Literaturen - Der liebevolle Umgang mit Problemen …
Bildquelle: Rainer Fuchs Schriften - Bild des 108 Essays Buchcovers
Die Schatten, die ich einst so liebte, sie sind gewichen. Und das war nicht so ganz leicht … ich hatte einfach kleine Denkfehler. Ich habe mich an meine “Probleme” ja auch gewöhnt. Sie haben mich so viele Jahre lang, Hand in Hand wie ein Weggefährte und Freund, begleitet. Sie waren oft in den einsamen Nächten die einzigen Ansprechpartner und erfüllten eine bestimmte Funktion. Der Schmerz war oft mein einziges Spüren, so wie der Tod mein einziger Trost. Und ich habe genau hingesehen und habe entdeckt, dass sie freundlich lächeln, meine Probleme. Ja, ich habe im Wesentlichen einen liebevolleren Umgang mit meinen Problemen gefunden, die wir immer ändern oder gar loswerden wollen. Es sind so wichtigste Anteile in uns selbst, wir sollten sie lieb gewinnen, diese armen kleinen Problemerln. Ich mache alles im Leben gründlich und ich habe mir Zeit gelassen und sehnte ihn nicht all zu schnell herbei, den Tag ohne Probleme. Meine Probleme sind von selbst verschwunden, nur weil ich einen liebevollen Umgang mit ihnen gefunden habe … habe dem Leben erlaubt, mich zu allen meinen Wunden hinzuführen. Eine ganze Heerschar solcher “Freunde” und Begleiter hatte ich lange Zeit um mich gesammelt (Schwierigkeiten und Probleme habe ich sie genannt). In der Mitte ihres magischen Kreises war ich und als ihr Gefangener habe ich mich lange gefühlt – und in Wirklichkeit war ich ihr Herr und König. Ich alleine hatte die Fäden in der Hand und alles unter meiner Kontrolle. Sie haben mir Geborgenheit und viel Wärme gespendet. Ich kannte jedes dunkle Gesicht auswendig, hatte klare Lebensziele, wusste, wogegen und wofür ich kämpfen muss, und ich wusste, wie es ist, wenn das Licht ausgeht. Alles war mir bekannt und sicher. Und eines Tages habe ich diesen mächtigen Zauberspruch über meine Lippen gebracht (fünfundzwanzig Jahre habe ich dafür gebraucht): “Oh du wundervolles Leben, ich danke dir für meine Freunde, die ich bisher Probleme nannte.”
Dann hat mir das Leben alles entrissen – das war schwerer, als Probleme zu haben. Jedes Problem war weggeblasen, weil ich mit einem Blick ,dahinter’ erkannte, dass es gar keine Probleme gibt, dass ich Schatten bekämpft hatte. Und, ohne es zu beabsichtigen, habe ich damit all diese meine schönen und lieb gewonnenen Freunde und Wegbegleiter, die ich früher Probleme nannte, verloren. Sie waren plötzlich weg und ich habe auch ihre Wärme verloren. Und dort, wo einst große und mächtige Feinde, Hürden, Täter, Krankheiten, Wunden und Vorwürfe standen – Probleme nannte ich sie -, lagen nur noch winzige Tonfiguren (sie erinnerten mich an meine Geschichte und meine Ahnen) und ganz kleine Zettel mit Aufträgen, Wegweisern, Rezepten, Heilungsprozessen, Entwicklungen, Lösungen, Kennwörtern und vielen neuen Zaubersprüchen. Der schützende Kreis um mich verschwand und ich war kein König mehr inmitten meiner Begleiter. Ich war zwar gestärkt von meinem Zauberspruch und der gewonnenen Freiheit, aber ich bin seit diesem Tage alleine. Alleine, mit winzigen Zetteln und kleinen Tonfiguren (als Probleme haben sie große und düstere Schatten geworfen), sie hatten alle in einer Hand Platz, und es wäre lächerlich, mich nun vor ihnen zu fürchten.
