren. Dennoch unterrichten sie ungeniert auf Lehrgängen ihre krause Auslegung des angeblich realen Kampfes und blamieren sich damit, wo sie gehen und stehen. Das scheint ihnen indes völlig egal zu sein, solange sie nur immer wieder vor einer großen Gruppe Wißbegieriger stehen und sich als Meister gebärden dürfen. Gebärden ist hier das richtige Wort, denn die von diesen „Meistern“ demonstrierten Techniken sind offenbar nichts anderes als ihre persönliche Interpretation der Gebärdensprache – und für den realen Kampf etwa genau so nützlich. Erstaunt muß man immer wieder feststellen, daß das Können und Wissen dieser „Meister“ in keinem Verhältnis zu ihrem enormen Sendungsbewußtsein steht.

Ich nenne hier keine Namen, doch wer schon einmal in einer gewissen norddeutschen Kleinstadt an einem alljährlich stattfindenen großen „Kampfkunst-Event“ teilgenommen hat, der wird wissen, daß es ebenda von selbsternannten „Meistern“ nur so wimmelt. Gewiß unterrichtet auch der eine oder andere seriöse Referent dort, es scheint jedoch ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, daß ernsthafte Meister, deren Können über jeden Zweifel erhaben ist, nie ein zweites Mal eingeladen werden. Stattdessen kann man in jener norddeutschen Kleinstadt etliche selbsternannte „Meister“ erleben, deren Selbstvertrauen trotz ihrer erwiesenermaßen erbärmlichen Kenntnisse und Fähigkeiten nicht zu erschüttern ist. So wurde dort wiederholt ein gewisser Nordeuropäer gesichtet, der vorgibt, realistischen Messerkampf und Messerabwehr zu unterrichten. Wer diesen Mann auf der Matte erlebt hat, kann nur fassungslos den Kopf schütteln. Die von ihm gelehrten Techniken gehören samt und sonders in die Kategorie „Schöner sterben“. Als dieser Mann darauf hingewiesen wurde, daß die von ihm gelehrten Techniken nichts weiter als selbstgefährdender Blödsinn seien, wußte er zunächst nichts zu erwidern. Einige Zeit später rechtfertigte er sich dann damit, daß sein „Meister“, dessen Namen er nicht nennen wolle und dürfe, ihm streng verboten habe, die wirklich effektiven Techniken öffentlich zu demonstrieren oder zu lehren. Diesen geheimnisvollen, namenlosen Meister kenne ich gut. Er muß unglaublich viele Schüler haben, denn jeder Spinner, der von Kampfkunst so viel versteht wie ich von Quantenphysik, beruft sich auf diesen geheimnisvollen Meister, dessen Name nicht genannt werden darf.

Manchmal ist es jedoch möglich, die Peinlichkeit dieser Geschichte bis ins Groteske zu steigern. Dann gehört der namenlose, geheimnisvolle Meister nämlich sogar zur Familie dessen, der da auf Seminaren dummes Zeug demonstriert. Ein in Mecklenburg beheimateter Kampfkunst-Kasper, der in einem „Jiu-Jitsu-Freizeit-Dojo“ (doch, doch, das gibt es wirklich!) eine selbsterfundene Stilrichtung lehrt, deren Name übersetzt „Schriftzeichen-Kunst-Weg“ lautet, verstieg sich gar zu der Behauptung, die Kampfkunst von seiner Mutter erlernt zu haben. Diese nämlich sei eigentlich eine weibliche Ninja und habe ihm den 5. Dan verliehen … Interessant ist, daß dieser „Meister“ inzwischen mit einem rot-weißen Gürtel herumläuft. Na ja, ist ja auch verständlich. Den schwarzen Gürtel hat doch heutzutage jeder, da muß man sich schon etwas abheben, nicht wahr. Und was ist einfacher, als sich selbst einen Dan-Grad zu verleihen? Schließlich hat man ja eine eigene, ganz, ganz tolle Kampfkunst erfunden, da wird man doch wohl das Recht haben, sich den Dan-Grad auszusuchen … Es wäre, denke ich, ganz interessant, eine wissenschaftliche Untersuchung zur Problematik der Psychopathologie, der Wahrnehmungs- und Persönlichkeitsstörungen in den Kampfkünsten durchzuführen. Der Prozentsatz der Spinner scheint in den Kampfkünsten (verglichen mit anderen Sportarten und Bewegungskünsten) überproportional hoch zu sein.

