
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Die Konstruktion heiler Welten
Bildquelle: Konstruktionsskizze eines alten Bauernstuhls - PC-Grafik A. Rhomberg
Heile Welten hat es – außer in einer gelungenen Kindheit – wohl nie gegeben. Liebevolle, wohlmeinende Eltern schufen für ihre Kinder eine künstliche Welt mit Puppenstuben, Märchen, Bären und lustigen Bilderbüchern, wie sie sich selbst eine heile Welt gerne vorgestellt hätten oder wie sie diese – im Glücksfall – auch aus ihrem eigenen Elternhaus kannten. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts war es dann (anfangs nur in Deutschland, später fast überall) mit solchen künstlichen Welten vorbei. Kinder sollten bereits früh an die reale Welt gewöhnt werden, wobei junge Eltern die falsch verstandene antiautoritäre Erziehung als ein geeignetes Werkzeug betrachteten, ihre Kinder eben durch diese Erziehung, ganz automatisch in eine bessere und später wesentlich heilere Welt zu führen. Eine Welt muss ja besser werden, wenn man Kinder als gleichberechtigte Partner betrachtet, sie niemals anlügt, alles kauft, was sie sich wünschen, ihnen alles durchgehen lässt und vor jeder Art von „Stress“ schützt. Leistung durfte der zarten Kinderpsyche nur schonend abverlangt werden, wenn dies ohne Arbeit geschah. Dass Leistung – wie in der Physik – ein Quotient aus Arbeit und der dafür aufgebrachten Zeit bedeutet, wurde den Kindern nicht beigebracht. Es wurde also eine neue künstliche heile Welt geschaffen, nur mit dem Nachteil, dass im Gegensatz zur erstgenannten, ein langsames Hinübergleiten in die Realität des Lebens nicht mehr möglich ist, ohne darunter erheblich zu leiden. Schulen und Hochschulen wurden und werden zunehmend als Stress empfunden. Der Grundsatz jeder antiautoritären Erziehung, liebevoll und ohne Ellenbogentechnik miteinander umzugehen, funktionierte plötzlich nicht mehr und auch die Eltern, die von ihren neuen Erziehungsmethoden so überzeugt waren, dass sie diese Welt gleich mitlebten, litten und leiden jetzt mit ihren Kindern unter den Folgen dieser neuen Welt und ihren sattsam bekannten Begleiterscheinungen wie Unzufriedenheit, Beziehungslosigkeit und Stress. Wen kann man heute dafür verantwortlich machen? Irgendwelche Schuldige muss es doch geben? Vorläufig hat man ein paar Schuldige gefunden, nachdem das Feindbild zu autoritärer Eltern und Lehrer nicht mehr existiert: Globalisierung, Kapitalismus, die USA, die Ausländer, die Medien, die Politiker und überhaupt alle anderen.
In den erwähnten 80er Jahren machte ich viele Wanderungen mit meiner Familie in den Mittelgebirgs- und Gebirgslandschaften Südtirols. Ich fand – aus der industrialisierten Welt Deutschlands kommend, immer wieder Bergbauernhöfe, idyllische Almen und sogar vereinzelt Backöfen im Freien, in denen noch Brot gebacken wurde. Mehr als einmal bin ich der Versuchung erlegen, diese Landschaften als heile Welten zu betrachten – solange, bis ich die Bergbauernfamilien mit Sensen in den steilen Hängen und ihre Kinder, die das Gras zusammenbündelten, sah. Das waren keine künstlichen Welten, sondern Welten, in denen der Quotient aus Arbeit und der dafür aufgebrachten Zeit noch galt. Richtig heil waren auch diese Welten nicht, sonst gäbe es heute die zu Berghotels umgebauten ehemaligen Bauernhöfe mit Wellnessbereich und möglichst ohne Kuhstall, nicht. Wieder wurden künstliche Welten geschaffen …und wenn sie nicht gestorben sind dann schaffen sie noch heute.
(Alfred Rhomberg)
