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eZine von Redaktion Kultur
Kultur, Medien, Religion - Kultur mobil: Unbekannte Slowakei
Bildquelle: slovakia-travel
Ein Reisebericht von Margarete Kaspar
Nachdem sich unser nordöstliches Nachbarland 1993 friedlich von den Tschechen abgespaltet hat, wurde diese junge Slowakische Republik noch im selben Jahr Mitglied der UNO und des Europarates. 2004 fand die Slowakei auch Aufnahme in die EU und NATO. Mit einer Fläche von etwas mehr als 49.000 km² und 5,43 Millionen Einwohnern ist die Slowakei eher ein Zwerg unter den EU-Staaten. Österreich – auch nicht gerade ein Riese innerhalb der Europäischen Staatengemeinschaft – bringt es vergleichsweise immerhin auf fast 84.000 km² und 8,29 Millionen Einwohner.
Schon eher bemerkenswert ist die Zusammensetzung der Bevölkerung: Neben 85,8 Prozent Slowaken leben in der Slowakei noch 9,7 Prozent Magyaren (Ungarn), 0,8 Prozent als deutscher Ortsbezeichnung aufgelistet.
Zehn Tage auf den Spuren von „Oberungarn“
In dieses „Oberungarn“ führte eine zehntägige Reise des „Historischen Vereins für Steiermark“, den historischen und kunsthistorischen Spuren folgend, die den durchwegs einschlägig „belasteten“ Reiseteilnehmern so manches „Ah“ und „Oh“ entlockten. Ausgangspunkt der Reise war die jüngste europäische Hauptstadt Bratislava/Pressburg, das seine Bedeutung bereits im Jahre 1000 erlangte, als der erste ungarische König, Stephan I. der Heilige, hier einen Komitatssitz einrichtete. Später war der St. Martins-Dom mit der berühmten Reiterstatue des Hl. Martin von Georg Raphael Donner über einige Jahrhunderte Krönungskirche der ungarischen Königinnen und Könige. Bereits im 9. Jh. war auf einem Berg innerhalb der Stadt eine Burg entstanden, die – unter Maria Theresia barockisiert – noch heute die Stadt beherrscht.
Kirchen, Burgen und Schlösser waren auch weiterhin Schwerpunkte der Reise. Es würde diesen Rahmen sprengen, alle aufzuzählen; nur die wichtigsten seien erwähnt. Sie sollen einen Eindruck von der ehemaligen Bedeutung Oberungarns vermitteln. Ihre Entstehung geht durchwegs ins Früh- oder Hochmittelalter zurück, hin und wieder sogar auf ein römisches Lager, wie dies in Trenčin/Trentschin die Inschriftentafel aus dem Jahr 179 zeigt. Von den zahlreichen Burgen, die zum Schutz der von Norden nach Süden und von Osten nach Westen führenden Handelswege errichtet wurden, ist Oravský hrad/Orava-Burg eine der imposantesten. Hoch aufragend auf einem steilen Felsen, muss man (angeblich) 900 Stufen überwinden, um den ältesten Bauteil, den Wehrturm, zu erreichen; belohnt wird diese Mühsal mit einem atemberaubenden Blick über das Tal der Orava. Zeitweilig war die Burg im Besitz der Familien Thurzo und Palffý, die zusammen mit den Fuggern aus Augsburg in weiten Teilen der Slowakei ihre Spuren hinterließen. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit trugen sie mit ihren unternehmerischen Fähigkeiten, vor allem im Bergbau, viel zur Entwicklung des Landes und zum Erblühen der Städte bei.
„Weltkulturerbe“ – aus dem Füllhorn der UNESCO
Noch beeindruckender präsentiert sich die Spišsky hrad/Zipser Burg, die größte Festungsanlage Oberungarns und eine der größten Burgen Mitteleuropas, die sich über eine Fläche von über vier Hektar erstreckt. Gemeinsam mit dem Ensemble von Spišska kapitula/Zipser Kapitel, Bischofssitz mit spätromanischer St. Martinskirche, und der nahe gelegenen Heiligen-Geist-Kirche von Žehra/Schigra mit bemerkenswert gut erhaltenen Fresken aus dem 13.-15. Jh., denen eine bedeutende Ikonographie nachgesagt wird, wurde die Burg 1993 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.