Die Kampfkünste haben inzwischen leider einen denkbar schlechten Ruf. Da kann es nicht verwundern, daß es folgenlos blieb, als der vorstehend erwähnte selbsternannte „Meister“ im Rahmen einer Großveranstaltung nur mit einem Tiger-Tanga bekleidet eine selbsterfundene Kata … äh, zelebrierte. Begleitet wurde jene verblüffende Darbietung, die als „Musik-Kata“ angekündigt war, von dem stilvollen deutschen Schlager „Zieh dich aus, kleine Maus …“ (Das habe ich mir nicht ausgedacht, das ist tatsächlich so passiert – und wir haben es auf Video!) Dies war an jenem Tage bereits die zweite Peinlichkeit, die sich besagter „Meister“ leistete. Zuvor hatte er doch allen Ernstes (natürlich vergeblich) versucht, einen frei an einem Gestell hängenden Baseball-Schläger mit der Handkante zu durchschlagen. Das dürfte einiges über diesen „Meister“ aussagen … Ein anderer selbsternannter „Meister“, dessen peinlich geringes Können mehrfach auf Videos dokumentiert wurde, bemüht sich derzeit eifrig, im Internet am eigenen Mythos zu basteln. Offenbar hat dieser Mann jedweden Bezug zur Realität verloren, denn er verkündet allen Ernstes, daß sein Weg zu den Meisterehren in den Kampfkünsten begann, als er im Garten trainierte und ein alter Samurai (?) des Weges kam, der ihn sofort zu seinem würdigen Erben erklärte. Den Namen des alten Samurai darf er natürlich nicht verraten, weil … äh, ja eben weil. Wer sich nun verblüfft fragt, wo im Osten Deutschlands zu Beginn der achtziger Jahre ein alter Samurai herkam, der … äh, hat nicht begriffen, worum eseigentlich geht, basta. (Es sei mir verziehen, wenn ich mir mühsam einen Lachkrampf verkneife bei der Vorstellung, daß ein alter Samurai zu Beginn der achtziger Jahre durch die DDR wanderte auf der Suche nach einem Erben …) Die hier angeführten Beispiele sollen vorerst genügen, denke ich. Es ergibt sich nunmehr eine wichtige Frage. Wieso ziehen die Kampfkünste diese Art von wahrnehmungsgestörten, offenbar psychotischen Persönlichkeiten geradezu magisch an? Vermutlich gibt es keine andere Nische in unserer Gesellschaft, wo sich solche Störungen so ungeniert ausleben lassen. Nur in den Kampfkünsten ist es wohl möglich, einem gewissen Größenwahn nachgeben zu können – das System der Kampfkünste scheint dies zu tolerieren. Zugleich muß man berücksichtigen, daß solcherart gestörte Persönlichkeiten völlig immun gegen jede Art von Kritik sind. Es ist allerdings zu beobachten, daß Kritik von ihnen nicht etwa ignoriert wird – im Gegenteil. Kritik dient hier als Bestätigung der eigenen Paranoia. („Ich bin der Größte, und meine Kritiker sind alle nur neidisch und spinnen Intrigen gegen mich …“) Letztlich scheint es das System der Gürtelgrade zu sein, welches die Kampfkünste für psychotische Persönlichkeiten so interessant macht. Wer einen sehr hohen Dan-Grad trägt, der wird selten aufgefordert werden, sein Können tatsächlich (z.B. im Kampf) unter Beweis zu stellen. Wird ein solcher „Meister“ dann doch einmal herausgefordert, dann lehnt er es ab, zu kämpfen – da der Meister so enorm gefährlich ist, würde er den Herausforderer womöglich aus Versehen töten … Leider läßt sich nicht immer auf Anhieb feststellen, ob der Träger eines hohen Dan-Grades denselben auch durch Leistung zu rechtfertigen versteht. Wissen und Können in den Kampfkünsten lassen sich nur durch praktische Übungen verifizieren – und genau diese meiden die selbsternannten „Meister“ oftmals wie der Teufel das Weihwasser. Wenn sie sich doch einmal dazu herablassen, ihr vermeintliches Können zu demonstrieren, versagen sie stets kläglich. (Erfreulicherweise sind die schönsten Momente solcher Vorführungen stets auf Video dokumentiert.)

