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17.05.2008
Reden wir Tacheles: Mehr als e...
Staat, Politik, Verbände, NGOs (33 Beiträge online)
Kommentare mit spitzer Feder - Politikblog.
Staat, Politik, Verbände, Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs), Vereine.

Staat, Politik, Verbände, NGOs: Reden wir Tacheles: Mehr als eine Million ÖsterreicherInnen kämpft ums Überleben

Channel: Staat/Politik
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Benachteiligung ist…
wenn Sie Substandard leben, der Schimmel die Wände hochkriecht, es in der Wohnung dunkel ist und sie keine Waschmaschine haben
wenn Sie von Lärm und Umweltverschmutzung und Kriminalität umgeben werden
wenn Sie schlechter Gesundheit sind, ein chronisches Leiden oder eine Behinderung ihnen das Leben zur Hölle macht.
wenn Sie sich gewisse Konsumgüter (falls benötigt) nicht mehr leisten können (z.B: PKW, PC, Internet, Handy, DVD-Spieler, Geschirrspüler)
wenn Sie ihre Grundbedürfnisse nicht mehr stillen können (Wohnung warm halten, neue Kleidung kaufen, Fleisch, Fisch etc essen, unerwartete Ausgaben tätigen, Zahlungsforderungen)

Armut ist…
wenn Ihr jährliches Äquivalenzeinkommen (gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen) unterhalb eines festgelegten Schwellenwertes (60% des Medians = Armutsgefährdungsschwelle) liegt2. Sie sind sichtbar arm…
wenn Sie armutsgefährdetet und in zumindest einem zentralen Lebensbereich benachteiligt sind.
Sie sind einkommensarm…
wenn Sie armutsgefährdet aber nicht benachteiligt sind.
Sie sind depriviert…
wenn Sie benachteiligt aber nicht armutsgefährdet sind.
Sie sind nicht arm…
wenn Sie weder benachteiligt noch armutsgefährdet sind.

Wenn Sie jetzt feststellen, dass sie nicht arm sind, haben sie Glück. Vielleicht gehören Sie sogar zu den reichsten 800.000 Personen, die einen fünfmal so hohen Lebensstandard wie die 800.000 ärmsten Menschen in Österreich haben. Sie haben jedoch die Aufgabe über Ihr Glück und Ihre bevorzugte Stellung hinauszublicken und an jene zu denken und für jene zu handeln, die jeden Tag in Österreich um Ihr Überleben kämpfen müssen. Die über keine eigene Stimme in der Propagandamaschinerie verfügen, sondern höchstens eine anonyme Nummer in der Statistik sind. Schauen Sie deshalb nicht weg sondern hin, Armut hat auch ein Gesicht.

Laut regelmäßigen Erhebungen von Statistik Austria sind rund eine Million bzw. ein Anteil von 12-13% der Menschen in Österreich von Armut gefährdet. Eine vertiefende Analyse über zwei aufeinanderfolgende Kalenderjahre (EU-SILC-2005, EU-SILC 2004) belegt beträchtliche Bewegungen aus und in die Armutsgefährdung1. Rund 5% der Bevölkerung mussten in beiden Jahren mit einem niedrigen Einkommen auskommen und sind auch verstärkt von sichtbaren Armutslagen betroffen. Rund 7% der Bevölkerung erlebten eine Verschlechterung der Einkommenssituation zwischen EU-SILC 2004 und EU-SILC 2005, die zu einer Neugefährdung führt. In Summe waren somit rund 1,57 Millionen Menschen bzw. rund 19% der Bevölkerung in zumindest einem der beiden Jahre armutsgefährdet.

2005 lag die Schwelle zur Armutsgefährdung bei 900 Euro netto pro Monat.

Wenn mehrere Personen im gemeinsamen Haushalt lebten, dann erhöhte sich dieser Schwellenwert um 449 Euro für jeden Erwachsenen und um 270 Euro für jedes Kind. Aus dem Ergebnis von EU-SILC 2005 wurde die Zahl der Armutsgefährdeten in Österreich auf über 1 Million Menschen bzw. rund 12% der Bevölkerung hochgerechnet.

Geringfügige Schwankungen tragen demnach zur Dynamik von Armutsgefährdung bei und verdecken chronisch benachteiligte Positionen im Nahbereich zur Armutsgefährdung.

Bei mehr als der Hälfte der laut EU-SILC 2005 armutsgefährdeten Personen bzw. 7% der Bevölkerung lag das Einkommen im vorangegangen Kalenderjahr noch über der Schwelle zur Armutsgefährdung. Hochgerechnet haben daher etwa 559.000 Personen gegenüber dem Vorjahr einen Abstieg in die Armutsgefährdung erlebt. Geringfügig mehr Personen haben einen Aufstieg geschafft. Bei rund der Hälfte der Aufstiege ist die Einkommensposition allerdings weniger als 150 Euro über der Gefährdungsschwelle, bei 111.000 sogar weniger als 50 Euro. Der größte Anteil für eine Dauer von zwei Jahren Betroffenen entfällt auf Frauen im Pensionsalter (96.000 Personen).