Die Ehre, Weltkulturerbe zu sein, widerfuhr 1993 auch dem mittelalterlichen Bauerndorf Vlkolinec. Dass dieses noch so erhalten ist, wie es aus dem Mittelalter überkommen ist, verdankt es seiner Abgeschiedenheit bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Die durchwegs armen Dörfler hatten auch nach der Erschließung durch eine Straße nicht die Mittel, etwas zu verändern; das “Weltkulturerbe“ brachte zumindest einen bescheidenen Tourismus in Gang. Auch die älteste slowakische Bergbaustadt Banska Štiavnica/Schemnitz, von der später noch die Rede sein wird, erhielt in diesem Jahr den Titel zuerkannt.
Mit dem Städtchen Bardejov/Bartfeld war der östlichste Punkt der Reise erreicht. Der Marktplatz ist eingerahmt von durchwegs gotischen Bürgerhäusern, die alle nach alten Bildern stilgerecht renoviert wurden. Weltkulturerbe wurde der Ort im Jahr 2000 – und das verdient. Es fällt immer wieder auf, dass alle diese historischen Orte mit größter Sorgfalt renoviert und instand gesetzt worden sind. Besonders forciert konnten die Stadterneuerungen nach dem EU-Beitritt werden, da Finanzierungsbeiträge auch aus Brüssel kamen. So paradox es klingen mag, aber dass diese alten Stadtkerne erhalten geblieben sind, verdanken sie dem Kommunismus. In dieser Ära stellte man die berühmt-berüchtigten Plattenbauten – „Stalinbarock“ genannt – an den Rand der Städte, den Stadtkern ließ man in Ruhe. Es bestand kein Interesse und es gab auch kein Geld, um hier Umbauten vorzunehmen. So blieb die Bausubstanz, wenn auch renovierungsbedürftig, erhalten.
Das trifft vor allem auf die Städte des Spiš/Zipser Landes zu, das einem „gotischen Freilichtmuseum“ gleicht. Neben den bereits erwähnten, als Weltkulturerbe geadelten Orten, darf Levoča/Leutschau, ehemals Hauptort der Zips, nicht vergessen werden. Die am besten erhaltene Stadtanlage der Slowakei brachte zwei bemerkenswerte Persönlichkeiten hervor: Zum einen Johann I. Thurzo von Bethlemhalva, einen der erfolgreichsten Bergbauunternehmer im 15. Jh. mit Bergwerken u. a. auch in der Mittelslowakei. Mit dem Handelshaus der Fugger stand Thurzo in sehr engen Geschäfts- und verwandtschaftlichen Beziehungen; zum anderen Meister Paul von Leutschau, einen der bedeutendsten Schnitzer der Spätgotik, angeblich Schüler von Veit Stoß aus Krakau. Sein wichtigstes Werk: der Hauptaltar der St. Jakobs-Kirche in Leutschau, ein prachtvoller Flügelaltar, 18,6 Meter hoch und sechs Meter breit, gilt er als der größte gotische Altar der Welt. Aber auch in vielen anderen Kirchen stößt man immer wieder auf Altäre aus seiner Werkstadt.
Kežmarok/Käsmark, im Mittelalter ein Zentrum der Zipser Deutschen, war im 17. und 18. Jh. immer wieder Ausgangspunkt für Rebellionen gegen die Habsburger und die Gegenreformation, so auch ab 1678 unter dem lokalen Burgherrn Imre Thököly, der mit seinen Soldaten, den Koruzzen, ganz Oberungarn und Siebenbürgen eroberte, ja sogar bis in die südöstliche Steiermark vordrang.
