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06.09.2008
Schabernack oder Genickbruch
Rabenkind (3 Beiträge online)

eZine von Katharina Klein

Rabenkind - Schabernack oder Genickbruch

Channel: Suche/Service
Kommentare: 7
Rabenkind - Schabernack oder Genickbruch - k. klein
Bildquelle: k. klein

Letzten Wochenendes leiteten mich meine Schritte nach Horn, wo eine Festivität brachialen Ausmaßes stattfand. Ich konnte leider nicht umhin, mich dort blicken zu lassen, hatte ich doch mit einer guten Freundin beschlossen, die Tiefen und Mirakel dieses so genannten Volks“verblödungs“festes zu erkunden und anschließend zu analysieren. Als ich dann also den Schauplatz des Spektakels betrat, droschen Farben und Geräusche auf mich ein. Dies taten sie mit einer solchen Gewalt, dass ich mich am liebsten in ein Loch im Boden eingegraben hätte um nie wieder daraus hervorzukommen. Wie können Menschen normalen Geisteszustandes freiwillig zu einer solchen Festivität strömen, sich dort im Lärm suhlen und dabei nicht wahnsinnig werden? Natürlich habe ich als Kind das Volksfest genauso genossen, doch jetzt, wo ich dem Ganzen kritisch gegenüber stehe und mich nicht mehr ohne weiteres dem Rausch der gekünstelten Fröhlichkeit hingeben kann, bin ich entsetzt, verstört und verwirrt. Entsetzt über die Masse an Menschen, die sich dort ergießt, verstört von den überdrehten, schweißglänzenden Gesichtern, verwirrt von dem Übermaß an Eindrücken. Was ist der Sinn eines Volksfestes? Der Spaß am außergewöhnlich Gewöhnlichen? Der Kitzel des Karussellfahrens? Die Lust am Besäufnis? Oder einfach nur die Befriedigung des Dranges des Menschen, sich nahe zu sein? Ich muss zugeben, dass auch mich der Biertroll geritten hat. So erschienen mir die Geschehnisse wohl noch intensiver und beklemmender. Wenn sich zusätzlich zum ohnehin schon chaotischen Treiben auch noch die Optik im Kreise dreht, ist es nicht leicht einen klaren Kopf zu bewahren. So gesehen war es wohl ein Fehler, mich dem Alkohol Untertan zu machen, doch andererseits konnte ich mich so der Langeweile des Festes einigermaßen entziehen. Lichter wurden zu Streifen, rotierende Spaßmaschinen zu Kreiseln aus denen kreischende Stimmen erschallen, Gesichter zu Masken. Und ich verwandelte mich in einen Geist, der zwischen Bewegung und Stillstand schwankte und sich aufzulösen begann. Diese Auflösung konnte ich nicht verhindern, denn sobald ich versuchte mich zusammen zu reißen, passierte etwas, das meine Substanz noch weiter auseinander trieb. Wieso also besucht Mensch derartige Festivitäten? Ich weiß es nicht. Betrunkene kullern wie Stolpersteine im Gras. Alte Männer entdecken die, wenn auch gut getarnte, Kraft ihrer Lenden wieder und fühlen sich dazu animiert, sich jungen Mädchen zu nähern und ihnen Lüstern in den Ausschnitt zu gaffen. Verklemmte Jünglinge erlangen Selbstvertrauen und wagen einen Schritt zu auf das andere oder auch dasselbe Geschlecht. Schlussendlich vielleicht doch gar nicht so schlecht, dieses Volksfest. Vorausgesetzt ich muss nicht dort sein.

(7) Kommentare zum Beitrag "Schabernack oder Genickbruch"

RE: Schabernack oder Genickbruch

warum die leute dort hingehen: realität vergessen, abbau der sozialen hierarchie, ihre masken abnehmen und im ausnahmezustand sich “entladen”...?!? ja es war wiedermal ein verpatzes fest, nach 5 jähriger pause hat sich nichts geändert und das wird es auch nicht mehr befürchte ich. die leute dort können nicht mehr aus ihrer schiene entgleisen…schade oder zum glück…

ich würde deine freundin, die dich hingeschleppt hat verstoßen…g

RE: Schabernack oder Genickbruch

Sie zu verstoßen würde mir nie in den sinn kommen! sie ist mir viel zu wichtig, um diesen todesstoß zu vollziehen! außerdem hat sie mich mit ihrer laune wieder auf den boden der realität zurückgeholt, was gut so war, denn ich drohte bereits in andere Spähren abzutrudeln. Eigentlich sind solche Feste nur dazu da, um in mir und sicher nicht NUR mir, einen brodelnden Hass gegen die Menschheit zu schüren!

