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17.05.2008
Biosprit – Hungern für Benz...
Staat, Politik, Verbände, NGOs (33 Beiträge online)
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Staat, Politik, Verbände, Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs), Vereine.

Staat, Politik, Verbände, NGOs: Biosprit – Hungern für Benzinprasser

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Unter dem Schlagwort „Bio“ ist anscheinend alles erlaubt. Nun werden sogar Nahrungsmittel vergeudet, um diese in zunehmendem Ausmaße als Vorprodukte für die industrielle Produktion sogenannter „biofuels“ zu verwenden.

Obwohl täglich an die 20.000 Menschen, hauptsächlich Kinder, verhungern oder durch Krankheiten, hervorgerufen durch mangelhafte Ernährung, sterben, wird die Biospriterzeugung massiv propagiert und gefördert. Im Jahre 2006 litten rund 850 Mio. Menschen, bei einer Gesamtweltbevölkerung von knapp 6,5 Mrd., an Hunger. Wobei unter Hunger nicht durch Katastrophen oder Missernten verursachte temporäre Hungersnot zu verstehen ist, sondern permanenter Nahrungsmittelmangel, der die Menschen auszehrt. Andererseits könnten mit den derzeit erzielten Ernteerträgen alle Menschen ausreichend ernährt werden, wenn die Überschüsse in den Hungergebieten der Erde, wie Zentralafrika, Südostasien, Teilen Mittelamerikas und Teilen des südpazifischen Raumes, verfügbar und leistbar wären.

Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel haben auch in Österreich die Problematik der Biofuels gezeigt

Durch die deutlichen Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel ist auch in Österreich bzw. in der EU das Bewusstsein hinsichtlich der Problematik der Biotreibstoffe geweckt worden. Durch Ernteausfälle, entstanden durch mangelnde Niederschläge in den Wintermonaten, erwartet die EU 2007 einen Rückgang der Getreideernte auf etwa 250 Mio. Tonnen. Die Ernte liegt damit ca. 14% unter dem Durchschnitt. 3,5 bis 4 Mio. Tonnen, das sind 1,4 bis 1,6% der Ernte, sind für _die Erzeugung von Biotreibstoff vorgesehen.

Von der Landwirtschaft wird behauptet, dass dieser auf den ersten Blick geringe Prozentsatz den Getreidepreis nur marginal beeinflusst. Blickt man einige Jahre voraus, ist diese Behauptung nur mehr schwer aufrecht zu erhalten. Zieht man die Kapazitäten der in Bau befindlichen Biosprit-Anlagen und die damit verbundenen Lieferverträge für Getreide in die Überlegungen mit ein, so werden nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage die Getreidepreise überproportional stark steigen und zu einem Preistreiber auf dem Grundnahrungsmittelsektor werden.

Biosprit wird in den nächsten Jahren zu einem Preistreiber bei Grundnahrungsmitteln

Auch in Österreich bzw. in der EU hält dann bei den Armutsgefährdeten der Hunger Einzug. Beispiele aus Mexiko und Brasilien zeigen, dass die Biospritproduktion zu exorbitanten Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln geführt haben. In Mexiko kam es zu Unruhen in den armen Bevölkerungsschichten, nachdem sich in der Hauptstadt Mexiko der Kilopreis für Tortilla, hergestellt aus dem Grundnahrungsmittel Mais, von umgerechnet 40 auf 75 Cents erhöhte. Ursache dafür war die boomende Ethanolproduktion in den USA. In den USA erzeugen über 100 Unternehmen ca. 18 Mrd. Liter Ethanol. Weitere 70 Fabriken sind in Bau. 20% der US-Maisernte werden bereits für die Ethanolproduktion verwendet.

In Brasilien bietet sich ein ähnliches Bild. Rund 44% macht der Ethanolanteil am gesamten Treibstoffverbrauch aus. In einem Bericht der Kleinen Zeitung vom 29.07. unter dem Titel „Biotreibstoff ist ein Todessprit“ wird der brasilianische Befreiungstheologe Frei Betto zitiert, der darüber informiert, dass im ersten Halbjahr 2007 die Bevölkerung Brasiliens dreimal soviel für Nahrungsmittel ausgeben musste, wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Es gibt Schätzungen, dass sich die weltweit verfügbare landwirtschaftliche Nutzfläche pro Kopf im Jahre 2025 auf 1800 m² verringert, während sie 1950 noch rund 5000 m² betrug.

Die Prognose des Nahrungsmittelbedarfes für das Jahr 2025 sieht hingegen einen Anstieg auf 10,6 Trillionen/kcal/Jahr, von 5,17 Trillionen/kcal/Jahr im Jahr 1950, auf uns zukommen. Experten warnen vor den schwerwiegenden Folgen zunehmender Nutzung von Nahrungsmittelpflanzen für die Biospritherstellung, wie z.B. Abholzung der Regenwälder, um neue Anbauflächen zu gewinnen, Auslaugung und Erosion der Böden durch die Monokulturen, verstärkter Einsatz von Pestiziden, Rückgang der Artenvielfalt, Zunahme der von Hunger Betroffenen wegen steigender Preise der Grundnahrungsmittel und Vertreibung der Kleinbauern durch die agrar-industriell geprägte Struktur der Biosprit-Lobby.

Autos fressen Nahrung auf

Wenige Anstrengungen werden unternommen, um den Treibstoffverbrauch im Autoverkehr zu reduzieren. Die Autoindustrie steckt den Kopf in den Sand und produziert immer großvolumigere und PS-stärkere Autos, als ob die Erdölreserven unbegrenzt wären. Zufolge einer Notiz in „The Economist“ in der Ausgabe vom 29.06. reichen die gesamten bekannten Welterdölreserven auf Basis des Verbrauches des Jahres 2006 rund 40 Jahre. Die eigenen Reserven der USA und Chinas magere 12 Jahre.

Möglichkeiten, den Treibstoffverbrauch zu verringern, sind vorhanden. Die EU könnte ihr Fördersystem umstellen, um europaweite Transporte von Halbprodukten zu unterbinden. Firmen könnten die Erzeugung notwendiger Komponenten an den Ort der Endfertigung verlagern, mit dem Nebeneffekt, dass „just in time“ nicht mehr bedeutet, dass das Straßennetz gleichzeitig als Lagerraum dienen muss. Die Durchsetzung gut durchdachter raumordnerischer Maßnahmen könnte die Zersiedlung von Landschaftsteilen unterbinden, die von urbanen Zonen weit entfernt sind und damit die Verschwendung knapper Ressourcen mildern.

Heißt es vielleicht bald: Treibstoff sparen, um Hungernde zu sättigen?


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