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30.08.2008
Welche Budo-Kunst ist für mi...
Kampfsport (17 Beiträge online)
Artikel zum Thema Kampfkunst, Kampfsport und allem, was damit auch nur im Entferntesten zu tun haben könnte.

eZine von Martin Unger

Kampfsport - Welche Budo-Kunst ist für mich die richtige ?

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Oft stellt der Neuling uns die Frage, welches Kampfsystem das beste sei. Die Antwort darauf kann nicht grundsätzlich gegeben werden, denn die Frage ist nicht vollständig. So müssen wir die Gegenfrage stellen:

»Welche Anforderungen stellst du an ein Kampfsystem? Auf welchen Aspekt legst du besonderen Wert?

Denn jede Kampfkunst hat ihre Vor- und Nachteile, ihre Stärken und Schwächen. Die meisten Systeme und Stile haben sich auf bestimmte Bereiche spezialisiert.

Jede Kampfkunst ist deshalb auf ihrem Spezialgebiet die beste, vernachlässigt aber notwendigerweise Aspekte, die andere Künste besonders in den Vordergrund stellen.

So erhält unser Anfänger auf der Suche nach seinem Do/o (japanisch für Kampfkunstschule), Dojang (koreanisch) oder Kwoon (chinesisch) oft die Antwort:

»Unser System ist das beste.«

Und diese Antworten sind meist ehrlich und mit Überzeugung gegeben worden.

Stets aber setzt der Sense/ (jap. für Lehrer), Sabom (korean.) oder Sifu (chinesisch für väterlicher Lehrer) voraus, daß der Fragesteller demselben Aspekt den Vorzug gibt, wie er selbst. Wollen Sie Ihr Idealsystem finden, schlagen Sie nicht gleich im Branchenregister Ihres Telefonbuches nach, sondern überlegen Sie vorher, worauf Sie am meisten Wert legen.

Wir unterscheiden in: Körperbau-, Opern-, Kampf- und Gesundheitssysteme.

1. Systeme, die Kraft und Gelenkigkeit verlangen und deshalb Gymnastik und Konditionstraining betonen. In Hongkong benutzt man manchmal für sie die Bezeichnung Körperaufbau-Systeme, weil sie den Körper stärken und aufbauen.

2. Systeme, denen schöne, weite, elegante Bewegungen, künstlerische und artistische Tritte und hohe Sprünge Selbstzweck sind, ohne besonderen prakti - schen Nutzen im Kampf. Wir erkennen diese Stile an ihren ballettartigen Bewe - gungen, z. B. in Kung-Fu-Filmen. Bruce Lee hat in seinem Film »Way of the Dragon« diese Systeme durch Imitation verspottet. Weil sie in der chinesischen Oper mit ihren Kampf- und Schlachtszenen eindrucksvoll eingesetzt werden können, nennt man sie in Hongkong meistens die Opernsysteme.

3. Systeme, die das genaue Gegenteil der letztge - nannt en sind, die auf alles verzichten, was mit Show zu tun hat und sich nur an der Kampfpraxis orientieren. Nur was im Ernstfall den Gegner risikolos, ohne überflüssige Bewegungen direkt und in kürzester Zeit ausschaltet, hat einen Platz im Repertoire eines Kampfsystems.

4. Systeme, die besonders die Gesundheit, das lange Leben, die Meditation usw. fördern und in den Vorder - grund stehen, nennt man die Gesundheitssysteme. Wenn wir jetzt genauer auf die eben genannten Klassen eingehen und einige bekannte oder im Westen unbekanntere Vertreter nennen, bitte ich die Leser zu bedenken, daß wir nur über die klassischen Formen der betreffenden Kunst sprechen. So gilt z. B. über klassisches Karate Gesagtes nicht unbedingt für modifiziertes Karate (z. B. Sport-Karate, Vollkontakt).

Beginnen wir mit der 1. Gruppe, den sog. Körperaufbau- Systemen. Zu ihnen gehören die meisten harten Shaolin-Stile, z.B. Hung-Gar-Kung-Fu, und deren Söhne, Enkel und Urenkel wie japanisches Karate und koreanisches Taekwon-Do als im Westen bekannteste Vertreter. Wenn man Anfänger nach ihrem Motiv, Budo oder Wu Shu zu treiben, befragt, erhält man oft die Antwort: »Um mich fit zu halten, den Körper zu kräftigen und Gewicht zu verlieren«. All dies bieten diese Systeme in hohem Maße. Sollten wir kurz zwis chen den Sportarten Karate und Teak-won- Do unterscheiden, dürfen w i r sagen, daß Karate mehr die Handtechniken, Taekwon-Do mehr die hohen Fußtechniken betont. Von der Trainingsatmosphäre her scheint uns das Karate etwas ruhiger, Taekwon-Do stakkatohafter zu sein. Kurz, im koreanischen Taekwon-Do fühlten wir uns stets gehfetzter, was allerdings unserer Kondition gut tat. Aber diese Eindrücke müssen durchaus nicht repräsentativ sein.

