
Kultur, Kunst, Medien, Presse, Multimedia, Kirche, Religion...
eZine von Redaktion Kultur
Kultur, Medien, Religion - Die hohe Kunst des Teamspiels oder was wir nicht in bob lesen können
Bildquelle: startblatt - bob-Magazine - Ausschnitt des Magazin-Covers der Ausgabe 3 und 2
Gedanken, die eigentlich nur entfernt mit bob zu tun haben – oder: jeder braucht doch eine Einleitung
Wenn wir einen Blick in die Geschichte der Menschheit werfen, dann scheint es, als gäbe etwas wie Fügung. Das eine führt ganz selbstverständlich ins Andere. Das Vordere wird zur Erklärung des Hinteren oder das Vorher mündet in das Nachher. So linear, so klar. Das ist Kausalität. Fragen gibt es danach keine mehr. Die Ereignisse entfalten sich wie nach einem „vernünftigen“ Prinzip: Ursache führt zu Wirkung. Das wäre einfach, das wäre schön – das wäre das Labor von Hegels Weltgeist oder das Welttheater, in dem wir mitspielen dürfen. Manche als StatistInnen, manche als HeldInnen großer Epen. Was dabei verloren geht, ist der Sinn für den einzelnen. Übrig bleibt nur mehr ein höherer Sinn, der dem einzelnen Leben Sinn geben kann. Denkmäler sind dabei in der Regel Symbole für eine geschichtliche „Überbedeutung“, für eine repräsentative Existenz, ob sie uns etwas sagen, ist belanglos. Sie sind Verweise auf Historie und Kultur. Sie sind Zitate. Auch das Auto, das Haus, der Stuhl, auf dem wir sitzen, und viele andere Gegenstände, mit denen wir uns umgeben, sind heute, Symbol. Sie haben keinen Zweck mehr zu erfüllen, wir konsumieren sie, weil sie Symbolwert für uns haben, weil sie uns Befriedigung in Form einer Realisation von Träumen in Form einer Transzendenz schaffen. Wir leben von Erscheinungen, in denen ab und zu jemand das Licht in unserer platonischen Höhle anmacht, damit wir die Fäden, an denen wir hängen, sehen können. Und in diesem Lichte erkennen wir auch die Medienlandschaft von heute als riesigen Apparat zur Verteilung von Symbolen. Unüberschaubar das Angebot von Zeitschriften für Frauen, für Männer, für Häuser, für Autos, für Erotik, für Kunst, für Wirtschaft und darin immer wieder das gleiche Mantra von einem „So schön wie…“, „So reich wie…“, „So erfolgreich wie…“, „So intelligent wie…“, „So sexy wie…“, die gleiche Produktion von Träumen. Das nervt, zumindest, wenn man irgendwann bei der 25gsten Ausgabe draufkommt, dass das doch schon bei der fünften der Fall war. Irgendwann also zwischen der ersten Lebenskrise der Mitzwanziger und dem Beginn des Thirty-Something-Lebensalters beginnt manchmal eine Unzufriedenheit zu wachsen, die sich auch nicht mehr durch jugendliche-epikureische Sinneslust zudecken lässt. Wir empfinden es plötzlich als fad, nur mehr zu konsumieren, seien es die ewig gleichen Geschichten oder die ewig gleichen Dinge in unterschiedlichen Variationen. Die Lust wächst, etwas selber zu machen. Bei manchen bleibt es bei der Empfindung dieser Lust, dieser Sehnsucht, bei manchen entfaltet sich diese im Selber-Machen.
Dinge, die sich zugetragen haben, die ich erfahren habe und die ich weitergebe, weil sie interessant sind. z.B…
Auch die „Macher“ von bob sind einst angetreten, um aus der Lust am Selber-Machen und der Unzufriedenheit mit dem herrschenden Angebot an Zeitschriften, ein Magazin der etwas anderen Art zu schaffen, wie man so schön sagt. Monothematisch, multiperspektivisch sollte es sein und im medialen Mainstream mit jeder Ausgabe eine alternative Sicht von Konzepten des Alltags bieten, literarisch, philosophisch, soziologisch, in Mode, in Bildern, in Kaufempfehlungen. So jedenfalls die offizielle Geschichte. Doch wie hinter jeden offiziellen Darstellung des Was verbirgt sich auch hinter den Heften, der Webseite und dem Pressematerial von bob noch die Geschichten von Menschen, die dieses Was geschaffen haben. Im konkreten Fall von Wolfgang Haas, Alois Gstöttner, Anais Horn, Kira Kirsch, um nur die zu nennen, die noch wesentlich bestimmend waren, als im editorial von bob zu lesen ist. „…eine Ausgabe ist kindliche Unwissenheit, zwei Ausgaben sind jugendlicher Idealismus, drei Ausgaben Serienreife“ (editorial, in: Mutter. Vom Leben nach der Geburt. bob. Ausgabe 3, Mai 2006. S. 19) Zu diesem Zeitpunkt war bob so etwas wie erwachsen, so etwas wie down-to-earth.