2006 lag die Schwelle nach Erhebungen bei 893 Euro netto pro Monat… Wenn mehrere Personen in einem Haushalt leben, erhöht sich der Betrag für jeden weiteren Erwachsenen im Haushalt um 447 Euro und für jedes Kind um 268 Euro. Die Zahl der Armutsgefährdeten in Österreich liegt dabei bei über einer Million Menschen bzw. rund 13% der Bevölkerung.

Viele Menschen kennen Armutsgefährdung als vorübergehende Station im Lebenszyklus. Hauptrisikofaktor für Armutsgefährdung ist mangelnde oder prekäre Erwerbseinbindung.

Etwa aufgrund einer Ausbildung, kurzfristiger Arbeitslosigkeit oder Änderung der Familiensituation. Haushalte mit nur einem Elternteil (28%) sowie Familien mit mehr als zwei Kindern (16%) bzw. Familien mit Kleinkindern (16%) haben erhöhtes Armutsrisiko, besonders dann, wenn Mütter nicht erwerbstätig sind (21%). Auch allein lebende Frauen (26%) sind stärker gefährdet als allein lebende Männer (16%). Personen ohne EU Staatsbürgerschaft zählen zu den am stärksten gefährdeten Gruppen (28%).

Insgesamt sind nach der letzten erhebung fast ein Viertel der Bevölkerung bzw. rund 2 Millionen Menschen benachteiligt.

Diese Menschen haben in mindestens einem Lebensbereich mehrfache Probleme: Sie leben in schlechten Wohnungen, einer belastenden Wohnumwelt, sind gesundheitlich beeinträchtigt oder können sich benötigte Konsumgüter oder elementare Grundbedürfnisse nicht leisten Benachteiligungen treten gehäuft bei Armutsgefährdeten auf: Etwa die Hälfte von ihnen ist betroffen. In einer sogenannten manifesten Armutslage, bei der Benachteiligungen gleichzeitig mit einem armutsgefährdenden Einkommen auftreten, leben 459.000 Menschen.

...und am meisten trifft’s die Kinder

Nahezu ein Viertel aller Armutsgefährdeten ist in Österreich unter 20 Jahre alt. Hochgerechnet sind somit etwa 250.000 Kinder und Jugendliche in Österreich armutsgefährdet. Über ein Drittel (39%) dieser Kinder und Jugendlichen kommt aus Haushalten mit Migrationshintergrund. Rund 380.000 (21%) Kinder und Jugendliche sind in einem zentralen Lebensbereich mehrfach benachteiligt. Dazu zählen 53.000 Kinder, die in einer schlechten Wohnung leben (z.B. Schimmel und dunkle Räume) sowie 80.000 Kinder in deren Haushalt bestimmte Konsumgüter benötigt werden, die finanziell unerschwinglich sind (z.B. weder PC, noch Internet noch ein Auto). 142.000 Kinder leben in einer schlechten Wohnumgebung (z.B. Probleme mit Kriminalität und Umweltverschmutzung). Schließlich leben etwa 208.000 Kinder in prekären finanziellen Verhältnissen (z.B. Haushalt hat Mietrückstände und kann Wohnung nicht angemessen heizen und sich keinen Urlaub leisten). Viele Kinder sind in mehreren Bereichen benachteiligt, insgesamt sind 115.000 in mindestens zwei Bereichen mehrfach betroffen.


1 Als armutsgefährdet gelten Personen mit niedrigem Haushaltseinkommen. Die Schwelle zur Armutsgefährdung wird jährlich ermittelt und richtet sich nach dem Medianeinkommen. Aktuelle Grundlage ist die Erhebung EU-SILC 2005. Diese Statistik wird in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union durchgeführt, um Veränderungen bei Einkommen und Lebensbedingungen der privaten Haushalte kontinuierlich zu beobachten.(Definition nach Statistik Austria)

2 Äquivalisiertes Einkommen (bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen) gilt als Maßzahl für den Lebensstandard eines Haushaltes und wird nach der EU-Skala berechnet. Um die finanzielle Situation von Haushalten mit mehreren Personen zu jener von allein lebenden Personen vergleichbar zu machen, wird das insgesamt verfügbare Haushaltseinkommen3 durch die Summe der Äquivalenzgewichte im Haushalt dividiert (bei einem echten Pro-Kopf-Einkommen würde durch die Haushaltsgröße dividiert). Beim bedarfsgewichteten Pro-Kopf-Einkommen wird jede Erwachsene Person mit dem Wert 0,5 und Kinder unter 14 Jahren mit 0,3 gewichtet. Der Bedarf eines Kindes wird daher mit 60% von dem eines Erwachsenen angenommen. Zusätzlich wird ein Wert von 0,5 für den Grundbedarf jedes Haushalts hinzugezählt. (Definition nach Statistik Austria)

3 Unter einem verfügbaren Haushaltseinkommen versteht man: Einkommen aus Erwerbsarbeit, Pensionen, Sozialtransfers, Transferleistungen zwischen Haushalten (z.B. Unterhaltszahlungen) und Kapitaleinkommen abzüglich Steuern und sonstiger Abgaben. Die Nettobeträge aller Personen im Haushalt werden über das ganze Jahr summiert.(Definition nach Statistik Austria)


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