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04.07.2008
Die Minderleister
Kultur, Medien, Religion (33 Beiträge online)
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Weblog von Redaktion Kultur

Kultur, Medien, Religion: Die Minderleister

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Kultur, Medien, Religion - Die Minderleister - buehnen-graz.com
Bildquelle: buehnen-graz.com

Im Grazer Schauspielhaus läuft derzeit die am 20. April 2007 uraufgeführte Grazer Neufassung von des Theaterstücks „Die Minderleister“ von Peter Turrini. Die ursprüngliche Fassung stammt aus dem Jahr 1988 (Uraufführung im Akademietheater Wien). Die Thematik – Entlassungen aus betriebswirtschaftliche Gründen oder weil die Fabrik wo anders hin verlegt wird – ist heute so aktuell wie vor 20 Jahren.

Shakespeare erinnert sich

In einer ehemaligen Hochofenhalle eines stillgelegten Stahlwerkes finden nun Kunstveranstaltungen statt. Von der früheren Belegschaft ist William Shakespeare übrig geblieben, seines Zeichens Werksbibliothekar, jetzt ohne Werk und Bibliothek und dem Alkohol, vornehmlich dem Bier zugetan. Aus seinen Erinnerungen lässt er die ehemals im Stahlwerk arbeitenden Menschen noch einmal lebendig werden.

Massenentlassungen

Im Stahlwerk sind Massenentlassungen geplant. Hans, der Beste seiner Hochofenpartie, ist davon als Erster betroffen. Er ist verheiratet mit Anna, die ebenfalls kürzlich ihren Arbeitsplatz in einer Waschmaschinenfabrik verloren hat, weil das Werk nach Polen verlegt wird. Sie wollen eine Familie gründen und außerdem hat Anna viele Träume: sie will Urlaub auf den Malediven, sie will das Kinderzimmer einrichten. Das Haus ist zwar fertig, aber ein Schuldenberg lastet auf dem Paar. Arbeitslosigkeit war nicht einkalkuliert. Die betriebswirtschaftlichen Konzepte des Unternehmens bleiben davon unberührt.

Jobcasting

Aber die Entlassung nimmt dem Stahlarbeiter Hans nicht nur die Existenzgrundlage, sonder auch die Identität. Das Problem „Arbeitslosigkeit“ treibt auch seltsame Blüten: In einer Quizshow können Arbeitsplätze gewonnen werden. Hans stellt sich als Kandidat der Herausforderung; er muss seine Mitbewerber aus dem Bewerb „ohrfeigen“. Ein menschenunwürdiges Spiel, denn seine Gegner bei diesem Quiz sind seine ehemaligen Kollegen und Freunde. Die erste und zweite Runde schafft er, obwohl es ihm schwer fällt. Als er aber in der dritten und letzten Runde seine eigene Frau Anna im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Bewerb „schlagen“ soll, besinnt er sich seiner eigenen Würde und verzichtet auf den Gewinn eines Arbeitsplatzes.

Minderleister

Nach einer Vorsprache beim zuständigen Minister interveniert dieser im Stahlwerk, Hans wird wieder eingestellt, als „Ordner“, nicht als Stahlarbeiter. Seine Aufgabe ist es nun, Listen über möglichst viele „Minderleister“ anzulegen – die nächsten Entlassungskandidaten. Obwohl er es vermeidet, seine früheren Kollegen auf diese Liste zu setzen, folgen dieser einer privaten Einladung von Hans nicht. Davon ist er so enttäuscht und betroffen, dass er seinen gut dotierten Job kündigt und sich in die glühende, brodelnde Masse des flüssigen Stahls stürzt. Am Ende sagt bzw. fragt Shakespeare: „Mir geht’s wunderbar, wie geht es euch?“

Was ist ungerecht?

Als Antwort auf die Frage Shakespeares drängt sich der Werbeslogan der Wirtschaft auf: „Geht es der Wirtschaft gut, geht es allen gut.“ Dieser Stehsatz kann so nicht stimmen. Wie soll es allen gut gehen, wenn Fabriken ihre Tore bei uns schließen und zwecks Gewinnmaximierung in so genannte „Billiglohnländer“ abwandern, weil dort nicht nur die Löhne sondern auch die Lohnnebenkosten auf niedrigstem Niveau gehalten werden? Aber nicht jeder Betrieb kann abwandern. Um trotzdem die Aktionäre zufrieden zu stellen, wird Personal „freigesetzt“; so die euphemische Umschreibung für Entlassungen. Lohnkürzungen für die verbleibenden Arbeiter und Angestellte sind keine Seltenheit. Immer mehr Arbeit wird von immer weniger Menschen zu geringeren Löhnen geleistet. Das freut die Aktionäre, die über dicke Aktienpakete verfügen. „Ist die Welt ungerecht oder ist sie nicht ungerecht?“ fragt Hans, als er von seiner Entlassung erfährt. Die Antwort bleibt offen.

Der wahre Hintergrund

Zum Titel des Stücks: Peter Turrini schreibt in einer Tagebucheintragung vom 25. 8. 1986: „Ein Freund aus Fohnsdorf ruft mich an und sagt, er habe gehört, dass es im Werk Listen gibt mit Namen von Leuten, die in nächster Zeit entlassen werden wollen. Auf den Listen steht das Wort ‚Minderleister’. Das wäre ein Stücktitel.“

[Die Zitate sind dem Programmheft des Grazer Schauspielhauses entnommen.]


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