…die Geburt einer Idee: man nehme zwei Architekten und einen Philosophen, Zeit und Lust
Doch wie in jedem Prozess des Werdens steht am Beginn nicht die Reife, sondern die Geburt. Die Geburt einer Idee. Und auch diese war nicht ohne Voraussetzung, geschah nicht plötzlich. Denn alles begann mit einer Reise. Genau genommen mit der Reise von zwei Architekten mit Namen Alois Gstöttner und Fabian Wallmüller durch Österreich und die Schweiz auf der Suche nach einer Bellevue-Architektur. Das Ergebnis dieser Reise sollte ein Buch über diese Reise sein. Aus dem Buch wurde dann irgendwie nichts. Doch man hatte die Lust am Publizieren entdeckt. Ein Magazin sollte es sein. Schließlich gab es keines, das das eigene Bedürfnis zufrieden stellen hätte können. Im eigenen Umfeld in Graz, den Architekturzeichensälen, dem Bekanntenkreis, suchte man nach Verbündeten, um der Idee auf die Welt zu bringen, und 2004 traf man sich in einem Hinterhof am Grazer Glacis, um festzustellen, dass „alle Lust und ein bisschen Zeit“ hätten. So beschreibt es Wolfgang Haas, der seit Anbeginn von bob mit dabei und heute Textchef der Zeitschrift ist. Nachdem die Ressourcenfrage geklärt war, konnte man sich der Frage der Gestalt, also der Frage des Entwurfs, widmen. Wie die Ausrichtung? Welchen Anspruch? Welcher Name? Welches Layout? Vielleicht ein Thema – ein Tool? Ein Thema fand in der Gruppe Anklang. Aber das mit dem Tool, da hatte man Bedenken wegen dem Aufwand und der Flüchtigkeit des Objekts. Was blieb, war also monothematisch und der Anspruch, Phänomene unseres Alltags tiefer gehend betrachten zu wollen oder zu lassen. Phänomene, die sonst höchstens als Informationstorso, auf das Notwendigste und Verständlichste reduziert, im Medienkanal der Wahl zu betrachten sind. Der Zugang sollte also multiperspektivisch sein. Als Form wurde ein Kulturmagazin gewählt. Klar war auch, dass man kein kopiertes Heft wollte, sondern eines „das ich in die Wohnung lege, auf das ich richtig stolz bin“. Klar, dass man dafür auch Geld brauchte. Gut, dass es daher schon vor der ersten Ausgabe eine Förderzusage vom Land Steiermark und der Stadt Graz gab, und dass im Laufe der Zeit auch noch der Bund dazukam. Wahrscheinlich wäre ohne diese bei einem so hohen persönlichen Anspruch an die eigene Qualität bob nichts weiter als ein schöner Hinterhoftraum geblieben. Die Seiten des Magazins wollte man mit Hilfe von Aufrufen, Texte und Bilder zu einem bestimmten Thema für bob produzieren, füllen. Der erste Call galt dem Thema Identität oder der Frage „Wer bin ich“ und wurde in die persönlichen Kanäle eingespeist. Zurück kam eine Flut von Material. Vielleicht zusätzlich von einer Welle der Begeisterung, des kollektiven Schulterschlusses in Graz getragen, dass das Gute nicht immer von Außen kommt. Das Material galt es jetzt gemeinsam zu sichten, zu ergänzen und in Form zu bringen galt.
