
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Aus der Welt der Kristalle
Bildquelle: PC-Grafik einer besonderen Art des Bergkristalls (A. Rhomberg)
Kristalle sind von jeher überwiegend mit positiven Vorstellungen verbunden: kristallklar – lupenrein – kostbar. Das Wort leitet sich vom griechischen „krystallos“ (Eis) ab – vermutlich kommt der Ausdruck aus dem bereits in der Antike betriebenen Bergbau, bei dem in größeren Tiefen Wasser in seiner Form als Eis gefunden wurde.
Der Mineraloge sieht den Gegenstand seiner Wissenschaft nüchterner – es gibt sechs Kristallsysteme und 230 Raumklassen, die ich in unangenehmer Erinnerung habe, weil ich mich im Fach Mineralogie ständig in diesen Raumklassen verirrte. Die Mineralogie war in Innsbruck früher im Erdgeschoss der theologischen Universität untergebracht, wo man in den Gängen dieses ehrwürdigen Gebäudes vor einer Abschlussprüfung tagelang in den dort aufgestellten Schränken Schublade für Schublade öffnete, um zu „üben“, die zahllosen Kristallmodelle auseinander zu halten und geistig zu ordnen. Bei meiner Doktoratsprüfung machte ich mich auf das Schlimmste gefasst, nur nicht auf die Frage, ob ich wüsste, wie viel Füße ein Seestern hat. Seesterne hatte ich nicht studiert, antwortete aber fast instinktiv mit: „fünf“. Die anschließende Diskussion über die Frage, warum diese „Fünfzähligkeit“ in der Natur so selten ist, möchte ich hier nicht vertiefen (in der Mineralogie gibt es sie jedenfalls nicht) – vom Seesternchen bis zum Hexakisdodekaeder spannt sich ein sehr weiter Bogen, der anschließend auch von meinen chemischen Prüfern über das breite Feld der Chemie bis zum Zerreißen weitergespannt wurde.
Anm.: Ich ahnte als „organischer Chemiker“ damals noch nicht, dass die Kenntnisse der Mineralogie in meinem späteren Beruf besonders gefragt waren, denn in der Pharmaforschung ist neben der Strukturanalyse auch die kristalline Form eines Wirkstoffes wichtig, weil chemische Substanzen oft in mehreren Kristallmodifikationen (verschiedene Kristallgitter – siehe die obigen Raumordnungen) vorkommen, die meist unterschiedliche Bioverfügbarkeiten aufweisen (bei einem Digitalispräparat meiner früheren Firma waren z.B. ca. 0,75 % Aceton erforderlich um jenes Kristallgitter zu stabilisieren, das u.U. zwischen „Leben und Tod“ entschied (gerade bei Digitalis -Präparaten ist die genaue Dosierung besonders wichtig – manchmal sind 2 Milligramm zu wenig und 10 Milligramm bereits zu viel – ein Grund, diese Stoffe des Fingerhut-Extraktes heute durch innovativere Wirkstoffe zu ersetzen. Nicht alles was in der Natur wächst ist so harmlos wie Bachblütentee oder Holundersaft).
Chemiker freuen sich meist darüber, wenn neue Substanzen „kristallisieren“ – ein oft mühsamer Prozess, besonders bei großen Molekülen wie Eiweißen, bei denen die Kristallisation äußerst schwierig ist. Wenn sie gelingt, ist der Schritt zur schnellen Strukturanalyse heute mittels Röntgenstrukturdaten nicht mehr sehr weit, sonst muss man sich zeitaufwändigerer Methoden bedienen (leider der Regelfall).
Für den Physiker ist der kristalline Zustand ein „energieärmerer Zustand“ als der nichtkristalline und daher an sich eigentlich „wahrscheinlicher“ – was nicht heißt, dass dieser wahrscheinliche Zustand immer von der Natur bevorzugt wird. Das gilt ganz besonders für den Diamanten, auch wenn die Damenwelt gerade diese energieärmere Form des Kohlenstoffes jedem Kohle-Brikett vorzieht, denn gerade beim Diamanten, der als edler Kristall energieärmer als Kohle ist und daher eigentlich wahrscheinlicher sein sollte, muss man den Kohlenstoff ganz besonders dazu „überreden“, die von der Damenwelt geschätztere Form anzunehmen. Teilweise hat uns die Natur die Anstrengung, Diamanten zu erzeugen in prähistorischer Zeit mit Druck und Hitze zwar abgenommen, uns aber die Mühe überlassen, diesen kristallinen Kohlenstoff teuer beim Juwelier zu kaufen (der Heizwert von Diamanten und Briketts ist übrigens trotz des Preisunterschiedes fast gleich).
Auch die esoterische Heilkunde ist vom Kristall (es muss nicht der teure Diamant sein) restlos überzeugt – u.a. scheint ein diesbezügliches, dem Internet entnommenes Zitat besonders „esoterisch“ zu sein: „Körperlich wirkt Bergkristall belebend und gibt Energie, er harmonisiert die Gehirnhälften, hilft bei Magen- Darmproblemen, reinigt, beruhigt, senkt Fieber, stärkt Selbstheilungskräfte“.
(ich weiß jetzt, warum meine Gehirnhälften gelegentlich halbwegs harmonisiert sind – irgendwo habe ich in meinem Arbeitszimmer seit vielen Jahren einen Bergkristall stehen – es ist zwar ein Bergkristall aus „Rauchquarz“, weshalb meine Gehirnhälften möglicherweise nicht ständig so harmonisiert sind, wie ich dies manchmal gerne hätte, bei meiner letzten Grippeerkrankung hat leider auch die „fiebersenkende Wirkung“ nicht richtig funktioniert – vielleicht war mein nicht-esoterisches Fiebermessgerät daran schuld, sich den Kräften des Bergkristalls nicht zu beugen).
Der Beitrag wäre unvollständig, wenn er nicht auch über weniger positive Eigenschaften von Kristallen berichtete: die schmerzhaftesten Nierensteine sind nadelspitzartige, schöne Oxalatkristalle.
(Alfred Rhomberg)
