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30.08.2008
Sind wir viele oder einfach ...
Kultur, Medien, Religion (34 Beiträge online)
Reportagen und Kommentare zu Ereignisse des entwickelten Menschseins.
Kultur, Kunst, Medien, Presse, Multimedia, Kirche, Religion...

Kultur, Medien, Religion - Sind wir viele oder einfach nur alle? Eine Frage nach europäischer Identität und Werten

Channel: Kultur/Medien
Kommentare: 1

Wie sich überall auf der Welt zeigt und von den Medien ausufernd kolportiert wird, wurzeln die schärfsten Auseinandersetzungen und Kämpfe in einer unterschiedlichen Identität, die es mit sich bringt, dass Werte mit aller Wucht und Leidenschaft aufeinanderprallen. Ob in der Familie oder in der Gesellschaft, ob in oder zwischen Nationen, unterschiedliche Kulturen sind immer wieder der Auslöser für Zwist und Unmut.

So auch in Europa, wo viele eifrig hervorheben, dass eine politische Gemeinschaft für ihren Zusammenhalt gemeinsamer Grundwerte bedarf, die die Richtung ihrer Handlungen vorgeben, diese mit Legitimität und Sinn versehen und Solidarität zwischen den Bürgern stiften. Doch in einem Europa, das in seinen Grenzen noch nicht genau feststeht und dessen politische Legitimität, wie Umfragen (siehe Eurobarometer 2004) beweisen, in den Augen ihrer BürgerInnen, noch nicht gesichert ist, stellt sich die Frage, wie eine solche europäische Identität und die damit verbundenen Werte aussehen könnten.

Dazu gibt es unterschiedliche Positionen, die in der Folge beschrieben werden sollen, um eine Einschätzung der weiteren Diskussionen zu diesem Thema zu erleichtern.

Der “kommunitaristische” Standpunkt oder ein kulturelles Europa

Dabei handelt es sich um den Standpunkt konservativer PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen. Dabei wird die Auffassung vertreten, dass eine politische Gemeinschaft nur dann stabil sein kann, wenn sie fest in einer gemeinsamen Geschichte und Kultur verwurzelt. In Bezug auf Europa heisst das für sie, dass aus verschiedenen religiösen, philosophischen, politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Strömungen eine gemeinsame europäische Identität hervorgegangen ist, auf die sich die EuropäerInnen wieder besinnen sollten – insbesondere auf das christliche (oder jüdisch-christliche) Erbe. Eine Mitgliedschaft der Türkei wäre aus dieser Sicht nicht möglich oder wünschenswert, da diese nicht zu der genannten “europäischen Kulturfamilie” passen würde. Darüber hinaus sind daher auch die Grenzen der EU kulturhistorisch bereits bestimmt.

Kritik und Probleme: Eine solche Sicht impliziert eine Art “Euronationalismus” mit einer exklusivistischen Politik (beispielsweise gegenüber Zuwanderern), der internationale Polarisierungen verstärken und schlimmstenfalls in einen “Kampf der Kulturen”, wie in der amerikanische Politologe Samuel P. Huntington beschreibt, münden könnte.

Der liberale Standpunkt oder der “Verfassungspatriotismus” (Jürgen Habermas)

Diese Sicht, wie sie vom Liberalismus und Republikanismus vertreten wird, betont, dass politische Gebilde von einer gemeinsamen politischen Kultur getragen werden müssen, die auf den Grundsätzen der Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit u.s.w. beruht. Von besonderer Bedeutung für das Entstehen einer gemeinsamen politischen Identität ist daher die Entstehung einer gemeinsamen Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft, die kulturell neutral sein müssen. Kulturelle und religiöse Praktiken haben dabei nichts verloren und sollten auf die Privatsphäre beschränkt bleiben. Die Stärkung der Demokratie auf EU-Ebene sowie der EU-Institutionen sind daher vorrangig zu sehen. Die Grenzen der EU sollten nach politischen und nicht nach kulturellen Erwägungen gezogen werden.

Kritik und Probleme: Bei diesem Standpunkt stellt sich die Frage, ob abstrakte Grundsätze wirklich Gemeinschaftsgefühle stiften können oder ob die Bedeutung der kulturellen Zugehörigkeit und Identifikation für die Menschen, sowie die Konflikte und Probleme, die diese auslösen können, unterschätzt wird.