Holzkirchen – nicht nur eine skandinavische Rarität
Gegen Ende des 16. Jh. waren 90 Prozent der slawischen Bevölkerung evangelisch. Unter der habsburgischen Herrschaft versuchte man, sie wieder zum katholischen Glauben zu „bekehren“. Mit seiner Rebellion konnte Thököly 1681 dem Kaiser Leopold I. Zugeständnisse an die Evangelischen abtrotzen. In jedem Bezirk wurde der Bau von zwei protestantischen Kirchen, so genannten “Artikularkirchen“, genehmigt, deren Errichtung an fünf Bedingungen, „articula“, geknüpft war: 1. Die Kirche musste außerhalb der geschlossenen Ortschaft errichtet werden. 2. Sie musste vollkommen aus Holz – ohne eiserne Nägel – gebaut werden. 3. Sie durfte keinen Turm haben und musste 4. innerhalb eines Jahres fertig gestellt sein. 5. Sie durfte keinen direkten Zugang von der Straße haben. Vier dieser Kirchen sind bis heute erhalten geblieben. Die größte ist Sväty Križ/Heiliges Kreuz, errichtet für 6000 Gläubige; eine andere, nach skandinavischem Muster mit besonders schöner Innenausstattung steht in Hronsek. Holzkirchen wurden auch von den Katholiken errichtet, die meisten im 18. Jh.; die älteste aber stammt aus dem 16. Jh. und steht in Hervatov.
Zur Abwechslung: Natur pur
Um der langsam um sich greifenden „Kirchenmüdigkeit“ entgegen zu wirken, war ein Ausflug ins Tatragebirge eine echte Alternative und die Möglichkeit, auch die Naturschönheiten des Landes kennen zu lernen. Die Tatrabahn brachte uns zum auf 1000 Meter Seehöhe liegenden Höhenkurort Starý Smokovec/Altschmecks, dem Ausgangspunkt einer kleinen Wanderung zum Kohlbachwasserfall. Endstation der Tatra-Bahn ist der Štrbské Pleso/Tschirmer See, ein eiszeitlicher See ohne Zu- und Abfluss. Geographisch verläuft hier die Wasserscheide zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Das waldreiche Gebiet der Hohen Tatra mit drei Gipfeln über 2600 Meter Seehöhe wird schon seit dem 19. Jh. touristisch genutzt. 1970 fand hier die Nordische Ski-WM statt. 2004 wütete am Fuße der Tatra vier Stunden lang ein Orkan, der auf 30 Kilometer Länge und etwa 15 Kilometer Breite den gesamten Waldbestand vernichtete und auch sonst großen Schaden anrichtete. Zum Zeitpunkt der Katastrophe war die Slowakei bereits Mitglied der EU und diese hat einen bedeutenden Beitrag zum Wiederaufbau geleistet.
Zum „Natur-pur“-Programmpunkt gehörte auch eine beliebte Touristenattraktion: eine eineinhalb Stunden dauernde Floßfahrt auf dem Dunajec, Grenzfluss zwischen Slowakei und Polen und zum Nationalpark Pieniny gehörend. Einige Stromschnellen in sonst ruhigem Gewässer machen diese romantische Fahrt ab und zu spannend.
Einen Zipfel der multireligiösen Slowakei erhascht man in Prešov/Eperies mit einem Blick auf eine griechisch-katholische (unierte) Kirche mit einer bemerkenswerten Ikonostase einerseits und eine Synagoge andererseits, einst Mittelpunkt einer Gemeinde von 6000 gläubigen Juden, beherbergt sie heute eine Judaica-Ausstellung. Die jüdischen Gemeinde ist heute auf knapp hundert Mitglieder geschrumpft.
Mit dem größten Sakralbau der Slowakei kann Košice/Kaschau, die zweitgrößte Stadt der Slowakei, aufwarten: dem St. Elisabeth-Dom, mit einem aus 48 Tafelbildern bestehenden Hochaltar aus den Jahren 1474-1477. Einst blühte hier das Goldschmiede- und Glockengießerhandwerk, nach dem Zweiten Weltkrieg expandierte die Schwerindustrie.
Zur Abrundung des Kulturellen dürfen einige Schlösser nicht unerwähnt bleiben, die heute Museen oder Hotels beherbergen: Červený kameň/Biberburg, im 16. Jh. von Anton Fugger erbaut, später bis 1945 im Besitz der Familie Pálffy; Schloss Betliar mit einem 75 Hektar großen Schlosspark, einst Herrenhaus der Grafen Andrássy; Schloss Antol, erbaut nach einer astronomischen Zahlensymbolik, vergleichbar mit jener des Schlosses Eggenberg in Graz, war die ehemalige Sommerresidenz der bulgarischen Zaren; nicht zuletzt das Renaissance-Schloss Topol’čanky, das den Habsburgern lange als Sommerresidenz diente und ab 1923 immer wieder Aufenthaltsort der tschechoslowakischen Präsidenten war.
