
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Das alte Buch und die post-Google Welt
Bildquelle: Gutenberg Bibel, Library of Congress (Wikipedia, copyrights expired)
Alte Bücher faszinieren durch ihre abgegriffenen Lederrücken – egal was in ihnen steht. Allein die Tatsache, dass sie alt sind und zwischen den Kostbarkeiten renommierter Staatsbibliotheken stehen, schafft Ehrfurcht – egal ob es der Hexenhammer der Inquisition (1486) oder eine alte Gutenberg-Bibel (1454) ist.
Was wird in 400 bis 500 Jahren von unseren heutigen Büchern in den Schatzkammern von Bibliotheken stehen – alles? oder einiges – selbst einiges wäre wohl schon zu viel ! Aber was? Wie schon gesagt kommt es nicht so sehr auf den Inhalt an, also würde man vielleicht auch Harry Potter Bücher finden. Und weiter: wo und wie wird unser gesamtes, durch das ehrgeizige Google-Projekt digitalisierte Wissen und Bildmaterial seinen Ehrenplatz in den Bibliotheken finden? Nur in einem wie auch immer gearteten späteren Computer, oder wird es auch alte °vergilbte° CD’s oder DVD’s dort geben? Wahrscheinlich wird man sie gar nicht mehr lesen oder abspielen können. Aber auf das Lesenkönnen kommt es ja wie bei alten Büchern erst in zweiter Linie an, so besteht also die Gefahr, dass gleich neben dem Stabat Mater von Pergolesi eine CD von Michael Jackson stünde – egal – Hauptsache es ist alt!
Doch allen Ernstes: Wie liest man später alte vergilbte CD’s oder wichtiger – unsere heutigen digitalisierten Daten von Büchern, Bildern und Dokumenten? Während meiner pharmazeutischen Forschungstätigkeit waren vergleichbare Probleme Anlass unzähliger Projektsitzungen. Einerseits müssen alle für ein pharmazeutisches Präparat relevanten Versuchsergebnisse 30 Jahre lang aufgehoben werden, das entspricht für ein einziges Präparat entweder einem Zimmer prall gefüllt mit Papier-Ordnern, andererseits wurde von der WHO (Weltgesundheits Organsisation) vorgeschlagen, alles digital zu speichern. Wie dies im Endeffekt aussehen könnte, wurde nicht empfohlen – daran denken weltweit dominierende große Organisationen nicht.
Allein in den ersten 20 Jahren nach Einführung des Computers haben sich sowohl Hardware, als auch Softwares ständig so verändert, dass es meist billiger war mit neuen Datenbanken – sozusagen vom Punkt Null neu anzufangen und die alten Datenbanken zu vernichten, ohne deren Daten zu übernehmen (eine Konkurrenzfirma konnte die ersten Versionen ihrer selbst programmierten Datenbank schon nach 10 Jahren nicht mehr lesen). Für die 30-jährige Aufbewahrungspflicht bei Zulassungspräparaten, sah die Situation problematisch aus. Wir hatten zwei Möglichkeiten in unseren Projektsitzungen erarbeitet:
1. Neues Personal einzustellen das dafür verantwortlich ist, alle digitalisierten Daten jeweils so an neue Rechner, neue Programmiersprachen und neue Datenbanken anzupassen, dass eine Art fliegender Wechsel von einem Datenträger auf den nächsten (validiert) gesichert war.
2. Ein vollständiges Equipment, bestehend aus Großrechner, Druckern, sowie allem erforderlichen Zubehör in einem Hochsicherheitstrakt zu versperren, der dreißig Jahre lang nur bei absolutem Bedarf geöffnet werden durfte. Das klingt für unsere Zeit lächerlich – digitalisiert ist digitalisiert, aber hat jemand schon einmal versucht, alte hervorragende DOS-Datenbanken wie LARS oder ChemBase auf einem modernen Rechner zu öffnen? Bei vielen dieser Datenbanken mussten bei jeder neuen DOS-Version (und die gab es jährlich) Veränderungen in zwei wesentlichen Files durchgeführt werden.
Anm.: Datenbanken wie LARS oder ChemBase waren den heutigen Microsoft-Access Datenbanken insofern überlegen, als sie Ausgabe-orientierter und daher für Recherchen besser geeignet waren (das für chemische Daten konzipierte ChemBase konnte leicht in eine Foto, oder CD-Datenbank umfunktioniert werden, in der über Keywords ein schnellerer Zugang zu einem bestimmten Bildinhalt oder einer Musikaufnahme möglich war, als mit den heute üblichen Tools. Excel hat sich in den bisherigen Microsoft Programmen fast nur verschlechtert – kompliziertere Rechenarbeiten in Excel waren bald nur noch durch die Beherrschung der Programmiersprache Visual Basic möglich. Der Autor musste sich anfänglich noch mit Fortran und Cobol bemühen, um seine analytischen Daten einem Großrechner „schmackhaft“ zu machen. Dann kam die berühmte VAX von Digital Equipment (DEC) mit ihrem VMS Betriebssystem. Die Firma wurde 1998 an Compac und 2002 an Hewlett Packard verkauft – die letzten noch funktionstüchtigen VAX Rechner sind in den meisten Firmen heute durch andere Rechner ersetzt worden und so geht es weiter – jede neue Rechnergeneration hat ein neues Betriebssystem mit neuen Programmiersprachen. Wenn solche Veränderungen allein in den letzten 10 Jahren zu beobachten sind, was wird in 400 – 500 Jahren sein ???
In meiner Firma hatten wir uns für die erste Lösung entschieden – auch derartige Personalkosten sind in Arzneimittelpreisen enthalten.
FACIT:
Wir dürfen uns darüber freuen, dass wir in wenigen Jahren Zugang zu fast allen geschriebenen, gemalten und gedruckten Dokumenten haben. Die Daten sind dann über die ganze Welt verteilt – ein Abbrennen der Bibliothek von Alexandria (je nach Angaben 48 v. Chr. durch die Invasion Caesars oder erst 300 n. Chr. durch Kaiser Aurelian) würde im Augenblick zu keinem Totalverlust der digitalisierten Daten führen – wie zugänglich diese digitalisierten Daten in einigen Jahrhunderten sein werden, bleibt offen. Vielleicht wird ein Quantencomputer auf die Eingabe „Google“ schon in 50 Jahren antworten: What is Google? (meinten Sie Guglhupf?) – so, wie Google heute bezüglich „LARS“ nur zwei Antworten bereit hält: 1) Error File und 2) eine Beschreibung der Version 5.06 von 1997, die heute nirgends mehr läuft.
Vielleicht wird es später hunderte von Jahren (wie zur Entzifferung der zahlreichen alten Keilschriften) brauchen, um die heute gebräuchlichen Programmiersprachen zu entschlüsseln?
Die Gutenberg-Bibel ist jedenfalls heute noch lesbar!
(Alfred Rhomberg)
am 02.08.2009 00:35