Der “konstruktivistische” Standpunkt oder ein Europa der Vielfalt

Bei diesem Standpunkt wird angenommen, dasseine europäische Identität aus dem politischen und kulturellen Miteinander der EuropäerInnen entstehen könnte. Die Identität wäre dabei aber nicht universal, also fest umrissen, sondern würde für jeden Einzelnen etwas anderes bedeuten und sich über die Zeit verändern. Offenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber Anderen wären die einzigen Merkmale dieser Identität. EU-Außengrenzen könne man daher nicht festlegen.

Kritik und Probleme: KritikerInnen dieses Standpunkts stellen immer wieder zur Diskussion, ob eine solche Sicht, die Fähigkeit des Menschen, ohne feste Orientierungspunkte auszukommen, überschätzt. Man gibt weiters zu bedenken, dass übergroße Vielfalt letztlich zu einem Verlust von Identität und Zusammenhalt und in extremis zum Zusammenbruch funktionierender Gemeinsachaften führen könnte.

Soweit die unterschiedlichen Standpunkte jedoch auseinanderzuliegen scheinen, in den Voraussetzungen für die Entstehung einer gemeinsamen europäischen Identität, ist man sich glücklicherweise einig. Alle wollen

eine verstärkte politische Einbeziehung der Bürger auf allen Ebenen sowie die weitere Demokratisierung auf EU-Ebene

eine Stärkung der europäischen Dimension in gewissen Fächern (etwa Geschichte), eine intensivere Förderung von Fremdsprachenkenntnissen, mehr Austausche etc.

eine Bekämpfung sozialer und wirtschaftlicher Unterschiede

Bleibt nur zu hoffen, dass nicht trotz aller europäischer Bemühungen die düstere Feststellung des früheren französischen Finanzminister Dominique Strauss-Kahn weiter ihre Gültigkeit behält. Dieser hat bereits 2004 das europäische Projekt als zusammengebrochen bezeichnet, da auf die Fragen nach dem Warum Europas und seiner Richtung heute niemand eine zufriedenstellende Antwort geben könnte.

(1) Kommentare zum Beitrag "Sind wir viele oder einfach nur alle? Eine Frage nach europäischer Identität und Werten"

RE: Sind wir viele oder einfach nur alle ? Eine Frage nach europäischer Identität und Werten

Der Beitrag beschreibt die Problematik unseres „künstlichen Staatsgebildes EU“ sehr treffend. Als absoluter EU-Befürworter (schon deswegen, weil wir gegen andere Machtblöcke wirtschaftlich gar keine Chancen hätten) sehe ich die Zukunft des Überlebens der EU aus folgenden Gründen am ehesten in dem im Beitrag beschriebenen „konstruktivistischen“ Ansatz:

Dem kommunitaristischen Standpunkt gebe ich keine Chance, weil die Länder Europas keine gemeinsame Geschichte haben und es eine breite kulturelle Identität (sozusagen als Erbe der griechischen Antike, des Christentums/Judentums und des europäischen Humanismus) innerhalb Europas allenfalls bei einigen wenigen Intellektuellen gab/gibt.

Der liberale Standpunkt würde mir zwar gefallen, die in „Kritik und Probleme“ angesprochene Frage, ob abstrakte Grundsätze wirklich Gemeinschaftlichkeitsgefühle stiften können, möchte ich jedoch mit einem klaren „nein“ beantworten, da unsere relativ ungebildete Gesellschaft mit abstrakten Grundsätzen nichts anfangen kann – dieser Ansatz würde also ebenfalls nur für eine „geistige Oberschicht“ gelten und ist daher chancenlos.