Es ist schon kurios – wer behauptet, gut boxen zu können, wird dies irgendwann beweisen müssen. Wer für sich reklamiert, ein begnadeter Fußballer zu sein, wird dies unter Beweis stellen müssen. Gleiches gilt auch für jene, die von sich behaupten, exzellente Schwimmer, Ringer, Tischtennisspieler, Handballer, Basketballer, Freeclimber, Marathonläufer, Taucher oder Köche zu sein. Auch Judoka werden oft genug aufgefordert, ihr Können unter Beweis zu stellen. Für sie alle gilt : Affirmantis probatio (Wer behauptet, muß beweisen). Erstaunlicherweise scheint dieser Grundsatz für die vorstehend beschriebenen selbsternannten „Meister“ der Kampfkunst keinerlei Gültigkeit zu besitzen. Während die Mehrzahl der Kampfkunstanhänger (ob Wettkämpfer, Breitensportler oder Ausbilder) das eigene Können und Wissen durchaus ehrlich, realistisch und selbstkritisch einschätzt, erkennt man Spinner daran, daß sie es sich niemals verkneifen können, mit angeblichen Heldentaten zu prahlen. Dabei scheint es ihnen völlig egal zu sein, daß ihre Heldengeschichten zum einen extrem unwahrscheinlich und zum anderen sehr leicht zu durchschauen sind. Verblüffend finde ich jedoch, daß solche Spinner trotz alledem immer wieder gläubige Schüler finden. Wenn es sich bei diesen Schülern nur um Kinder handeln würde, könnte ich das noch verstehen. Kinder sind gutgläubig und leicht zu beeindrucken. Wie es aber möglich ist, daß Erwachsene solchen eitlen, verlogenen Selbstdarstellern auf den Leim gehen, kann ich mir nicht erklären. Wir leben im Informationszeitalter, und jeder hat die Möglichkeit, die erhaltenen Informationen nachzuprüfen. Dabei kommt es natürlich sehr darauf an, welche Quellen man zu Rate zieht … Es sollte eigentlich offensichtlich sein, woran man die besagten Kampfkunst-Kasper erkennen kann. Ich möchte dennoch einige unverkennbare Merkmale aufzählen. Zum einen sollte man doch hellhörig werden, wenn der „Meister“ mehr als zwei sehr hohe Graduierungen vorzuweisen hat. Es dauert gewöhnlich sehr, sehr lange, bis man in einem seriösen Kampfsystem einen hohen Grad verdient hat. Wer also unter dreißig ist und mit Graden oberhalb des vierten Dan renommiert, der ist entweder ein absolutes Ausnahmetalent – oder eben ein Spinner. Wer zwei sehr hohe Grade sein eigen nennt, sollte schon nachvollziehbar erklären können, wie er diese erworben hat. Gewöhnlich wird einem Meister, der sichergänzend mit artverwandten, anderen Kampfkünsten befaßt, von der zuständigen Organisation irgendwann ein hoher Dan-Grad verliehen. Dann sollte der so Geehrte aber immer zugeben können, daß es sich dabei um eine Verleihung „honoris causa“ gehandelt hat! Es gibt in der Tat nur wenige Meister, die tatsächlich in verschiedenen Kampfsystemen sehr hohe Graduierungen aufgrund ihrer Leistungen durch Prüfungen erworben haben. Nun will es mir aber doch recht unwahrscheinlich vorkommen, daß es sich bei den von mir vorstehend beschriebenen Spinnern um derartige Meister handeln könnte. Als Beispiel möchte ich einen im südostdeutschen Raum ansässigen „Großmeister“ erwähnen, der auf selbstgebastelten Visitenkarten aus schiefgeschnittenem Karton stolz verkündet, u.a. den 8. Dan im „Kobudo Do“ zu tragen. (Nebenbei – weiß jemand, was das sein soll?) Auch den 7. Dan im „Jiu-Jitsu- Do“ (?) nennt dieser Meister sein eigen. Rechnet man die Zahl seiner Dan-Grade zusammen, vereinigt er etwa 35 Dan-Grade auf sich. Ich muß gestehen, daß ich beeindruckt bin – von so viel Unverfrorenheit. Wer diesen „Meister“ einmal leibhaftig erleben durfte, der mußte sich wohl wie ich eines heftigen Lachkrampfes erwehren. Und was soll man von einer in einem bunten Kampfkunst-Monatsblättchen immer wieder erscheinenden Annonce halten, in welcher ein „Großmeister“ die „Ausbildung vom Anfänger zum Meister in mehr als 210 Kampfkunstarten“ anbietet? Meine Güte, muß der Mann gut sein … Man stelle sich das nur einmal vor – mehr als 210 (!) Kampfkunstarten! Davon hätte ich gern mal eine Liste. Derselbe „Großmeister“ leitet offenbar eine „Ninjutsu-Fachschule“ (was für ein Begriff!), und er verspricht, dortselbst eine „Ausbildung im Ninjutsu vom Anfänger zum Meister und vom Meister zum Großmeister“ zu ermöglichen. Das würde ich dann doch gern mal sehen. Vor allem wäre ich sehr, sehr interessiert an den Inhalten der Ausbildung zum „Großmeister im Ninjutsu“, aber diese Lehrinhalte sind wahrscheinlich ultrageheim und nur für viel Geld zu haben … Ein der japanischen Sprache leidlich mächtiger Bekannter wies mich zudem auf eine weitere Seltsamkeit dieses Herrn hin. In seiner Annonce wird er natürlich namentlich genannt, und ich war der Meinung, daß er auf den etwas merkwürdigen Vornamen Jonin getauft worden sei. Weit gefehlt! Es handelt sich keineswegs um einen Vornamen, sondern um einen Titel – und zwar um einen enorm bombastischen! Der Begriff „Nin“ bezeichnet im Japanischen einen oder mehrere Menschen. (Das Wort „Hinin“ z.B. bedeutet wörtlich übersetzt „Nichtmenschen“.) Die Silbe „Jo“ wird zumeist mit „hohe / höchste Stufe“ übersetzt (bei Verwendung des entsprechenden Schriftzeichens.) „Jonin“ bedeutet also hier tatsächlich „Mensch der höchsten Stufe“ oder auch „Übermensch“. Ich möchte das nun nicht weiter kommentieren, denke aber, daß wir uns glücklich schätzen dürfen, wenn jemand so Bedeutendes die Erde mit dem Abdruck seines Fußes segnet. Im „Lexikon der Kampfkünste“ finden wir unter dem Begriff „Jonin“ folgende Erklärung : „Jonin (jap.) : eigentlicher Ninja-Führer, Oberhaupt einer Ninja-Familie, eines Ninja-Clans oder eines Ninja-Ryu. In den meisten Fällen wurde die Identität des Jonin aus Sicherheitsgründen selbst vor den eigenen Agenten geheimgehalten. Das Amt des Jonin wurde innerhalb der Familie des Clan-Gründers von Generation zu Generation weitergegeben.“ Ich muß zugeben, daß ich maßlos beeindruckt bin. Jener Herr aus dem schönen Braunschweig ist also der Führer eines Ninja-Clans, den seine Familie schon seit Generationen leitet. Gewaltig, Egon, mächtig gewaltig! Nur das mit der Geheimhaltung der Identität – also das klappt noch nicht so ganz. Na ja, wer mehr als 210 (!) Kampfkunstarten beherrscht, der braucht sich ja nun wirklich nicht zu verstecken, nicht wahr. Jetzt wird auch klar, wie es möglich ist, daß dieser Herr eine „Ausbildung im Ninjutsu vom Anfänger zum Meister und vom Meister zum Großmeister“ anbieten kann. Tja, wer, wenn nicht er … Leider finden solche Übermenschen zunehmend Einlaß in eigentlich seriöse oder sich seriös gebärdende Organisationen. Offenbar werden sie dort sehr nachsichtig behandelt, solange sie nur eine große Anzahl von neuen Mitgliedern einbringen … So darf man sich durchaus verwundert die Augen reiben und denselben nicht trauen, wenn man in einer Organisation, die sich als „Verband der Budo-Lehrer und Meister“ bezeichnet, einen gewissen seltsamen, offensichtlich schwer gestörten Herrn agieren sieht, der eine ganz besonders kuriose Variante der koreanischen Kampfkünste vertritt. Es ist durchaus möglich, daß besagte koreanische Kampfkunst irgendwo außerhalb Deutschlands ein ernstzunehmendes Potential besitzt (auch wenn ich mir das nicht vorstellen kann). In Deutschland jedoch habe ich nur eher seltsame Gestalten diese merkwürdige „Kampfkunst“ praktizieren sehen. (Ich lasse mich gern eines besseren belehren). Was im Rahmen einer großen Veranstaltung, die sich gar „Budo-Gala“ nannte, vom „Großmeister“ dieses … nun ja, Kampfstils geboten wurde, hielt ich zunächst für eine Parodie. Seine Schüler, angeblich die besten und fähigsten deutschen Vertreter dieses Stils, demonstrierten u.a. eine Schwert-Kata, in der sie das Katana handhabten wie ein besoffener russischer Bauer einen Dreschflegel. Der „Großmeister“ ließ es sich nicht nehmen, höchstpersönlich eine selbsterfundene Kata mit dem Langstock vorzuführen. Dies war an sich schon eine schwer zu überbietende Peinlichkeit. Als Höhepunkt dieser Jongliereinlage jedoch verlor der große Meister gar sein Stöckchen, welches beinahe im Publikum landete … es war dem großen Meister allerdings keineswegs peinlich. Erhaben und milde lächelnd ließ er das gewöhnliche Volk an seinem übermenschlichen Können teilhaben. (Wer sich das mal ansehen möchte – wir haben es auf Video). Wer das Internet durchstöbert, wird mühelos Dutzende von Homepages finden, auf denen sich derlei „Meister“ in der Art von Marktschreiern selbst anpreisen. Ich finde es schon recht interessant, daß sich auf diesen Seiten (besonders auf Seiten aus den USA) unglaublich viele „echte Großmeister“ verewigt haben. Es scheint in den USA (wo ja alles größer, schöner und besser ist als in Europa) inzwischen zum guten Ton zu gehören, mindestens den 10. Dan zu tragen … Ich habe noch nie so viele Träger des 10. Dan gesehen wie auf diesen Homepages obskurer Organisationen, die in ihrem Namen stets die Begriffe „international“ oder „worldwide“ führen. Dieser Trend wird über kurz oder lang auch Deutschland erfassen, da bin ich mir sicher …

