
Wir wollen uns in diesem Call dem Thema Lust insofern nähern, als sich vor allem die Frage stellt, in welcher Form sich Lust aktuell tatsächlich (noch) zeigt und erleben lässt! Leben wir folglich in einer lustvollen oder sogar lüsternen Gesellschaft oder ist längst die Lust- und Antriebslosigkeit überwiegend?
eZine von call 2.0 Lust
Lust: LUST – ich habe Lust, diesen Beitrag zu schreiben!
Bildquelle: Lovolust 2007: Cut off and preserved
In dieser Überschrift steckt die gesamte Problematik, die mit dem Lustbegriff verbunden ist.
- - ich habe Lust auf ein Bier
- - ich habe Lust auf Sex
- - ich habe Lust, mir das Stabat Mater von Pergolesi anzuhören…
Selbst als Chemiker nützt es mir wenig, wenn ich weiß, dass all das was man leichthin als „Lust“ bezeichnet, möglicherweise durch ein und dieselbe chemische Verbindungsklasse: den „Endorphinen“ (oft Glückshormone genannt) ausgelöst wird. Das mag ja sein, aber „Lust“ wird doch erst dann zur Lust, wenn eine Fülle zusätzlicher Gedächtnisinhalte vorhanden ist, die mich auf das einstimmen, was mir „Lust“ bereitet. Das heißt nichts anderes, dass Lust erlernt werden kann – und muss! Wer nie ein Buch gelesen hat, für den gibt es keine Leselust und wer das „andere“ Geschlecht nicht studiert hat, dem nützen auch die Endorphine nicht viel.
Das Wort LUST ist eines jener nichtssagenden Worte, wegen derer ich den deutschen Sprachraum manchmal gerne verlassen würde. Ich mag solche Sprach-Joker nicht, so wie mir früher als Schüler der Begriff „x“ in der Mathematik immer etwas unheimlich war. Am liebsten würde ich das Wort Lust aus der deutschen Sprache vollständig verbannen und durch die Worte Wunsch, Verlangen, Begierde, Freude, Neigung, Bedürfnis, Vergnügen, etc. ersetzen. Das Wort Lust dürfte dann nur noch mit einem näher definierenden Zusatzwort gebraucht werden: Abenteuerlust, Wanderlust, Sangeslust, Sinneslust, Mordlust etc. Bevor ich derart drastische Verbesserungsmaßnahmen in Betracht ziehe, habe ich mir angewöhnt, wissenschaftlich erprobte „Evaluierungs“-Methoden anzuwenden. Eine Methode beruht darauf, dass ich – wie im vorliegenden Fall – einfach das Wort Lust durch eines der oben angeführten Worte ersetze. Die Titelüberschrift „Ich habe die Begierde (das Vergnügen/ Verlangen), diesen Beitrag zu schreiben“ hielte ich sprachlich für etwas überhöht. Das unbestimmte Wort LUST ist hier wohl tatsächlich besser geeignet, so wie auch das x in der Mathematik oft nützlich ist: „Ich habe x Euro Schulden“ klingt zumindest nicht ganz so dramatisch wie: „ich habe 2 Millionen Euro Schulden“. Eine andere Methode beruht darauf, das Gegenteil eines Wortes zu untersuchen. Da fällt einem natürlich sofort das Wort „Unlust“ ein, das bei genauerer Analyse leider ebenso schwammig wie das Wort „Lust“ ist. Unlust heißt irgendwie…ich mag nicht… ich will nicht… fad…ich habe keine Lust (stop! – man soll keine logischen Sätze nach dem Schema: „Unlust ist, keine Lust zu haben“ bilden). Besser ist dann schon ein anderes Wort, dem man auf Anhieb gar nicht die Gegenposition im Zusammenhang zum Wort LUST ansieht: VERLUST. Einen Verlust erleidet man, wenn man etwas verliert und insofern ist Verlust ein echtes Gegenteil zu LUST. Man braucht gar nicht von „Lustgewinn“ zu sprechen, LUST ist immer ein psychischer oder materieller Gewinn. Aus der Darwin’schen Evolutionstheorie wird bekanntlich abgeleitet, dass die Evolution nur funktioniert, wenn damit ein Vorteil bzw. Gewinn für ein Individuum verbunden ist. Ich werde die Streichung des Wortes „Lust“ also vorerst nicht vorrangig betreiben, allenfalls solche Wort-Ungebilde wie Lustbarkeit, Lustwandeln oder Verlustierung aus meinem persönlichen Sprachschatz streichen.
Was sagen die Altmeister Sigmund Freud und C.G. Jung zum „Lust-Begriff? Fragen wir sie lieber nicht – beide waren nicht zuletzt in diesem Punkt zerstritten, ebenso wie ihre Schüler und seither alle psychoanalytischen Schulen und ich möchte nicht fahrlässig mit etwas umgehen, das von anderen ernst genommen wird. Auch zu Worten wie „lüstern“ und ähnlichem möchte ich mich nicht weiter äußern, jeder weiß, was damit gemeint ist und wenn ich jetzt schreibe: „ich bin lüstern, diesen Beitrag an dieser Stelle zu beenden“, so weiß jeder, dass das Wort lüstern hier ganz falsch platziert ist, obwohl der Beitrag tatsächlich hier endet.
Alfred Rhomberg ist promovierter Chemiker und Philosoph. Er arbeitete als Chemiker zuerst bei Royal Dutch Shell, dann im Forschungsmanagement des Pharmakonzerns Boehringer Mannheim (heute Roche Diagnostics). Heute schreibt der freie Publizist über Wirtschafts- und Managementthemen und ist freischaffender Künstler (Computergrafik und Malerei).
am 06.02.2008 13:09




