
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Chemiker denken und handeln wie Chemiker, Ärzte wie Ärzte, Psychologen wie Psychologen .....Ingenieure wie Ingenieure, na und? - Fachliche Grenzbereiche (I) –„Homöopathie“.
Bildquelle: schwarz-weiß denken (Alfred Rhomberg)
Was ist mit dieser Titelüberschrift gemeint? Die obige Feststellung ist ebenso trivial, wie richtig oder falsch!
Je länger der Zeitraum ist, seit dem ich mein Studium der Chemie damals an der philosophischen Fakultät in Innsbruck mit einem Zusatzrigorosum über Psychologie und Philosophie absolvieren musste, desto weniger bereue ich den relativ großen damit verbundenen Zeitaufwand. Eine zusätzliche Bereicherung war später der intensive Kontakt mit Kollegen aus anderen Studienrichtungen in der Pharmafirma, in der ich arbeitete. Da gab es z.B. wesentliche Unterschiede zwischen wissenschaftlichen Medizinern, Klinikern, Humangenetikern, Veterinärmedizinern und natürlich auch die Kontakte als Patient mit niedergelassenen Ärzten. Auch die Zusammenarbeit mit Patentjuristen, Lizenzjuristen, Arbeitsrechtjuristen etc. sowie mit Wirtschaftlern, Informatikern und Ingenieuren hat meine Sicht der Dinge beeinflusst. Während meiner gesamten Berufszeit wurden Führungskräfte bei Seminaren mehrmals jährlich zusammen mit Kollegen anderer Disziplinen mehrtägig trainiert und es gab unter den jeweils etwa 12 Teilnehmern niemals zwei Kollegen gleicher Ausbildung – eine Seminarform, die es weder bei Bayer, Hoechst oder BASF gab.
Leider stimmt die Titelüberschrift häufiger als gedacht – ich würde sie vielleicht noch um den Zusatz „Politiker denken und handeln wie Politiker“ erweitern, das würde jedoch vom Ziel dieses Beitrags wegführen.
Was ist das Ziel dieser Beitragsreihe?
Die Antwort klingt trivial: die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Weniger trivial ist die Tatsache, dass die Titelüberschrift mehr stimmt, als dass sie nicht stimmt. Ich möchte versuchen, einen Beginn zu diesem Thema mit einem Aufsatz über Homöopathie zu starten.
Homöopathie
Wer gibt schon zu, nicht zu wissen, was Homöopathie bedeutet. Die vielverbreitete Ansicht ist, es handelte es sich dabei um eine alternative medizinische Möglichkeit, Krankheiten zu heilen, die von der Schulmedizin nicht geheilt werden können. Da gibt man dann schon etwas mehr Geld für homöopathische Mittel als für normale Arzneimittel aus – Wunder kosten eben etwas mehr.
An dieser Stelle höre ich bereits den Aufschrei gegenüber der Arroganz eines Arzneimittelwissenschaftlers – ich bitte den/die LeserIn trotzdem, weiterzulesen. In der Tat denken die meisten Chemiker nach folgendem Muster: In homöopathischen Tropfen oder „Verreibungen“ in denen der angegebene Wirkstoff aufgrund seiner Verdünnung nicht mehr nachweisbar ist, kann der Stoff auch keinerlei Wirkung haben (die chemische und bioanalytische Forschung können heute Stoffmengen praktisch im Molekülbereich nachweisen). Ein „seriöser Arzneimittelchemiker beschäftigt sich also nicht mit homöopathischen Mitteln“. Ähnlich denken viele Schulmediziner, die zwar nicht die Möglichkeit haben, kleinste Substanzmengen nachzuweisen, in deren Weltbild es jedoch gehört, dass – von psychosomatischen Erkrankungen abgesehen – ein Arzneimittel eine definierte, bekannte und nachweisbare Wirkung haben muss.
Bevor ich weiter aushole, ist ein kurzer Abriss der Geschichte und über die Grundgedanken der Homöopathie erforderlich.
Similia similibus curentur
Auf deutsch heißt das: „Ähnliches wird durch ähnliches geheilt“ daraus leitet sich auch das Wort Homöopathie vom griechischen hómoios (das Ähnliche) ab. Die Homöopathie wurde von dem deutschen Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843, medizinischer Schriftsteller und Chemiker) im Jahre 1800 gegründet. Seine Hypothese war, dass ein homöopatisches Arzneimittel an Gesunden ähnliche Symptome hervorrufen kann wie an einem Kranken mit denselben Symptomen. Die Mittel werden in stark verdünnter Form („potenziert“) gegeben, sodass sie kaum oder gar nicht mehr nachweisbar sind. Dass dadurch unerwünschte Wirkungen einer Substanz minimiert werden, liegt auf der Hand, dass durch dieses Verdünnungsverfahren die erwünschte Wirkung – wie es die Homöopathen annehmen – verstärkt wird, liegt nicht mehr auf der Hand. Heutige Studien zeigen dann auch, dass die Wirkung nicht über den Effekt eines Placebos (also einer Pille ohne Wirksubstanz) hinaus geht. Die selektive Steigerung erwünschter Wirkungen durch das Potenzierungsverfahren widerspricht also naturwissenschaftlichen Erkenntnissen – es gibt keine Anhaltspunkte für die Wirkung kleinster Wirkstoffmengen. (Anm.: auf diese Betrachtung, sowie auf den Placeboeffekt wird später noch weiter eingegangen).
