
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Aus der Werkstatt der „Igler Reflexe“ – never touch a running system
Bildquelle: A.Rhomberg, von Igls nach Patsch. Dort wo die Felder rechts aufhören verläuft in einem hier nicht sichtbaren Tal die Brenner Transitautobahn mit der Europabrücke.
Seit Dezember 2007 bestehen die „Igler Reflexe“, mit der Absicht, eine ausgewogene Mischung aus Gedankenlyrik, Essays und Kommentaren zu aktuellen Geschehen zu publizieren. Warum schreibe ich für „startblatt“? Mir macht die startblatt Idee Spaß! – weil startblatt ein Internetportal mit Zukunft und einer Vielfalt an Lesenswertem und Nützlichem ist und weil ich unzensierte Meinungen anderer zur Kenntnis nehmen kann, so wie ich auch meine Beiträge nur meiner eigenen Zensur zu unterwerfen brauche. Fremde Meinungen sind wichtig und ich respektiere sie, auch wenn ich manchmal mit der einen oder anderen Meinung nicht übereinstimme. Fremde Meinungen ersparen mir auch die Langweile, immer nur meine eigenen Meinungen zu Rate zu ziehen, wobei das Wort „richtig“ im Zusammenhang von Meinungen (fremden oder eigenen) niemals angebracht ist, weil Meinungen ja immer subjektiv sind und aufgrund eigener Erfahrungen entstehen. Dass im Wort Meinung gleichzeitig auch der Austausch davon beinhaltet ist, geht aus dem vermutlich indogermanischen Ursprung „moino“ (Wechsel, Tausch) hervor.
Der Blogbeschreibung der „Igler Reflexe“ entsprechend, entstehen die meisten Ideen auf Wanderungen im Mittelgebirge, u.a. auch auf dem im Blogbild dieses Beitrags gezeigten Wanderweg zwischen Igls nach Patsch.
Ich bezeichne diesen Weg manchmal – in Analogie zum „Heidelberger Philosophenweg“ als „Igler Philosophenweg“, der allerdings gegenüber seinem Heidelberger Pendant einen wesentlichen Vorteil hat: man trifft allenfalls eine(n) Jogger(in) mit Hund/ Hündin, die/die notgedrungen mitjoggt, wenn man nicht gerade am Sonntag Nachmittag unterwegs ist und den Einwohnern der Stadt Innsbruck ab und zu erlauben muss, diesen Weg ebenfalls zu benutzen. Der Heidelberger Philosophenweg ist dagegen eine Flaniermeile für Amerikaner und Japaner, die dort in 6er Reihen nebeneinander den Blick auf den Neckar genießen und vermutlich nicht philosophieren (vor allen Dingen keine „Igler Reflexe“ schreiben), sondern eher an den Spielfilm der 20er Jahre „Student Prince“ denken. Ich war früher fast wöchentlich in Heidelberg, das nur 20 Km von Mannheim entfernt ist und habe eine etwas weniger romantische, d.h. realistischere Einstellung zu dieser Stadt – ich glaube, dass Heidelberg von Mark Twain richtig beschrieben wurde:
“Man glaubt Heidelberg – mit seiner Umgebung – bei Tage sei das Höchstmögliche an Schönheit; aber wenn man Heidelberg bei Nacht sieht, eine herabgestürzte Milchstraße, an deren Rand jenes glitzerndes Sternbild der Eisenbahn geheftet ist, dann braucht man Zeit, um sich das Urteil noch einmal zu überlegen.”
Ich weiß natürlich nicht, was Mark Twain über Innsbruck, geschweige denn Igls geschrieben hätte. Bei Igls bzw. seiner umgebenden Landschaft brauchte man nicht lange nachzudenken – sie ist nicht romantisch und nicht – wie Heidelberg – das Höchstmögliche an Schönheit, sondern einfach nur sehr schön.
Wie geht es nach den Wanderungen dann mit der Arbeit an den „Igler Reflexen“ weiter? Fast so, wie ich es nach den täglichen Straßenbahnfahrten in Mannheim von zuhause bis zur 14 Km entfernten Pharmafirma Boehringer Mannheim gewohnt war: damals hatte ich während der Straßenbahnfahrt von 35 Minuten (mit dem Auto wären es 75 Minuten gewesen) entweder Zeitungen oder italienische Literatur gelesen oder ganz einfach über irgend etwas nachgedacht. In der Firma angekommen, hatte ich die Gedanken sofort stichwortartig in ein Diktiergerät gesprochen – der chemische Alltag in Labors, Bibliothek und Besprechungen hätte sie sonst bis zum Abend verschüttet. Der Weg nachhause war ebenfalls 35 Minuten mit Gedanken gefüllt, die allerdings durch den Tag geprägt, nicht so erbaulich waren, um zuhause in ein Diktiergerät gesprochen zu werden. Bei meinen Wanderungen wird heute das klassische Diktiergerät durch die Recorder-Funklion eines kleinen mp3-Players ersetzt).