Meine Probleme erschienen mir wie schwere Ketten um meinen Hals, und doch gaben sie mir so viel Halt, Geborgenheit und Sicherheit. Nur ein absolut angstfreies und leuchtendes Herz – ein Herz, das nicht von Schuldgefühlen und Scham verdunkelt ist – erträgt es auch, ohne diese Sicherheitsspendenden Probleme zu leben. Probleme zu haben, heißt für mich übersetzt: Angst zu haben. Das Leben ist so gütig, und für jede Angst und für jede kleinste Unsicherheit schickt es uns sofort einen wärmenden Begleiter, eine Krücke, eine Hürde, einen Feind, eine Krankheit, einen wundervollen Täter – eben ein so genanntes Problem. Ein Teufelskreis schien es für mich zu sein, weil ich einst glaubte, dass durch meine Probleme meine Ängste, Zweifel und Unsicherheiten entstanden, aber das war mein größter Irrtum. Unsere Ängste – oft sind sie viele Generationen alt -, waren schon lange vor den Problemen da.
Und die Angst ist im Grunde auch keine große Sache für mich geworden (ich finde, wir müssen sie nicht einmal bekämpfen) und ist nur ein Gedanke und Irrtum. Gäbe es etwas neben dem höchsten Selbst, dann bestünde tatsächlich Grund zur Angst. Es gibt aber nur dieses eine Selbst. Wer sieht also die Dinge vom Selbst getrennt und spürt dadurch dann Angst? Wer ist das nur? Zuerst ist doch das Selbst, dann erst entsteht das Ego, und das sieht Objekte als etwas Äußeres an. Wenn kein Ego entsteht, dann existiert nur das Selbst und es gibt nichts Äußeres und damit keine Angst. Damit es etwas außerhalb von uns geben kann, muss es zuerst aber den Sehenden im Inneren geben. Und wenn wir unseren Blick und unsere Suche auf dieses Innere, auf diesen Sehenden richten, der feststellt, dass es etwas Äußeres gibt, verschwinden Angst und Zweifel. Angst zu spüren, ist für mich lediglich ein Ausdruck dessen, dass wir uns zu sehr an diesen gefüllten Ledersack klammern.
Alles ist so einfach und klar geworden und ich kann mir nun auch erlauben, mich zu fürchten. Was soll den schlimm daran sein, einen kurzen Ausflug in ein Gruselkabinett zu machen? Manchmal tut es einfach gut, seine alten Freunde zu treffen und über die gute alte Zeit zu sprechen. Manchmal brauche ich sie ganz dringend. Und sie sind auch immer in der Nähe und immer, wenn ich Sehnsucht nach ihnen habe, nach meinen alten Kameraden und Weggefährten – Probleme habe ich sie früher genannt -, dann muss ich sie nur rufen und meinen mächtigen Zauberspruch über meine Lippen bringen: “Oh du Leben, alles ist so schwer und ich habe so viele Probleme!”
Auszug aus “108 Essays zur neuen Zeit” (erscheint im Oktober 2008) Autor: Wolfgang Grußmann
(1) Kommentare zum Beitrag "Der liebevolle Umgang mit Problemen …"
RE: Der liebevolle Umgang mit Problemen …
Blöder- aber auch bewundernswerterweise sehe ich allen Grund weiter Texte zu schreiben über den Haufen geworfen. Wird aber nicht passieren, weil ich dazu wohl selbst zur selben Erkenntnis kommen muss, hoffentlich auch werde. Wenn ich alles weises in mein Leben zaubern könnt, was ich gelesen hab, wär ich Gott, hab ja schon “Siddharta” verschlungen…
lg, iskarioth
geschrieben von iskarioth am 25.06.2008 20:44
Literaturen - INHALT
Blöder- aber auch bewundernswerterweise sehe ich allen Grund weiter Texte zu schreiben über den Haufen geworfen. Wird aber nicht passieren, weil ich dazu wohl selbst zur selben Erkenntnis kommen muss, hoffentlich auch werde. Wenn ich alles weises in mein Leben zaubern könnt, was ich gelesen hab, wär ich Gott, hab ja schon “Siddharta” verschlungen… lg, iskarioth





