
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe: Die Ambivalenz des Spiels
Bildquelle: Alfred Rhomberg - Acrylbild "Spiel"
Wer die derzeitigen Strategiespiele zur Etablierung regierungsfähiger Koalitionen (in Hamburg, Hessen und natürlich den USA) verfolgt, wird feststellen, dass es sich dabei um echte „Spiele“ handelt, auf die ich jedoch erst am Ende dieses Beitrages etwas näher eingehen möchte.
Zuvor: ich habe mich fast mein ganzes Leben mit dem Begriff des „Spielens“ auseinandergesetzt, weil sowohl experimentelle Naturwissenschaften, als auch jede künstlerische Tätigkeit den Drang zum Spielen mehr oder weniger voraussetzen. Dies gilt vermutlich auch für Geisteswissenschaften, wie Philosophie oder Mathematik, die trotz ihres scheinbar innewohnenden Ernstes letztlich Produkte des offenbar angeborenen, aber nicht bei allen Menschen gleich ausgeprägten Spieltriebs sind. Auch das Schreiben eines Romans, ebenso wie jede andere schriftstellerische Tätigkeit sind – abgesehen von einer gewissen selbsttherapeutischen Komponente – ohne spielerische Neugierde im Umgang mit Worten oder Personenschicksalen, kaum denkbar. In der Literatur gibt es unendlich viele Beispiele, in denen „das Spiel“ unübersehbar ist (u.a. in den „Palmström“-Gedichten von Christian Morgenstern) – in der modernen Lyrik ist das Spiel mit Worten neben dem Spiel mit Emotionen sogar eine ganz selbstverständliche Voraussetzung. Das gleiche galt wohl immer auch für die bildenden Künste, was aber vielleicht erst durch die Dada-Bewegung (dada = Steckenpferd) besonders ins allgemeine Bewusstsein gerückt wurde. Von Nietzsche stammt der Satz: „In jedem echten Manne ist ein Kind versteckt und das will spielen“ – Nietzsche müsste diesen Satz heute wohl zu Recht erweitern, in dem er dies auch für Frauen gelten lässt.
Wenn ich oben „auseinandergesetzt“ sagte, meine ich damit nicht nur, dass das „Spiel“ für mich auch heute noch zu den reizvollsten Tätigkeiten gehört, sondern, dass ich mir auch der Ambivalenz des Spielbegriffes besonders bewusst bin. Ambivalent ist der Spieltrieb deswegen, weil er einerseits die Freiheit bedeutet, gewisse Regeln zu durchbrechen, andererseits aber im Aufstellen von „Spielregeln“ oft gerade das Gegenteil fordert. Friedrich Schiller hat den berühmt gewordenen Satz geprägt, dass der Mensch nur „da ganz Mensch ist, wo er spielt…“(s. Anm.) und von Schiller stammt auch der Ansatz, dass der Mensch durch das Spiel die Möglichkeit hat, der „Mechanisierung des Lebensvollzuges“ zu entrinnen.
Anm.: Eine Eigenart der vergangenen Jahrhunderte war, dass der „Mensch“ allzu sehr im Zentrum aller Überlegungen stand. Heute beweist die Verhaltensforschung, dass Tiere oft sehr ähnliche Verhaltensweisen haben wie Menschen. Dies gilt natürlich auch für den „Spieltrieb“. Nicht nur die offenkundige Freude von Hunden und Katzen am „Spielen“ beweisen das, auch Beobachtungen an Eichhörnchen, Vögeln und anderen Tieren legen nahe, dass der Spieltrieb offenbar ein elementarer Trieb ist. Wie weit Tiere in der Lage sind, über ihre Verhaltensweisen „nachzudenken“ ist allerdings ein noch völlig offenes Terrain – ich bin mir jedoch sicher, dass auch Tiere nicht nur agieren und reagieren, sondern sogar „Gedanken austauschen“ – man braucht nur dem Gesang von Amseln zuzuhören, die außer „lebensnotwendigen“ Lauten am frühen Abend (sozusagen in ihrer „Freizeit“), ständig variierende Tonsequenzen nach Art eines „Frage und Antwortspiels“ erkennen lassen.
Auf der anderen Seite steht die Tatsache, dass (wie bereits angedeutet) beim Spiel vielfach besondere Spielregeln festgelegt werden. Dies kennt man nicht nur von den strengen Regeln des Schachspiels, von Bridge und fast allen Würfel- und Brettspielen, sondern wird auch durch die Tatsache untermauert, dass es bisher 8 (!) Wirtschafts-Nobelpreisträger im Zusammenhang mit der Spieltheorie gibt (obwohl Wirtschaftsnobelpreise erst seit 1969 verliehen werden). Es würde hier zu weit führen, näher darauf einzugehen, warum die Spieltheorie mit ihren mathematischen Modellen eine so große Bedeutung für die moderne Wirtschaftstheorie hat. Vielfach handelt es sich um mathematische Optionen, bei denen z.B. untersucht wird, welchen sequentiellen Ablauf das Spiel bei einer exakt definierten Zahl an Spielern, z.B. Firmen und der „Handlungsoptionen“ hinsichtlich ihrer „Angebotsmenge“ haben.
Wie oben bereits angesprochen, sind auch im Vorfeld von Regierungsverhandlungen und vor Wahlen, viele Äußerungen von Politikern als strategische „Spiele“ zu deuten, wenn z.B. (wie derzeit in Hamburg) von der CDU den Grünen besondere Avancen gemacht werden. Abgesehen davon, dass die Kombination “Schwarz-Grün” eine durchaus reizvolle Variante für die deutsche (oder österreichische) Bundespolitik wäre, wird durch solche Avancen ganz gezielt damit gespielt, die sozialistische Partei für eine mögliche große Koalition insofern zu schwächen, als sie bei Regierungsverhandlungen dadurch größere Zugeständnisse machen müsste. Im Falle von Hamburg ist dies ein Spiel ohne besondere Gefahren, nicht immer ist dies der Fall – die Gefahr, ein Spiel zu verlieren ist fast immer gegeben (Schach, Kartenspiele, Politik, Börse) und besonders dann, wenn Spiel zur „Sucht“ ausartet. Die Suchtgefahr ist nicht nur bei Glücksspielen, sondern generell eine in fast allen Bereichen des modernen Lebens zunehmende Gefahr (partnerschaftliche Beziehungen, Geschäftsbeziehungen, Börse und eben auch beim Regierungspoker).
In meinem wissenschaftlichen Beruf und bei meinen freiberuflichen Hobbies spiele ich fast täglich mit oft sehr unterschiedlichen Möglichkeiten, wobei ich mir immer der Gefahr bewusst bin, auch gelegentlich „über das Ziel hinaus zu schießen“. Hier kommt wieder die dem Spiel anscheinend innewohnende Ambivalenz zwischen freier Gestaltung und bestimmten Regeln zur Geltung, wobei für mich gerade in der Gratwanderung zwischen beidem der eigentliche Reiz (auch hinsichtlich der eigenen Kritikfähigkeit) besteht. Nicht alles gelingt – was man leider häufig erst an der Reaktion der anderen merkt!
Anm.: Das diesem Beitrag vorausgestellte Acrylbild ist eine solche Gratwanderung, weil mir hier der Spieltrieb, gegenüber jedem kunsthistorisch begründeten Verständnis „durchgegangen ist“ – wer meine Bilder kennt, weiß, dass dies vermutlich ein Einzelfall bleiben wird – und trotzdem stehe ich dazu!(Alfred Rhomberg – Februar 2008)
