
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - „Dasein ist Seiendes, dem es in seinem Sein um sein Sein geht“ – aus der Biographie des Halbseins A.R..
Bildquelle: Foto eines freiverkäuflichen Buches - A. Rhomberg
ich kann nichts dafür, dass Martin Heidegger unser Dasein so beschrieben hat (obwohl der Satz logisch richtig ist) – ich hätte mein Dasein einfacher beschrieben, aber vermutlich hat mich Heidegger gar nicht gemeint – er kann mich nicht gemeint haben, denn ich habe ihn nur ein einziges mal gesehen und bin ihm dabei nicht vorgestellt worden. Als Assistent der Philosophischen Fakultät Innsbruck hatte das „Sein“ einmal anlässlich eines Gastvortrages zu uns gesprochen – aber ich war ein Nichts, dem eigentlich gar kein Dasein zugestanden hätte. Ich weiß nicht, ob es mir heute zusteht, ich habe es mir einfach genommen.
Obwohl ich mich redlich bemüht hatte, seine Schlüsselwerke in den berühmten „Holzwegen“ nachvollziehen zu können, gelang mir das früher nicht und glaube auch nicht, dass mir dies heute gelingen würde. Zugegeben, jedes Fach hat seine Fachsprache und obwohl der Dekan der philosophischen Fakultät, damals anlässlich meiner Promotion beim Verlesen meiner Doktorarbeit dreimal ansetzen musste, um den etwas schwierigen chemischen Titel vom Blatt abzulesen, besteht doch ein gewisser Unterschied zwischen Fachsprachen: jeder normal ausgebildete Chemiker könnte den Titel meiner Dissertation verstehen, ich habe dagegen kaum Philosophen getroffen, welche die Fachsprache Heideggers wirklich verstanden haben. Und warum verstehe ich eigentlich Platon? Soviel hat sich in der Philosophie, in der es eigentlich nur um einige wenige Grundfragen geht doch bis heute nicht geändert, als dass man das, was man auch heute noch nicht erklären kann, so kompliziert ausdrücken muss wie Heidegger.
Platon und sein Schüler Aristoteles haben es sich dagegen leicht gemacht und das „Staunen“ als Basis jeden Philosophierens betrachtet – ich bin nicht sicher, dass Heidegger viel gestaunt hatte – ich dagegen hatte in meinem Beruf eigentlich ziemlich oft gestaunt aber das Staunen eines Nichts ist nicht gleichwertig mit dem Staunen eines Seins.
Ich gebe zu, während meines Studiums der Chemie auch nur während 6 Semester Vorlesungen über Psychologie und Philosophie gehört zu haben und auch das vorgeschriebene Abschlussrigorosum („Philosophicum“) war nur einstündig, da kann aus einem Nichts auch kein wirkliches Sein – allenfalls ein Halbsein – werden. Dieses Halbsein wurde später durch die Polizeidirektion Innsbruck allerdings insofern aufgewertet, als ich bei meinem Berufswechsel nach Deutschland meinen Pass auf einen nach dem damaligen österreichischen Recht gültigen Stand bringen musste und der Dr. Titel (genau gesagt Dr. phil.) als Namensbestandteil eine amtlich nachzutragende Pflicht war und ich nicht namensbestandteillos nach Deutschland reisen durfte. Die Frage, was Dr. phil. bedeute musste bei dieser Amtshandlung näher erklärt werden und so wurde dann aus amtlicher Verlegenheit in meinen Pass die Berufsbezeichnung „Philosoph“ eingetragen, obwohl ich nicht einmal die Holzwege Heideggers verstanden hatte. Diese Berufseintragung führte in Deutschland zu einigen Episoden meines Halbseins. Eine davon war, dass anlässlich der Einschulung meiner Kinder auch der Beruf des Vaters mit Reisepass belegt werden musste, sodass ich zumindest während der Schulzeit meiner Kinder als Philosoph vom Halbsein zum wahrhaften Sein avancieren durfte. Außerdem war speziell in Mannheim der „Dr.