
Weblog von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe: Börsencrashs finden in den Köpfen und nicht an den Börsen statt
Bildquelle: Computergrafik (Alfred Rhomberg)
Die Art wie von den Medien (auch vom ORF) über die derzeitige Situation der Weltbörsen berichtet wird, ist fast verantwortungslos und geht, was die (teure?) Sendezeit betrifft, weit über das hinaus, zu dem seriöse Nachrichtensender verpflichtet wären. Fast alle Sendungen folgen dem gleichen Muster: „Schuld sind die bösen Amerikaner mit ihren notleidenden Hypotheken, von denen fast alle großen europäischen Großbanken betroffen sind…wenn jetzt die Kleinanleger nicht Ruhe bewahren, kommt es zu einer Weltwirtschaftskrise wie 1929….es ist aber alles nicht so schlimm, weil Deutschland und ganz besonders Österreich immer noch ein solides Wirtschaftswachstum (wenn auch geringfügig kleiner als 2007) aufweisen.“ – Also keine Sorge bis zu den nächsten Nachrichten ähnlichen Wortlauts.
Zunächst ist ein Vergleich mit dem Börsencrash von 1929 absolut abwegig, weil die heutige Wirtschaftssituation mit der damaligen in mehrfacher Hinsicht nicht vergleichbar ist. Eine wesentliche Ursache war damals die Ausweitung der Produktion amerikanischer Firmen während des ersten Weltkriegs, weil die kriegsführenden Länder Europas als Produzenten ausfielen und Amerika den Weltbedarf zu mehr als 50 Prozent der Weltproduktion abdeckte. Das führte naturgemäß zu übertrieben gestiegenen Aktienkursen amerikanischer Unternehmen. Als dann der amerikanische Binnenmarkt weitgehend mit Kühlschränken, Autos und Fotoapparaten gesättigt war, wurde dies zum ersten Dämpfer der amerikanischen Wirtschaft und als Europa zusätzlich nach 1918 langsam seine Produktion wieder aufnahm, kam es in den USA zu einem deutlichen Warenüberangebot, einen dadurch verursachten Preisverfall bei Produktionsgütern und zu sinkenden Preisen auf den Agrar- und Rohstoffmärkten.
Eine nur scheinbare Gemeinsamkeit zwischen 1929 und der derzeitigen Rezessionsangst gibt es trotzdem: Damals wurden Aktien zum Großteil über Kredite gekauft, weil man annahm, dass die Kurse immer weiter steigen würden. Hier gibt es heute im Vergleich zu 1929 gravierende Unterschiede: Vor 1929 wurden oft bis zu 90 % des Depotwertes für weitere Aktienkäufe zu stark überhöhten Kreditzinsen beliehen. Heute sind derartig hohe Beleihungen durch strengere Beurteilungskriterien der Bankkunden (auch in den USA) praktisch nicht mehr möglich. In den vergangenen Jahren gab es jedoch ähnliche Übertreibungen bei Hypothekenkrediten. Das niedrige Zinsniveau hat bei den konsumorientierten Amerikanern in den letzten Jahren zum Kauf von Häusern und Konsumgütern auf Kredit in einem Ausmaß geführt, das weit über jedes vernünftige Maß hinaus gegangen ist. Als dann die Kredite zunehmend notleidend wurden und die Hypothekenbanken aus Bonitätsgründen kein Geld mehr zur Vergabe weiterer Kredite erhielten, musste die amerikanische Notenbank und auch die Bush-Administration schnell reagieren. Die amerikanische Notenbank (FED) hat in den letzten Tagen durch unvorhergesehene (fast zu große) Leitzinssenkungen mehrfach interveniert, wodurch vorläufig ein all zu großes Desaster verhindert wurde. Die Gefahr ist dadurch nicht völlig ausgeräumt, aber es wurde Zeit gewonnen, um weitere Zusammenbrüche großer Banken und einen drastischen Börsencrash vorläufig zu verhindern. Viele Finanzexperten – vor allem europäische – sehen in diesen Leitzinssenkungen eine besondere Gefahr, weil sie sich wegen der sowohl in