In der 2. Gruppe finden wir vor allem die sog. Tiersysteme, z.B. »Kranich-Kung-Fu«, »Affen-Kung-Fu« usw Wir erkennen diese Opernsysteme, oft auch Blumen- Kung-Fu genannt, an ihren ästhetisierten Be wegungen. Als Faustregel, die fast immer stimmt, können wir uns merken: Hat ein System schöne, tän zerische Bewegungen, ist es mögliche rweise f ü r die Praxis, den Kong-Sau (Kampf ohne Regeln) nicht sehr geeignet. Sind die Bewegungen eines Kung -Fu-Systems weich, d. h. ohne das vom Karate her gewohnte Kirne (Brennpunkt), fehlt der Einsatz der Hüfte, so bedeutet dies nicht unbedingt, daß w i r ein Opernsystem vor uns haben. Z. B. ist Tai Chi sehr weich, fließend und ohne Kirne, gehört aber keinesfalls in die Gruppe der Opernsysteme.

Die 3. Gruppe ist die der reinen, kompromißlosen Kampfsysteme, die sich durch kleine, knappe, spar - same Bewegunge n auszeichnen. Hier fehlt alles Spektakuläre. Hier gibt es kaum hohe Tritte, kaum Sprünge oder markerschütternde Schreie. Auch tiefe Stellungen und starre Kampfstände wird man verge - bens suchen. Kampfsysteme wirken fürs Auge nicht attraktiv. Sie eignen sic h ebenso wenig für Demon - strationen wie etwa Boxtechniken. In Filmen werden sie fast nie gezeigt, denn das Auge des Laien ist nicht schnell genug, um diese ausgeklügelten, ökonomisch kurzen Bewegungen erkennen zu können. Es gibt wenige reine Kampfsysteme, wir könnten kaum mehr als ein halbes Dutzend aufzählen. Das be deutet nicht, daß man mit den anderen Systemen nicht kämpfen könnte. Nur — mit den spezialisierten Kampfsystemen geht es halt noch besser. Das heißt aber wiederum nicht, daß jeder Exponent eines Kampfsystems jeden Exponenten eines anderen Sy stems unbedingt im Kampf schlagen müsse. Im Kampf stehen sich nämlich nicht System A und B gegenüber, sondern Fritz und Joachim, und beide mit ihren individuellen Stärken, Schwächen und Ängsten. Fritz nützt es in diesem Augenblick überhaupt nichts, daß sein Sensei 25 Dachziegel zerschlagen kann, und Joachim hat Angst, obwohl sein Sifu mit verbundenen Augen seine Kämpfe gewinnt. In Asien (Hongkong, Taiwan, Singapur, Bangkok) fin - den regelmäßig K.O-Turniere statt, an denen Vertreter jedes Systems teilnehmen können, in Hongkong ver - anstaltet man geheime Kong -Sau (Kämpfe). Hier er weist es sich, daß nur wenige Systeme regelmäßig vertreten sind, und daß eigentlich nur einige Systeme sich die Plätze teilen. Thai -Boxen, Choy -Lee-Fut-Kung Fu und Wing-Chun/Yong Chun -Kung Fu. Vereinzelt nehmen Pa-kua, Hsing-l, Lohan, Kickboxer und westliche Boxer mit Erfolg teil.

Und damit kommen wir auch schon zur letzten, der 4. Gruppe nach unserer Einteilung, den Gesundheitssystemen. Hierunter fallen Tai Chi, Hsing -l, Pakua — als soge - nannte innere Systeme, aber auch manche Shaolin - Systeme. Oft hört man die Bezeichnung Chi -Kung. Das weist auf die Atmung hin, die bei den Gesundheitssystemen eine wichtige Rolle spielt. Jedoch sollte man — von unseriösen Sifus bean spruchten — rätselhaften, magischen Chi-Kräften keinen Glauben schenken. Die richtige Atmung vermag viel, aber ein Mensch bleibt ein Mensch.

Nun sind wir zum Ende unserer Einteilung gekommen. Viele mögen »ihr« System, »ihren« Stil vergeblich gesucht haben. Aber bedenken Sie, wir können nicht alle nennen. Wir können jeweils nur einige Vertreter jeder Gruppe aufzählen. Wenn Sie unsere Kriterien beachten, dürfte es Ihnen nicht schwer fallen, andere Systeme einzuordnen.

Nachdem Sie sich nun über die Anforderungen, die Sie persönlich an Ihr System stellen, klar geworden sind, machen Sie sich mit dem Budo – bzw. WuShu -Angebot Ihrer Gegend vertraut. Selbst wenn es sich bei dem Sifu um einen Asiaten handelt, bedeutet das nicht grundsätzlich, daß er auch fachlich zum Lehrer qualifiziert ist. Als System fremder kann man kaum beurteilen, ob es sich um einen Schüler, Fortgeschrittenen oder Meister handelt. Geben Sie sich nicht zufrieden damit, wenn der Lehrer sagt, er unterrichte Kung Fu. »Kung Fu« ist zum Oberbegriff f ü r »chinesische Kampfkünste« geworden.

Fragen Sie ihn nach dem genauen Namen seines Systems. Hat es keinen Namen, oder existiert der Name nur in der Vorstellung des »Lehrers«, wie etwa »Barrakuda-Kung-Fu«, »Shaolin Kendo Fu«, »Phil osophie- Dschungel -Kung-Fu«, »Kung -Fu-Karate«, dann verlassen Sie schleunigst diesen Ort.

Der Leser ist gut beraten, wenn er bei Phantasiesystemen gesundes Mißtrauen walten läßt.

Dieser Beitrag ist angelehnt an einen Artikel aus dem Jahre 1977 von Keith Kernspecht, Oberhaupt der euröpäischen Wing Tsun Organisation.


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