“Titel sowieso hinterfragungsbedürftig, weil es durch die Nähe zur BASF im benachbarten Ludwigshafen und der dort arbeitenden großen Anzahl promovierter Chemiker häufig zu Unklarheiten kam. Obwohl ich nicht bei der BASF arbeitete, wurde ich doch gelegentlich gefragt, „Sinne Sie nu ä richtscher Doktor oder eener von de BASF?“ (es ist leider noch kein Wörterbuch „Mannemerisch-Deutsch“ verfügbar). Gut – solche Fragen kann man leicht klären, selbst wenn man nicht mannemerisch beherrscht. Schwieriger wurde die Situation, als ich in der Pharmaindustrie später Papiere für die amerikanische Zulassung eines Medikamentes wahrheitsgemäß mit Werdegang, Titel und sonstigen persönlichen Daten übergeben musste, um die Glaubhaftigkeit meiner Arbeiten zu rechtfertigen. Dr. phil. war nicht erlaubt (weil nicht glaubwürdig genug), die Bezeichnung Dr. rer. nat. oder Dr. Ing. (bei deutschen Chemikern, die ihr Studium nicht an einer Universität, sondern an einer Hochschule absolviert hatten) wäre zwar glaubwürdig gewesen, stand mir aber nicht zu und wäre infolgedessen nicht wahrheitsgemäß, weil nicht durch ein Passdokument, belegbar gewesen. Der Königsweg war damals: „promovierter Chemiker, mit zusätzlichem Philosophiestudium“ (gut, dass ich nicht auch ein paar Semester über „hurritische Sprachen belegt hatte, was ich zwar vorhatte, aber nicht in die Tat umgesetzte, als ich erfuhr, dass es sich dabei um eine bereits 1200 Jahre v. Chr. ausgestorbene Sprache handelte und mir daher für meine weitere Karriere nicht erforderlich erschien).
FACIT: die Vollendung des unendlichen Bolognaprozesses zur Angleichung europäischer Studiensysteme und Titel würde vieles erleichtern, sofern er jemals beendet würde, was zumindest bis 2010 eigentlich vorgeschrieben wäre, sich jedoch nicht so einfach vom grünen (oder ovalen) Tisch bestimmen lässt.
P.S. Richtig geschadet haben mir 5-6 Semester Philosophiestudium Gott sei Dank nicht, sonst wäre ich statt eines Halbseins heute vielleicht nur ein Viertelsein oder gar ein Nichtsein – was mir andererseits aber vermutlich die “Daseinsfrage” erspart hätte.
(Alfred Rhomberg)
am 30.05.2008 13:12
(1) Kommentare zum Beitrag "„Dasein ist Seiendes, dem es in seinem Sein um sein Sein geht“ – aus der Biographie des Halbseins A.R.."
RE: „Dasein ist Seiendes, dem es in seinem Sein um sein Sein geht“ – aus der Biographie des Halbseins A.R..
Meister Rhomberg!
Darf ich Ihnen zukommen lassen, dass Sie für sich selbst nur ein Halbsein darstellen, für mich und die Idee des Startblatts aber wohl gern von Beruf Philosoph seien, also eher ganz als gar nicht!
Und die Daseinsfrage stellt sich sowieso. Auch einem nichtbetitelten Nichtsein wie mich. Arroganterweise hoffe und glaube ich, diese Frage stellt sich einem jeden, spätestens zum Schluss. Sonst hätte all mein Gedankengang gar keinen Sinn, aber die Hoffnung stürbe ja zuletzt…
geschrieben von iskarioth am 01.06.2008 13:53
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Meister Rhomberg! Darf ich Ihnen zukommen lassen, dass Sie für sich selbst nur ein Halbsein darstellen, für mich und die Idee des Startblatts aber wohl gern von Beruf Philosoph seien, also eher ganz als gar nicht! Und die Daseinsfrage stellt sich sowieso. Auch einem nichtbetitelten Nichtsein wie mich. Arroganterweise hoffe und glaube ich, diese Frage stellt sich einem jeden, spätestens zum Schluss. Sonst hätte all mein Gedankengang gar keinen Sinn, aber die Hoffnung stürbe ja zuletzt…