Nun könnte man ja gelangweilt die Schultern heben und fragen, wieso ich mich derartig über solche Kasper aufrege. Tja, die Antwort darauf ist einfach. Erstens rege ich mich nicht auf, sondern erlaube mir lediglich, die Dinge klar beim Namen zu nennen. (Bisher hat das, soweit ich weiß, in Deutschland noch niemand getan – zumindest nicht öffentlich. Warum eigentlich?) Zweitens stehen solche „Meister“ leider allzu oft vor gläubigen Schülern und verbreiten ihr profundes Nichtwissen. Die Schüler werden also um ihre Entwicklung in den Kampfkünsten betrogen – und das kostet gewöhnlich auch noch viel Geld. Wenn sie dann irgendwann endlich merken, wie sie veralbert wurden, sind sie zumeist für die Kampfkünste verloren. Sie werden – bewußt oder unbewußt – davon ausgehen, daß alle Kampfkunstlehrer gleichermaßen unseriös sind. Diese Meinung werden sie (verständlicherweise) auch offensiv vertreten, und das schadet dem Ansehen der Kampfkünste insgesamt. Möchtet ihr, die ihr ernsthaft und ausdauernd eine seriöse Kampfkunst praktiziert, mit solchen „Meistern“ in einem Atemzug genannt werden? Ich jedenfalls möchte eine klare Unterscheidung zwischen uns und solchen Kaspern!