Bleibt also nur der „konstruktivistische“ Standpunkt, der bei etwas Optimismus sich im Verlaufe der Zeit (langsam) zu einem realistischen Denkmodell für die EU entwickeln könnte. Wir müssten dabei zwar die Türen für fremde Einflüsse offen lassen und ein Europa der Vielfalt bejahen, aber das haben wir ja bereits (vielleicht schon zu viel) in der Vergangenheit bereits getan, ohne diesen (auch außereuropäischen) Einflüssen irgendwelche eigene Werte entgegen setzen zu können – weil wir derzeit keine überzeugenden eigenen Werte haben. Dieses Defizit muss dringend abgebaut und die Bedeutung eines eigenen Wertebewusstseins (das durchaus vielschichtig sein kann) über unsere Bildungssysteme neu belebt werden. Der Ausdruck „Konstruktivismus“ besagt ja in seinem ursprünglich erkenntnistheoretischen Sinn, dass man mehrere Gesichtspunkte (u.a. wissenschaftliche) zusammenführen muss – das geht aber nur, wenn etwas da ist was man zusammenführen kann. Dieser Standpunkt ist für mich am realsten, weil er eine Zusammenführung auf verschiedenen Bildungs- und kulturellen Ebenen (also nicht nur im Elfenbeinturm einer akademischen Bildungsschicht) zuließe. Das „Zusammenführen“ würde auch nicht notwendigerweise bedeuten, dass wir unsere eigene Identität dabei aufgeben müssten. Ich glaube, dass alle in Ihrem Beitrag am Schluss geforderten Maßnahmen zu einer Stärkung der europäischen Dimension erfüllt werden können, ohne regionale Identität aufgeben zu müssen, wenn die in Maastricht definierte Souveränität der einzelnen Mitgliedsländer vehement verteidigt wird und unsere Bildungssysteme den genannten Forderungen besser gerecht werden.

Anm.: Nicht nur Strauss-Kahn hat (aus eher zu französischer Sicht) das Projekt EU als zusammengebrochen bezeichnet. Auch der 2006 verstorbene Wirtschafts-Nobelpreisträger Milton Friedman hat schon 1997 in einem Gespräch mit „Die Presse“ (12. Dezember 1997) behauptet, dass der Euro bald wieder auseinanderbrechen wird. Auch Nobelpreisträger können sich hoffentlich irren.

Mit freundlichen Grüßen, die „igler reflexe“ (Alfred Rhomberg)


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Kultur, Medien, Religion - INHALT

nach Popularität
(15.06.2007) Berlin, Kassel, Venedig
(28.05.2008) Mauracher Tour 2008: Loving Custodians
(06.05.2008) The Lance: Rock’n’Roll Gegenwind aus Schweden
(12.04.2008) The Lance Tour 2008: Anyone who claims Rock'n'Roll is dead, is wrong, way out wrong.
(30.01.2008) Beatrix Neiss: NACH DER VERDAUUNG
(16.02.2008) Werner Schwab
(08.06.2007) HELLLICHT
(23.07.2007) Die neuen sieben Weltwunder – nichts Neues zum Wundern!
(16.06.2007) Die Minderleister
(13.09.2007) Errichtung neuer Moscheen in Österreich – Bereicherung oder
(05.06.2007) Die lange Nacht der Kirchen
(06.06.2008) Mauracher: MUTIG, KOMPROMISSLOS, EHRLICH
(25.06.2007) Architektenduo siegt in Saudiarabien
(08.06.2007) Neue Staatsopernführung
(27.01.2008) Empfehlung für Lebensqualität I: kein ORF-Fernsehen
(23.05.2007) Museum für Nitsch
(20.08.2007) Kultur mobil: Unbekannte Slowakei
(31.05.2007) Supermacht Europa - Rifkins Utopia
(09.01.2008) Wilhelm Busch
(26.09.2007) Memento: „documenta 12“
(03.12.2007) Abschied, bob - die letzte
(13.05.2008) Was sich vier Sixties Rocker denken oder The Lance kommentieren ihre Songs
(17.08.2007) NIGERIA - Immer eine Story wert
(14.12.2006) Hohlkultur als Entscheidung
(10.09.2007) Papst in Österreich: Er kam, sah und...
(08.01.2008) Kurt Schwitters
(08.12.2007) Die hohe Kunst des Teamspiels oder was wir nicht in bob lesen können
(23.04.2008) "Zickenkrieg"
(02.10.2007) Die lange Nacht der Museen – 2007 noch bunter und umfangreicher!
(08.03.2008) Sind wir viele oder einfach nur alle? Eine Frage nach europäischer Identität und Werten
(20.06.2008) Tom Liwa und Die Blauen Flecken: Komm Jupiter
(20.06.2008) Kerstin & Sandra Grether: MADONNA UND WIR – BEKENNTNISSE
(18.06.2008) Mauracher Songs: Von der Poesie des Alltäglichen
(31.07.2008) unicato - Das studentische Filmmagazin
nach historischer Entwicklung
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