RE: Schabernack oder Genickbruch

Ich kenne natürlich das erwähnte Fest von Horn nicht, glaube aber nach den Beschreibungen urteilen zu können, dass es schon noch Steigerungen gäbe – ich habe z.B. ein einziges Mal – ebenfalls durch Freunde verschleppt – eines der jährlichen sogenannten Innenstadtfeste der „Quadratestadt“ Mannheim erlebt, das sind Belustigungen, die zusätzlich zu dem im Beitrag Beschriebenen, noch durch den bekannt deftigen rheinischen Humor gewürzt sind (es fiel mir leicht, weitere 28 Jahre enthaltsam zu sein). Ich habe meine Freunde nicht verstoßen, weil auch sie das Fest zum ersten Mal besucht hatten – man muss verzeihen können. Selbst Hass auf die Menschheit ist kein wirksames Mittel – sie hasst zurück (obwohl ich mich persönlich davon allerdings nicht sehr beeinflussen lasse!)

RE: Schabernack oder Genickbruch

Lieber Herr Rhomberg, Es ehrt mich sehr, dass Sie einen Kommentar zu meinem Text verfasst haben! Ich war ja schon fast eifersüchtig, dass Liesa und Iskarioth (die beiden anderen Punkte des Horner Dreiecks) schon von Ihnen kommentiert wurden, und ich noch keinen Kommentar erhalten habe! Danke also. Besagtes Fest findet jährlich am Festgelände in Horn statt und zählt zu jenen Fixpunkten im Kalender des “echten” Horners, die einfach unumgänglich und unausweichlich sind. Auch wenn man derartige Veranstaltungen verabscheut, kann man sich dem Sog meistens nicht entziehen. Ich beschuldige meine Freundin Liesa jedoch keinesfalls, das Verbrechen mit mir zum Volksfest gegangen zu sein, begangen zu haben. Schließlich war diese Aktion von uns beiden Geplant. Wir wollten einfach einen Einblick in das bunte Treiben bei den Horner Festtagen erlangen und ihn anschließend hier niederschreiben! Ich hoffe, sie wird das auch baldigst tun!

RE: Schabernack oder Genickbruch

Liebe Frau Klein, abgesehen davon, dass ich aus Horn (wegen des Dreiecks) ja bisher nur gutes gehört habe, scheint es doch auch den von Ihnen genannten Unterschied zwischen Horn und Mannheim zu geben, nämlich, dass besagtes Fest etwas Unumgängliches und Unausweichliches ist. Alle Feste im Mannheimer Raum und weit über die Landesgrenzen von Rheinland-Pfalz hinaus bis Köln waren absolut „ausweichlich“. Das erste Mal konnte ich aus Unwissenheit nicht ausweichen, weil man am 11. November wegen der hereinbrechenden „Fasenacht“ auch tagsüber besser zu Hause bleibt. Frisch von Tirol kommend, nach Bonn verschlagen wurde mir morgens als ich von Bonn mit dem Bus zu meiner Arbeitsstätte fuhr, von einer Dame aus reiner Fröhlichkeit im Bus meine beste Krawatte mit einer Schere abgeschnitten – ich habe nicht die Welt hassen aber rheinische Fröhlichkeit meiden gelernt! Recht eigenartig sind auch die Pfälzer Weinfeste im Sommer, bei denen Wein in 0,5 Liter Gläsern gereicht wird – drum ist es am Rhein so schön! Versöhnt hat mich mit meinem Mannheimer Schicksal (abgesehen von vielen musikalischen Höhepunkten – alle weltberühmten Streichquartette musizierten auch in Mannheim) eigentlich nur das relativ nahe gelegene französische Elsass.

RE: Schabernack oder Genickbruch

Ja, das Dreieck. Ich bin wirklich sehr glücklich darüber, dass sich diese Konstellation ergeben hat! Diese Zeit in Mannheim ist also in die Faschingszeit gefallen? Das würde zumindestens das etwas absurd wirkende Krawattenabschneiden erklären. Die 0,5 Weinkrüge klingen recht fatal, muss ich sagen. Ist dieser Weinkonsum dann überhaupt noch zu genießen? Im Grunde genommen ist es ja doch (abgesehen von diversen Ausartungen) sehr amüsant, sich solchen Festen hinzugeben, nur sollte immer eine gewisse (innerliche)Distanz dazu gewahrt werden. Ich möchte nicht, dass sie mich für eine Menschenhasserin halten. Das bin ich ganz und gar nicht! Doch ab und zu sehe ich mich dazu veranlasst, eine gewisse Abneigung gegenüber manchem Menschlein kundzutun. ich hoffe das ist noch im Bereich des “Normalen”.

RE: Schabernack oder Genickbruch

Ich muss vor der Absurdität des Krawattenabschneidens warnen- die ist nämlich auch hier bei uns recht bekannt! Mein Vater musste seine Lieblingskrawatte mal lassen… war äußerst unangenehm für die Gesellschaft. lg, iskarioth


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