…die Kindheit einer Idee: spielend lernen
Und irgendwie war man am Ende der ersten Ausgabe von bob zu einer Redaktion geworden, in der bis zum Schluss, bis zur letzten Ausgabe das Demokratisch-Partizipative, das Offene, der anfänglichen Entscheidungsstrukturen und der Magazinerstellung hochgehalten wurde. Dabei war es wohl wichtig, dass keine der beteiligten Personen stärker als die andere war, keiner ein Profi, wodurch in gewisser Weise ein Machtgleichgewicht zwischen den Personen herrschte. Klar, dass da auch viel gestritten wurde, anfänglich noch über alles und jedes, was später aufgrund der sich immer stärker herausbildenden Kompetenzen nicht mehr so ausgeprägt war. Auch wenn später manches dadurch einfacher wurde, die Auswahl der Inhalte für jede Ausgabe blieb jedoch kollektive Leistung. Jeder beschäftigte sich mit den Einsendungen, keiner hat es sich mit einem flüchtigen Blick einfach gemacht, wenn es hieß: „Was ist drin – was ist draußen?“ Doch das bedeutete jedoch gleichzeitig das Urteil: „Wer ist drin – wer ist draußen?“ Eine Gratwanderung, vor allem, wenn eine persönliche Beziehung durch ein solches Urteil in Mitleidenschaft gezogen zu werden drohte. Aber irgendwann hat man auch damit umzugehen gelernt. Man erkannte, dass man Verantwortung für das Gesamtprodukt trugt und dass das eine ganz andere Verantwortung ist, als jene für einen einzelnen Beitrag. Gelernt hat man aber nicht nur auf der inhaltlichen Seite, auch auf der kommerziellen, der grafischen und über die eigene Klientel, die Leser, hat man dazu gelernt. Zum Beispiel, dass sich inhaltliches Gewicht auch auf das praktische auswirkt und der Preis einer Versendung nach Deutschland bei einem Magazinpreis von EUR 4,80 und einem Magazingewicht von 800 Gramm ein Minusgeschäft ist. Oder, dass die Wahl des Papiers auf Grafik und Wirkung des Magazins auswirkt. Wer konnte vorher ahnen, dass Hochglanz derartig stark mit Qualität im Bewusstsein der Nutzer korreliert ist. Und wer konnte ahnen, dass Bilder einer ganz anderen Bearbeitung bedürfen, um nicht „abzusaufen“? Dabei begründete sich der Papierwechsel bei der zweiten Ausgabe von bob zum Thema „Eskapaden. Flüchtig.Lustvoll.Rücksichtslos.“ darin, dass man Eskapade nicht unbedingt als etwas Glänzendes, Helles, Glattes gesehen hat, sondern als etwas Rauhes, Dunkles, Mattes, das auch im Papier dieser Ausgabe zum Ausdruck kommen sollte. Da bleibt dann doch der Konsument jeder Zielgruppe, was er immer schon war: passiv, auch wenn er im Editorial der zweiten Ausgabe mit der Frage konfrontiert wird: „Haben wir den Glauben an Revolutionen, an umfassende Veränderung verloren? Ein wenig seufzend klingt die Frage, mit der wir uns da – mit Blick auf unsere eigenen Lebensumstände, festgefahrene Arbeitssituationen und eine uns dauernd belagernde Werbefröhlichkeit – Luft machen. Und dann taucht der Gedanke auf, dass uns vielleicht tatsächlich nur die Eskapade, die Revolution auf Zeit bleibt.“ (editorial, in: Eskapaden. Flüchtig. Lustvoll. Rücksichtslos. Bob. Ausgabe 02, November 2005. S. 1) Die zweite Ausgabe sollte also selbst Eskapade bleiben.
…die Reifejahre einer Idee: über das Bewusstwerden von Grenzen
In der dritten schien dann ein Mittelweg gefunden. „Mutter – Vom Leben nach der Geburt“, das bob-Rezept begann langsam Routine zu werden. Doch obwohl jetzt alles anfing leichter zu werden, wurde die Zeit nicht mehr. Immer noch war bob ein Parallelprodukt zum Brotberuf, wie man so schön sagt, vielleicht selbst Eskapade für die Einzelpersonen, in der man sich verwirklichen und entfalten kann. Sollte es so blieben, sollte es immer so weiter gehen mit einer Auflage von 10.000 Stück. Mehr Marketing, das war jedem klar, würde es benötigen, um die eigene „gläserne Decke“ zu durchbrechen. Es braucht mehr als nur das Wohlwollen der eigenen Zielgruppe, um zu einem kommerziellen Erfolg zu kommen, der die Beteiligten ernährt. Doch woher Zeit und Energie nehmen, wenn sich die Lebensperspektiven der Beteiligten verändern. Und wie mit der Angst umgehen, dass durch eine Kommerzialisierung möglicherweise Dinge, die einem wichtig sind, keinen Platz mehr haben? Doch noch bevor man sich diese Fragen selbst zur Genüge beantwortet hat, hat sich, so könnte man fast meinen, bob verselbständigt und sich was Neues gesucht. bob war eines schönen Morgens nicht mehr bob, das Magazin, sondern bob, das Telefon. Da half kein Streiten und kein Wehklagen. Nach einem Jahr Pause mimt bob nun zum letzten Mal das Magazin, wenn darüber nachgedacht wird, was Abschied ist oder sein kann und wenn Alois Gstöttner, Anais Horn, Kira Kirsch und Wolfgang Haas nach persönlichen Abschiedsworten ringen: „Ich sag servus, du sagst tschüss.“ ( Alois Gstöttner, anais Horn, Kira Kirsch, Wolfgang Haas: Ich sag servus, du sagst tschüss, in: Abschied. bob. Ausgabe 04, November 2007. S. 92)
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am 08.12.2007 13:48




