
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Am Rande des Spielfeldes
Bildquelle: Alfred Rhomberg)
Einige Mannschaften waren gut – eine besser. Die Fans und die Mannschaften waren fair – von den Mannschaften durfte man dies wegen des ihnen vorgegebenen Reglements und aufgrund ihrer Spitzengehälter erwarten, die Politiker und Funktionäre gaben ein würdiges Abschlussbild der EM 2008 (das darf angemerkt werden – ist aber Pflicht ihres Berufes auch bei anderen Anlässen). Es bleiben zwei Fragen: Warum gibt es so viele Fans? – und: warum waren die Fans bei dieser EM so fair?
1. Warum gibt es so viele Fußballfans?
Über diese Frage ist bereits so viel geschrieben worden, dass hier nur Gedanken angerissen werden sollen, die über die soziologisch bekannten und (zum Großteil) richtigen Erklärungsversuche hinausgehen.
Anm.: Die meisten Publikationen legen ihren Schwerpunkt darauf, warum gerade Fußball ein solches Massenphänomen ist und erklären das meist durch die besondere Eigenart des Spiels, nachvollziehbar zu sein, durch die Möglichkeit zur Selbstidentifikation, der nationalen Identifikation und der Übertragung der Gegnerschaft zweier Mannschaften auf die Zuschauer (auf den Tribünen und am Fernsehschirm) mit der Möglichkeit, Aggressionen halbwegs friedlich „abzureagiern“ etc.
Es gibt aber wohl tieferliegende Ursachen, die untersucht werden sollten: warum das Phänomen immer stärker zum „Phänomen“ wird, ein Phänomen, das nicht nur einfach durch die technischen Möglichkeiten der perfekten Live-Bildübertragung an alle Punkte unserer Erde und die wachsende Kommerzialisierung erklärt werden kann. Mit Sicherheit spielt es eine Rolle, dass sich auch ärmere Bevölkerungsschichten – wenn auch nicht an den Spielen – so doch in den Fan-Meilen der Städte (nicht nur an den Austragungsorten) beteiligen konnten und dass es leider, unabhängig vom vorhandenen oder nicht vorhandenen Wohlstand gewaltige Defizite über Wertvorstellungen jeder Art gibt. In diesem Zusammenhang liest man gelegentlich den Satz „Fußball als Ersatzreligion“ – diese Feststellung erklärt schon eher die Zunahme der Massenbegeisterung für dieses Spiel, denn Fußballbegeisterte gab es auch schon vor Jahrzehnten in noch etwas „religiöseren“ Zeiten, wenn auch nicht in dieser Anzahl. Ohne behaupten zu wollen, dass Fußballfans grundsätzlich keine Wertvorstellungen oder Ideale hätten, ist dieses Spiel doch der kleinste gemeinsame Nenner, auf dem sich fast die gesamte Gesellschaft wiederfinden kann – Arme/Reiche, religiöse/nichtreligiöse, Akademiker/Hilfsarbeiter, integrierte/nichtintegrierte….
2. Warum waren die Fans bei dieser EM so fair?
Weil auch bei Staaten die nicht der EU angehören, durch die Europäische Gemeinschaft die Botschaft bei der Bevölkerung (nicht immer bei den Politikern und Medien) in Europa angekommen ist, dass nationale Identifikation und Anerkennung anderer Nationalitäten prinzipiell möglich ist, was ohne die – nicht von allen akzeptierte – „EU“ kaum möglich gewesen wäre.
Anm.: Sicherlich waren die polizeilichen Vorkehrungen aller Staaten – besonders auch in Österreich – wesentlich daran beteiligt, dass es nur sehr wenige gewalttätige Entgleisungen gab. Ohne die Bereitschaft der Fans „fair“ zu sein, wären aber selbst die besten organisatorischen Maßnahmen – besonders nach den jeweiligen Spielen – ohne Erfolg geblieben. Auch bei einer Verzehnfachung des polizeilichen Aufgebotes hätten Ausschreitungen in den Fanmeilen nicht wirklich verhindert werden können, wenn die „Fans“ in ihrer Grundstimmung nur nationalistisch gewesen wären.
FACIT:
1. Wertvorstellungen lassen sich nicht einfach wieder aufbauen, dazu gehören mehrere Generation derjenigen, die für den Wiederaufbau solcher Werte verantwortlich wären.
2. Die positiven Erfahrungen, dass nationale und supranationale Werte kompatibel sind, muss von den Politikern der EU besser kommuniziert werden.
3. Integrative Kräfte, die von solchen Ereignissen ausgehen, müssen verstärkt auch in anderer Weise dazu genützt werden, um scheinbar unlösbare Konflikte (Israel/ Palästina, islamische Religion und Fundamentalismus, Integration von Ausländern etc.) zu lösen. Bei der EM gab es u.a. einen gemeinsamen Nenner zwischen Deutschen und Türken, ganz andere Projekte lassen zumindest Hoffnung aufkommen: Daniel Barenboim’s West-Eastern Divan Orchestra bei der Jugend Israels und Palästinas – ein gelungenes Experiment (nicht mit politischen Mitteln, sondern mit der Kraft der Musik) oder gemeinsame Fraueninitiativen innerhalb moslemischer Länder wie in Iran, Syrien und Jordanien, Initiativen die sich gegen den Fundamentalismus ihrer Länder zu wehren beginnen.
(Alfred Rhomberg)
am 30.06.2008 14:04
