
Weblog von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe: Die Kraft der Bilder ?
Bildquelle: Alfred Rhomberg: Fotograf fotografiert Fotografen
Startblatt-Redakteure benützen zum Teil ganz ausgezeichnete Blog-Grafiken bzw. Bilder, oft bessere Bilder als die vielen online Ausgaben guter Zeitungen. Ich versuche, mich diesen Ansprüchen anzupassen, was manchmal gut oder weniger gut gelingt. Ich würde dieses Thema hier nicht publizieren, wenn ich nicht mit eigenen Gedanken und Erfahrungen dazu beitragen könnte.
1. Die Kraft von Bildern war mir immer bewusst, einer Erfahrung, der ich auch in einem fast fertiggestellten Buch über Kreativitätstrainig deswegen einen besonders großen Raum eingeräumt habe (ich hatte in Startblatt bereits zwei gekürzte Kapitel zum Thema der Visualisierung publiziert).
2. Als freiberuflicher Künstler, der sich auch während seiner Berufszeit in der Industrie und durch sein Interesse an Werbung mit diesem Thema beschäftigt hat, habe ich u.a. die Erfahrung gemacht, dass es einen sehr großen Unterschied bedeutet, für welchen Verwendungszweck die Kraft von Bildern eingesetzt wird. Dies ist zwar eine reichlich triviale Feststellung, die Analyse dieser Unterschiede führte jedoch – zumindest bei mir – zu neuen Erfahrungen, die für mich nicht trivial sind und die ich daher stets weiter ausbaue.
Ein „künstlerisches“ Bild (Grafik, Aquarell, Ölgemälde etc.) entsteht nach zwei Produktionsmustern: A) der Künstler hat eine thematisch feste Vorstellung, für die es bei der Ausführung nur darum geht, diese Vorstellung mittels seiner technischen Fertigkeiten optimal so zu gestalten, dass ein Betrachter die Vorstellung nachvollziehen kann. B) der Künstler hat zunächst noch keine feste Vorstellung, er sieht eine weiße Leinwand, nimmt Farben und während der ersten Pinselstriche entwicklt sich ein emotioneller Prozess im Hirn des Künstlers, der sich zunehmend aufbaut und schließlich zu einem Endresultat führt. Auch beim Betrachter gibt es zwei Möglichkeiten der Betrachtungsweise, entweder die Perzeption, also nicht nur das subjektive Produkt eines Wahrnehmungsvorgangs, sondern auch der diesem zugrundeliegenden neurophysiologische Prozess der Sinneswahrnehmung, die auch beim Künstler (wenn auch nicht in gleicher Form) mitgewirkt hat. Nicht „in gleicher Form“ bedeutet, dass der Künstler vermutlich andere gespeicherte Sinneseindrücke als der Betrachter hat. Oder aber dem Betrachter gefällt ein Bild auf Anhieb, ohne dass er sagen könnte warum. Im letzteren Fall wird ihm auch kein „warum“ einfallen, wenn er das Bild über längere Zeit betrachtet, vielleicht, weil das Bild nicht die beabsichtigte Emotion auslöst, vielleich aber auch aus mangelnder Sensibilität oder Unwissenheit.
3. Ein gutes Blog-Bild kann Emotionen auslösen, muss dies aber nicht – wesentlich ist, dass es Aufmerksamkeit erregt – es ist eher eine Werbebotschaft. Ein „Künstler“ muss diesen Unterschied erst lernen. Zwar fällt ihm die ästhetische – oder provozierende Gestaltung eines Bildes nicht schwer, die Werbebotschaft steht beim Künstler weniger im Vordergrund – paradoxerweise am ehesten bei renommierten Künstlern, die durch ihren Ausdrucksstil bereits einen Bekanntheitsgrad haben, den sie bei weiteren Bildern werbewirksam anwenden (dies kann leider selbst bei bekannten Künstlern zu einem Kreativitätsverlust führen).
4. Der Unterschied zwischen einem künstlerischen Bild und einer guten Blog-Grafik verhält sich etwa so, wie ein guter Roman zu einem guten Werbeslogan (ein wirklich guter Werbeslogan verlangt oft mehr Kreativität als ein Roman – er muss in wenigen Sekunden eine Information liefern, für die der Romancier 800 Seiten aufwenden darf).
5. Die Wirkung eines guten Blog-Bildes kann reziprok sein. In einigen Fällen, bin ich beim Durchblättern aller meiner im PC gespeicherten Fotos, Computergrafiken oder der Fotografien meiner Gemälde plötzlich bei einem Bild hängen geblieben, wobei dieses Bild innerhalb einer Sekunde eine Story, ein Essay oder eine Vorform einer lyrischen Gedankenkette auslösen kann. Die textliche Realisierung ist – mit Ausnahme bei Gedankenlyrik – dann ein sehr schneller Prozess, weil ich das Schreiben von Texten gewohnt bin und weil die moderne Textverarbeitung, im Gegensatz zu früheren Schulaufsätzen, die Veränderung des Aufbaues beim Schreiben eines Textes sehr vereinfacht. Umgekehrt suggeriert ein bereits vorliegender Text beim Wiederlesen oft bestimmte Bilder die als mögliches Blogbild geeignet erscheinen. Ich suche dann entweder in meiner Sammlung nach direkt verwertbaren Bildern, die gegebenenfalls etwas grafisch verändert werden müssen oder ich entwerfe ein einfaches neues Blogbild mit einem Grafikprogramm aufgrund der Suggestion der Thematik.