Viele Anfänger haben sich den Kampfkünsten zugewandt, um eine praktikable, effektive Selbstverteidigung zu erlernen. Wenn sie das Pech hatten, an einen der vorstehend genannten Herren (oder an einen ihrer bundesweit agierenden, offenbar geklonten Ableger) zu geraten, werden sie früher oder später die häßliche und vielleicht schmerzhafte Erfahrung machen müssen, daß sie für dumm verkauft wurden. Ich erlaube mir, anzumerken, daß mich das denn doch ein wenig stört.

Nun muß ich allerdings gestehen, daß mir auch nicht so recht einfallen will, was man gegen derartunseriöse und peinliche Gestalten in den Kampfkünsten unternehmen könnte. Ist es eigentlich sinnvoll, diese Leute beim Namen zu nennen? Hat man überhaupt eine Chance bei dem Versuch, ihnen wenigstens teilweise das Handwerk zu legen? Oder sollte man diese fragwürdigen Gestalten einfach ignorieren? (Kann man das eigentlich guten Gewissens tun?) Vielleicht sollte man akzeptieren, daß es offenbar doch Leute gibt, die genau diese Art des Trainingswollen. Nur so läßt sich erklären, daß „Meister“ wie die vorstehend erwähnten überhaupt Schüler haben (aus denen eines gar nicht fernen Tages wiederum „Meister“ werden …) Tja, was soll man dazu noch sagen?

Tom Herold

Quelle: http://www.free-fight.de


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