Im Laufe der Zeit entstand eine seit 1959 schon in Innsbruck begonnene Dokumentation von Gedanken und Dokumenten, eine Sammlung die quasi die ganze Bandbreite des Zeitgeschehens beinhaltet: Hotelrechnungen, zeittypische Karikaturen, zeittypische Annoncen aus Zeitungen – (z.B. die Annonce eines katholischen Priesters in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Priester, 30 Jahre, mehrjährig im Beruf, sucht aus ungekündigter Position neue berufliche Herausforderung. Zuschriften unter xxx FAZ 60267,Ffm.) und unzählige (inzwischen eingescannte) Zeitungsartikel aus einer Zeit, in der es noch keine online Ausgaben im Internet gab. Besonders wichtig war mir der Vergleich von Kostenindices für Haushaltsausgaben im Vergleich zu Durchschnittsgehältern. Aus Vergleichen von Preisen meiner ersten Italienreise 1954 (Maturareise) bis zu Einführung des Euros 1999 kommt man zu überraschenden Überlegungen, die manchmal volkswirtschaftlichen Regeln bezüglich der negativen Bedeutung inflationärer Entwicklungen völlig zuwider laufen, die aber gerade weil dies so ist, zu einer differenzierteren Sicht über den Begriff „Inflation“ führen. Ein Espresso kostete 1954 in ganz Italien ca. 25 – 30 Lire, 1989 musste ich dafür zwischen 3000 bis 6000 Lire bezahlen. Die Hotelvollpension kostete in Dreisternqualität 1961 ca. 2000 Lire, 1993 ca. 68000-120000 Lire. In der gleichen Zeit hat sich der Lebensstandard in Italien entgegen aller volkswirtschaftlichen Regeln, ganz erheblich verbessert. Das gibt zu denken: bei meinen Italienurlauben waren in den Jahren von 1970 bis ca. 1990 jährliche Inflationsraten von ca. 10-11 Prozent selbstverständlich und es ging den Italienern offensichtlich sehr gut dabei. In Ungarn gibt es heute leider immer noch jährliche Inflationsraten von 10-11 Prozent, wobei es den Ungarn dabei äußerst schlecht geht. Über solche Dinge nachzudenken, führt zu volkswirtschaftlicheren Überlegungen, die eine Ursachenanalyse geradezu herausfordern – ich werde vermutlich in einem späteren Beitrag darüber schreiben.
Seit meiner Pensionierung als Chemiker (1994) bin ich freier Publizist und Künstler (Computergrafik und Malerei) und verfolge nationalökonomische Entwicklungen ebenso intensiv wie die Weiterentwicklung meines früheren Fachgebietes der Pharmaforschung und Medizin. Ich stelle immer wieder fest, dass meine Wirtschaftsartikel bei renommierten Zeitungen gefragter sind als andere Themen in anderen renommierten Zeitungen. Das mag daran liegen, dass ich in Wirtschaftsartikeln – wie in vielen anderen Beiträgen – vom üblichen Schema der direkten Berichterstattung abweiche und versuche, Querverbindungen zu anderen Gebieten zu schaffen, indem ich soziale und naturwissenschaftliche Bezüge einbeziehe. Bei feuilletonistischen Artikeln erhalte ich von angesehenen Zeitungen oft Absagen mit dem Tenor: ...wir danken Ihnen für Ihren inhaltlich und redaktionell guten Beitrag, müssen Ihnen aber leider mitteilen, dass wir sehr viele Beiträge eigener Redakteure haben, sodass …“ – dieses „sodass“ entfällt bei startblatt.
Was meine schriftstellerische Tätigkeit betrifft, so beschäftige ich mich derzeit mit drei Büchern (Themen: Computergrafik, Kreativitätstraining und Managementmethoden, mit lyrischen Versuchen und Essays und – natürlich mit den „Igler Reflexen“). Die Bücher sind eigentlich fast fertig gestellt, ebenso wie eine Essay-Sammlung, die nicht als Biographie gedacht ist, obwohl sie biographische Details enthält. Grundsätzlich arbeite ich fast gleichzeitig an 3 bis 4 Bildern, Artikeln, Büchern etc. zugleich – nicht weil ich fleißig bin, sondern weil ich mir den „Frust“ ersparen möchte, einen gedanklichen Leerlauf, der bei allen meiner Aktivitäten unvermeidlich ist, als deprimierende Qual zu „durchleiden“. Auch während meiner Berufszeit habe ich grundsätzlich an vielen Themen zugleich gearbeitet, teils weil dies von mir verlangt wurde, teils weil ich ebenfalls dem oben erwähnten „Frust“ entgehen wollte (ich bin meinen früheren Arbeitgebern dafür dankbar, dass sie mir diese mühsam erarbeitete Freiheit erlaubten). So schön es ist, erfolgreiche Ideen zu haben – ich habe die Folgen davon in der Industrie immer als lästig empfunden. Erfolgreiche Ideen werden sofort zum Patent angemeldet und die nächsten Jahre ist man dann gezwungen, diese Ideen nach immer wieder dem gleichen Schema abzuwandeln, um das gesamte Terrain so abzusichern, dass durch Zusatzpatente andere Firmen keine Chancen mehr auf diesem Gebiet haben – eine für mich oft unerträglich langweilige Zeit, weil man sich eigentlich interessanteren Themen hätte zuwenden können.
Mein Lebensmotto „never touch a running system“ klingt ein wenig nach Fatalismus, ist aber nicht so ernst gemeint, als dass es wirklich zu Fatalismus ausarten würde – sowie umgekehrt manches von mir nicht so ernst klingt, obwohl es manchmal ernst gemeint ist.
(Alfred Rhomberg)
am 08.04.2008 15:15