den USA als auch in Europa aufkeimenden Inflationsgefahr lieber höhere Zinsen statt Zinssenkungen wünschten. Dem ist entgegen zu setzen, dass die moderne Volkswirtschaftslehre bewährte Instrumente hat, eine überschäumende Inflation zu bekämpfen. Umgekehrt sind die Folgen einer Deflation (als Folge eines Crashs) wesentlich schwerer in den Griff zu bekommen. Bei einer Deflation gibt es trotz fallender Preise immer weniger Käufer für Waren und die Produktion wird deshalb Schritt um Schritt gedrosselt, sodass die Arbeitslosigkeit schnell ins Unermessliche steigen kann. Dies war nach 1929 die Ursache der weltweiten Wirtschaftsdepression. Inflation ist eine langsame Geldwertvernichtung, die jedoch heute wirksam bekämpft werden kann. Die behutsame Erhöhung der Leitzinsen ist dabei nur eine der möglichen Maßnahmen. Auch bezüglich der Bekämpfung von Rezessionen hat die Volkswirtschaft dazu gelernt. Grundsätzlich gibt es zwei gegensätzliche Schulen: Nach der „monetaristischen Schule“ muss die Geldmenge M1 (Sichteinlagen und Bargeldumlauf ohne Kassabestände der Finanzinstitute – Definition der Europäischen Zentralbank) gesenkt werden. Dadurch sinken die Preise (weil weniger Geld vorhanden ist), während der Geldwert steigt (was der Inflation entgegenwirkt). Die Keynes’sche Schule ist gegen zu freie Märkte und fordert u.a. dass über höhere Steuern und geringere Staatsausgaben Geld unter Aufsicht der Parlamente in die Wirtschaft gepumpt wird. Zur Inflationseindämmung gäbe es auch noch die staatliche Bindung von Gehältern und Preisen, was jedoch jede gesunde Marktwirtschaft in kurzer Zeit vernichten würde, weil davon keine Wachstumsimpulse ausgehen. Auch wenn der Monetarismus im Prinzip zu bevorzugen ist, sind weder die monetaristische, noch die Keynes’sche Schule geeignet, langfristig geordnete Wirtschaftssysteme zu garantieren. Nur ein sinnvoller Mix aller zur Verfügung stehenden Instrumente kann relativ kurzfristig wieder zu wachsenden Wirtschaften führen. Die Vernetzung der Weltmärkte, sowie der ständige Kontakt der Notenbanken aller großer Wirtschaftsblöcke sind ein wichtiger Garant dafür, dass es nicht ständig zu dramatisch überschießenden Reaktionen an den Märkten kommt.
Wenn es doch immer wieder einmal zu einem Börsencrash kommt, so liegt das daran, dass Crashs heute weniger an den Börsen, sondern fast ausschließlich in den von den Medien gesteuerten Köpfen der Anleger stattfinden, wobei unter Anlegern nicht nur Kleinanleger, sondern auch die Großinvestoren (Banken und Investmentfonds) gemeint sind, denn auch „Experten“ sind vor dem Überfluss einströmender Nachrichten und Pseudonachrichten durch die Medien nicht gefeit und handeln oft wie Herdentiere.
FACIT: Die Wirtschaften der meisten Industrienationen sind derzeit nicht sonderlich gefährdet. Deflatorische Tendenzen sind weit und breit nicht in Sicht. Die Inflation ist zwar ein zentrales Problem der näheren Zukunft, dessen Bekämpfung möglich ist, aber Anstrengungen erfordert. Ein Crash wäre nur dann wahrscheinlich, wenn die Medien weiterhin Schauermärchen verbreiten, die zu einem weltweiten Pessimismus führen könnten. Und wenn es doch irgendwann zu einem Crash kommen sollte, ist dies kein Grund zur Verzweiflung, sofern man nicht überschuldet ist. Dann bietet ein Crash sogar eine willkommene Gelegenheit, in Ruhe d.h. sehr langsam neue Engagements auf niedrigerem Preisniveau zu tätigen. Bis jetzt hat noch jeder Crash nach 1943 in sehr kurzer Zeit (ca. 2-3 Jahre) wieder zu höheren Börsenkursen geführt.