Kupfer, Silber, Gold
Der Bergbau spielte schon im Mittelalter und der frühen Neuzeit eine besondere Rolle in der Slowakei. Es waren immer wieder deutsche Bergleute mit ihrem „know how“, die im Herzen des Landes Gold, Silber und Kupfer abgebaut haben. In Banská Bistrica/Neusohl war es vor allem das Kupfer, das den schon erwähnten Johann Thurzo zusammen mit Jakob Fugger tätig werden ließ. Sie machten Neusohl zum Zentrum des europäischen Kupferbergbaues. Die Fugger zogen sich nach Aufständen der Bergleute Mitte des 16. Jh. zurück, auch, weil der Bergbau in Spanien und Südamerika lukrativer war. Die Abbaurechte dazu erhielten sie von Karl V. für ihre Dienste bei dessen Wahl zum römisch-deutschen Kaiser.
Das Museum des Slowakischen Nationalaufstandes in Banská Bistrica erinnert an ein trauriges Kapitel der slowakischen Geschichte, als es im Sommer 1944 zu einem bewaffneten Partisanenkampf gegen das von Hitler gestützte Regime kam. 20.000 Tote waren zu beklagen, nachdem die deutschen Truppen eingegriffen hatten. Ein Denkmal aus kommunistischen Tagen erinnert noch heute an die Toten.
Banska Štiavnica/Schemnitz, wie schon erwähnt ebenfalls Teil des Weltkulturerbes, gilt als älteste Bergbaustadt der Slowakei und war immer Vorbild für den slowakischen Bergbau und den Einsatz modernster Montantechnik. Abgebaut wurden Silber und Gold; den großen Aufschwung brachten hier deutsche bzw. Tiroler Bergbaufachleute. Dass die Fugger ihre Hände im Spiel hatten, versteht sich von selbst. Die 1733 gegründete Bergbauschule wurde bereits 1763 von Maria Theresia zur Bergbauakademie erhoben, in der Studenten aus ganz Europa studierten. 1918 wurde der Hochschulbetrieb eingestellt. Unweit von Schemnitz befindet sich ein 1,2 Kilometer langer Schaustollen, der bis in 443 Meter Tiefe führt und die Entwicklung des Silberbergbaus durch die Jahrhunderte demonstriert.
In Kremnica/Kremitz bauten deutsche Bergbaufachleute schon im 11. Jh. Gold unter Tag ab. Eine eigene Münzprägung ist im 14. Jh. nachgewiesen. Im Laufe der Jahrhunderte gab es im Goldbergbau immer wieder Höhen und Tiefen. Anfang der 1970er-Jahre wurde der Bergbau stillgelegt. Ein Besuch im Münzen-Museum mit Exponaten von der Antike bis in die Gegenwart ist auf jeden Fall einen Besuch wert.
Kulturelle Fremde – immer eine Überraschung wert
Was immer die Reiseteilnehmer an Vorstellungen im Kopf gehabt haben mochten, die zehntägige Reise eröffnete einen völlig neuen Blick auf ein für uns bis dato kulturell “unbekanntes Land”. Dass die gegenwärtige wirtschaftliche Situation der Slowakei wenig bis gar nicht Thema war, lag an der „Reise nach Oberungarn“, die eine Reise in die Vergangenheit des Landes war. Die Anhäufung von Kunstschätzen und architektonischen Besonderheiten war für uns alle beeindruckend. Zugegeben, von den wirklichen Lebensumständen seiner Bewohner haben wir nicht viel erfahren – nur das, was der Fremdenführer von seinem Land erzählt. So befanden wir uns mit unserem Bus auf unserer Reise in einer Art Ghetto, das wenig Spielraum für Begegnungen mit Einheimischen zulässt. Schade eigentlich, denn der Kontakt wäre aufgrund der guten Deutschkenntnisse vieler Slowaken nicht schwer gefallen -trotz des mageren der slowakischen Wortschatzes der Reisenden, der bislang nicht über dobrý den/guten Tag, dovide-nia/auf Wiedersehen, áno/Ja, nie/nein und na zdravier/Prost hinausgeht.
am 20.08.2007 10:59