6. Bei der engeren Auswahl von Blogbildern, verwende ich oft zwei unterschiedliche Methoden (es gibt sicher viele andere und bessere). Entweder ich überhöhe den Inhalt des Textes durch ein Bild, oder ich relativiere ihn. Einen dritten Weg verwende ich, wenn die Skurrilität des Textes ein etwas skurrileres Bild zulässt. Wie ich mich letztlich entscheide, hängt vom Text und meiner augenblicklichen Stimmung ab. Meist versuche ich jedoch den Inhalt eines Textes ganz bewusst zu relativieren oder zu überhöhen. Dazu ein paar Beispiele – selbst wenn sie nicht immer zu den besten gehören mögen:
Im Beitrag „Gedanken über Gedachtes“ v. 15.02.2008 habe ich zum Mittel der „Überhöhung“ durch eine meiner Computergrafiken gegriffen, die ich dem speziellen Thema entsprechend aus einer ursprünglichen Skizze des menschlichen Gehirns durch grafische Mittel (Einfärbungen, Verschiebung und Verformung von Arealen und nicht zuletzt durch ein großes Fragezeichen) so umgeformt hatte, dass sie dem zwar ernst gemeinten, aber doch etwas skurrilen Thema gerecht wurde. Bei einem meiner letzten Beiträge, „Zeitgeist ist die Unterwerfung der eigenen Individualität – Gedankenlyrik“ v. 11.04.2008 boten sich zwei Möglichkeiten an: ich hätte genügend Bilder unserer Zeit in meiner Sammlung gehabt, die den Begriff „Zeitgeist“ deutlich überhöht hätten, ich habe jedoch ganz bewusst die Fotografie eines wasserspeienden „sehr barocken“ Bronzereliefs in Schloss Ambras (bei Innsbruck) verwendet, weil auch die Zeit des Barocks ein typischer „Zeitgeist“ war und zusätzlich – was natürlich die wenigsten wissen können, sich gerade in Schloss Ambras, unter anderen Kunstsammlungen, eine Sammlung barocker „Skurrilitäten“ befindet. Ich fand die Zusammenstellung dreier meiner kleinen gedanklichen Experimente für zeittypisch genug, als dass sie nicht eine Relativierung vertragen hätten. Ein ganz anderes Beispiel ist das Blogbild „Aspirin“ aus der Reihe meines zweiten Themen-Blogs über Gentechnologie, Stammzellentherapie und innovative Pharmaforschung „War die Erfindung des Aspirins innovativ….? v. 13.04.2008“ Ich wollte einen Beitrag zu diesem Thema schreiben und dabei im Gegensatz zu einer modernen, wirklich innovativen Arzneimittelklasse der ACE-Hemmer, einen etwas relativierenden Beitrag zum Thema Innovation formulieren, wusste aber noch nicht, an welchem Beispiel ich den Text „aufhängen“ wollte. Bei Durchsicht meiner Bildersammlung stieß ich auf ein – für einen Chemiker – ausgesprochen ästhetisches Kalottenmodell der Acetylsalicylsäuere (Aspirin) aus Wikipedia und sofort entstand der dazugehörige Text innerhalb einer Stunde. Das war deswegen möglich, weil ich sowohl die Thematik über innovative Forschung, als auch über die Geschichte des Aspirins bereits im Kopf hatte.
Anm.: Ein Kalottenmodell ist die Zusammenfügung von Atomen aus einem Baukasten, bei dem die Atome verschiedene Farben haben und bei dem die Größe der Bausteine der relativen Größe der einzelnen Atome zueinander entsprechen. Es gibt auch andere Baukastensysteme, die die Vorstellungskraft längst nicht so unterstützen, wie Kalottenmodelle (s.a.“Visualisierung“).
6. Zum Schluss verrate ich noch ein analytisches Verfahren über den Erfolg eines Blogbildes (oder des Textes ? – I really don’t know). Sobald ich einen Text mit einem aus meiner Sicht guten Blogbild in startblatt eingespeist habe, schnellt die Zugriffszahl innerhalb einer Stunde sehr schnell nach oben – eine ganz besonders geeignetes Mittel der startblatt-administration, „qualitative Marktforschung“ zu betreiben. Wer dieses Mittel nützt erzieht sich selbst!
P.S. Ob das hier verwendete Blogbild gut oder weniger gut zum Text passt, kann ich aufgrund der noch nicht vorhandenen „Marktanalyse“ nicht beantworten – „beide“ Fotografen hatten sich jedenfalls bemüht, ein gutes Bild zu schießen.
(Alfred Rhomberg)