Schulmediziner sehen die Wirkung bzw. Nichtwirkung ähnlich – es sind halt „Schulmediziner“, würde die wachsende Gemeinde der Anhänger alternativer Medizin antworten.
Ich gebe zu, hauptberuflich ähnlich gedacht zu haben – aber nicht erst heute, auch während meiner Berufszeit, habe ich mir die Freiheit erlaubt, quasi „nebenberuflich“ durch meine differenzierte universitäre Ausbildung geprägt, über an sich selbstverständliche Dinge nachzudenken, anstatt sie einfach als „gegeben“ bzw. „selbstverständlich“ zu akzeptieren.
Dazu fielen (und fallen) mir folgende Gedanken ein:
- in jeder Wissenschaft darf alles angezweifelt werden. Wenn es keine wissenschaftliche Gründe für Zweifel gibt, sollte man gelegentlich danach suchen.
- sehr geringe Wirkstoffmengen können durchaus Wirkungen haben. Dazu fiel mir schon sehr früh die unspezifische Reiztherapie ein, denn es war längst bekannt, dass Bienengift in sehr geringen Mengen Einfluss auf das Immunsystem haben kann. Da ich ferner las, dass das Kauen von Bienenwaben Heuschnupfen verhindern kann, habe ich dies als Heuschnupfenallergiker selbstverständlich versucht und festgestellt, dass es mir nicht geholfen hat. Ich habe jedoch auch nach diesem Fehlschlag nicht angenommen, dass die Idee völlig unsinnig war – denn erstens gab es keine Begründung dafür, dass die Idee unsinnig ist und zweitens gilt das Wort „kann wirken“ für alle Therapieformen – auch für schulmedizinische Therapien – immer ist das “kann auch nicht wirken” impliziert.
- Die heutige Erkenntnis über Neurotransmitter zeigt, dass selbst geringe Wirkstoffmengen (sogar im Molekülbereich) gravierende Wirkungen auf die Funktion unseres Gehirns haben.
- Der Placeboeffekt ist erheblich größer als gemeinhin angenommen wird. Jeder Arzneimittelforscher weiß das. Es ist daher selbstverständlich, dass neue Arzneimittel nicht nur in einem einfachen Vergleich mit Placebos, sondern auch in einer „Doppelblindstudie“ getestet werden müssen. Das bedeutet, dass beim klinischen Versuch weder der Patient, noch der betreuende Arzt weiß, ob er den Versuchspersonen eine echte Wirksubstanz oder ein Placebo (also eine gleich aussehende Pille ohne Wirkstoff) verabreicht. Dies weiß nur der Versuchsleiter der Pharmafirma und nimmt die Signifikanz von Wirkung oder Nichtwirkung sehr ernst.
- Der Placeboeffekt kann auch bei Operationen außerordentlich groß sein – wie in einer US-Studie nachgewiesen wurde. Von 120 Patienten mit athritischen Kniebeschwerden wurden 60 (d.h. die Hälfte) tatsächlich operiert, die andere Hälfte wurde nur mit oberflächlichen Schnitten am Knie versehen. Nach einem Jahr stellte sich heraus, dass insgesamt 90 Patienten (von 120) mit der Operation sehr zufrieden waren und angaben deutlich weniger Beschwerden zu haben, d.h. aber auch, dass ein Großteil dieser 90 Patienten auch ohne Operation weniger Beschwerden hatte.
- Die Behauptung, dass bei der Verdünnung (Potenzierung) bzw. bei der „Verschüttelung“ die dadurch aufgebrachte Energie in die Heilwirkung einfließt, ist auch bei der tolerantesten Einstellung zur Homöopathie absoluter Unsinn.
- Juridische Bedenken: Wer bei längeren Misserfolgen homöopathischer Therapien und fortschreitenden Beschwerden nicht den Rat der Schulmedizin sucht ist selbst schuld, kann jedoch juristisch nicht belangt werden. Ein homöopathischer Therapeut (mit welcher Ausbildung auch immer), der nach Misserfolgen seiner Therapie, dem Patienten nicht eindrücklich empfiehlt, den Rat der Schulmedizin einzuholen, handelt jedoch fahrlässig (u.U. sogar grobfahrlässig) und macht sich strafbar.
Was lässt sich zusammenfassend sich bei homöopathischen Behandlungen mit Sicherheit aussagen?
1. Homöopathische Mittel sind viel zu teuer, gemessen am Wirkstoffanteil oder gar in Vergleich zu den Forschungskosten herkömmlicher Arzneimittel.
2. Homöopathische Mittel können wirksam sein, a) weil der Placeboeffekt, bzw. der Glaube an die Wirkung des Mittels sehr groß ist b) weil die Wirksamkeit niederdosierter Wirkstoffe nicht ganz ausgeschlossen werden kann. Wenn die Verdünnung allerdings so groß ist, dass der Wirkstoff nach heutigen analytischen Methoden nicht nachweisbar ist, muss es sich um einen Placeboeffekt handeln, c) wer bei ernsteren Beschwerden nach Misserfolgen homöopatischer Behandlungen keinen Arzt der Schulmedizin aufsucht, ist selber schuld.
(Alfred Rhomberg)
am 14.04.2008 16:09
