
Weblog von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe: Boykott II - Szenarien
Bildquelle: A.Rhomberg - veränderte Grafik eines Symbols, dessen Urheberrecht abgelaufen ist
Die Szenario-Technik ist eine im Management selbstverständliche Planungsmethodik, die jedoch auf sehr vielen Gebieten außerhalb des Industriemanagements anwendbar ist. Die Technik ist im Krisen- und Risikomanagement grundsätzlich überall dort anwendbar, wo strategische Entscheidungen getroffen werden müssen. (Worst Case – Best Case etc.).
Anlässlich der Diskussion über einen Boykott der Olympischen Spiele in China soll hier versucht werden, diese Szenario-Technik an diesem Beispiel durchzuspielen. Gerade für Boykottmaßnahmen sind strategische Entscheidungen besonders wichtig.
Szenario 1: Man unternimmt gar nichts und tut so, als ob nichts gewesen wäre. Dieses Szenario ist weder Best Case noch Worst Case – es ist überhaupt kein „Case“ – d.h. jede Zeile darüber zu schreiben oder jeder Gedanke in dieser Richtung ist überflüssig.
Szenario 2: Man boykottiert die Spiele vollkommen, d.h. man schickt weder Sportler, noch Funktionäre, noch Politiker nach China. Dieses Szenario ist ebenfalls ein „No Case“ (also kein Worst Case), weil hier nur ein „Case“ konstruiert werden könnte, wenn alle Sportler, Funktionäre und Politiker spontan erklärt hätten, nicht daran teilzunehmen.
Es bleiben also verschiedene weitere Szenarien übrig, wobei eine Kategorisierung erst dann möglich ist, wenn man über sie nachgedacht hat.
Szenario 3: Man verhält sich so wie Politiker, Sportler, Sportgremien und Medien derzeit mit dieser Thematik umgehen – man diskutiert in allen Kreisen und auf allen Ebenen. Das klingt vernünftig – was ist schlecht daran? Probleme zu diskutieren ist doch immer besser, als falsch zu handeln! Nachteil dieses Szenarios: Die chinesische Politik kann genau beobachten, wie schwer sich die Welt tut, eine einheitliche Meinung zu erarbeiten und wie weit China aufgrund seines Status als Wirtschaftsmacht politisch in Zukunft gehen kann.
Dazu ein Zitat der österreichischen Außenministerin Frau Plassnik:
“Wir werden uns jedenfalls nicht vor einen chinesischen Propaganda-Karren spannen lassen” betonte Außenministerin Ursula Plassnik heute im Vorfeld des informellen EU-Außenministertreffens in Brdo auf die Frage, ob Österreich an den Feierlichkeiten zu den olympischen Spielen in China teilnehmen werde. “Das gilt nicht nur für Österreich, sondern für die gesamte Wertegemeinschaft Europäische Union. „Wir sind uns darüber einig, dass es keinen Sinn macht, die Sportler der Welt zu bestrafen, weil China eine Tibet-Politik verfolgt, die wir missbilligen”, fuhr Plassnik fort. „ Ob hingegen ein Boykott der olympischen Feierlichkeiten durch Politiker in China erfolgen soll, müsse nicht unbedingt jetzt und heute entschieden werden. Die Beschränkung auf allein diese Frage wäre in der jetzigen Situation eine unzulässige Verkürzung. Es macht Sinn, in den nächsten Wochen und Monaten die Entwicklung in China und das Verhalten der chinesischen Führung sehr aufmerksam und kritisch zu beobachten…” (Außenministerin Plassnik beim informellen EU-Außenministertreffen in Brdo, am 28. März 2008)
Die Aussage ist gut formuliert und entspricht ein wenig der österreichischen Art und Weise, mit Problemen umzugehen (das ist keineswegs negativ gemeint).
In Deutschland hört man (derzeit) folgende Aussagen hochgestellter Politiker: die Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier hatten sowieso nicht die Absicht, an den Spielen teilzunehmen, daher kann man auch nicht von einer Absage sprechen. Der deutsche Bundespräsident wird (nach derzeitigem Stand) die Spiele besuchen. Ähnlich inhomogen sind die Meinungen fast aller EU-Politiker.
Auch wenn noch weitere Szenarien folgen, kann man schon jetzt sagen, dass es sich bei Szenario 3 um ein sogenanntes „Trendszenario“ handelt, weil man zwar (wie Frau Plassnik es geschickt formuliert) auf die zukünftigen Reaktionen Chinas wartet, obwohl vermutlich viele Politiker und Sportler in Wirklichkeit auf einen Trend der anderen warten.
Szenario 4: Alle Sportler fahren nach China und zeigen damit, dass die Olympische Idee unabhängig von Politik sein sollte, während die Politiker (alle) die Spiele durch ihre Abwesenheit boykottieren (was ein politisches Signal wäre).
Szenario 5: Jeder Sportler, Sportfunktionär und Politiker soll nach seinem eigenen persönlichen Gewissen handeln. Man muss bei diesem Szenario allerdings berücksichtigen, dass es sich zum Teil auch um ein Trendszenario handeln würde.
Szenario 6: Sportler, Funktionäre und Politiker fahren unter der Bedingung nach China, dass es jedem einzelnen erlaubt ist, auf friedliche Weise (durch Transparente und durch Formulierungen in öffentlichen Reden) ihrem Unmut über die Verletzung von Menschenrechten Ausdruck zu geben – unter der Bedingung, dass diese Äußerungen unzensiert im ausländischen und chinesischen Fernsehen gesendet werden.
Szenario 7: (letztes Szenario): Man bespricht im Vorfeld mit der chinesischen Führung, wie weit China bereit ist, auf Forderungen der übrigen Welt einzugehen und wie ein Ablauf der Spiele – je nach Zugeständnissen – aussehen könnte. Bei diesem Szenario gibt es nur einen „Schönheitsfehler“, dass nämlich solche Gespräche absolut geheim durchgeführt werden müssten, weil im Vorfeld solcher Gespräche sowohl der Gesichtsverlust Chinas, als auch ein Gesichtsverlust der übrigen Welt unbedingt vermieden werden sollte.
Es ließen sich theoretisch noch weitere Szenarien entwickeln, die obigen Szenarien reichen jedoch aus, um eine der Szenario-Technik gemäße Bewertung durchzuführen.
Das Szenario 3 möchte ich derzeit als „Worst Case Szenario“ bezeichnen, obwohl es leider der gegenwärtigen Realität entspricht. Die Szenarien 1 und 2 wurden ja von vornherein als mögliche Szenarien ausgeschieden.
Die Szenarien 6 und 7 wären nach heutiger Sicht gleichwertige „Best Case Szenarien“, während Szenario 5 leider zu wenig wirksam wäre, um Grundlegendes an der Einstellung Chinas zu den Menschenrechten zu ändern. Szenario 5 hätte zudem den Nachteil, Sportler und Politiker nachträglich in unterschiedliche Lager einzuteilen, was niemandem nützt. Szenario 4 wäre zwar ein deutliches Signal, hätte jedoch sowohl politische, wie wirtschaftliche Folgen.
Anm.: Der Vorteil dieser Szenario-Technik ist, dass gewisse Szenarien sehr schnell ausgeschieden werden können, wohingegen bei gleichwertigen Szenarien auch über Variationen der ausgewählten Szenarien nachgedacht werden kann. Im Gegensatz zur Beurteilung privatwirtschaftlicher Probleme ist bei politischen Boykottmaßnahmen eine Beurteilung hinsichtlich eines materiellen Gewinnes oder Verlustes kaum möglich. Immaterielle Vorteile oder Schäden sind eben immer auch Ansichtssache).
(Alfred Rhomberg)



