
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Die leidigen Zinsen...
Bildquelle: Das Hochhaus der Europäischen Zentralbank "Eurotower", Wikipedia - free of copyrights
Als langjähriger freischaffender Publizist für wissenschaftliche und nationalökonomische Fachgebiete werde ich in letzter Zeit immer häufiger gefragt, warum Kredit- bzw. Sollzinsen derzeit immer teurer werden, obwohl die Europäische Zentralbank (EZB), die Leitzinsen letzte Woche nicht erhöht, sondern sogar angedeutet hat, dass mit Zinssenkungen (vielleicht sogar noch in diesem Jahr) zu rechnen ist. Wie passt das zusammen? Die Antwort ist einfach:
Leitzinsen und Kreditzinsen sind nicht identisch
Unter Leitzins versteht man den von der Zentralbanken zur Steuerung der Geldpolitik festgelegten Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken bei einer Zentral- oder Notenbank (gegen bestimmte Sicherheiten) Zentralbankgeld beschaffen können, Geld das Banken grundsätzlich von Zeit zu Zeit benötigen, um bestimmte Geschäfte wie z.B. die Vergabe von Krediten, überhaupt durchführen zu können. Aufgabe der Zentralbanken ist es bei ihren Entscheidungen insbesondere die Inflation im Auge zu haben. Nachdem die Inflation in ganz Europa derzeit (wenn auch in einzelnen Ländern unterschiedlich) im Steigen begriffen ist, müsste die EZB die Leitzinsen eigentlich erhöhen, um dadurch eine Verknappung des Geldes zu bewirken. Eine weitere Aufgabe einer Zentralbank ist es jedoch, die Wirtschaft durch zu teure Kredite nicht negativ zu beeinflussen, denn die Industrie, ebenso wie Staatshaushalte brauchen Geld und müssen sich dieses Geld möglichst günstig beschaffen. Hier besteht bei der EZB derzeit der Konflikt zwischen zwei Entwicklungen abzuwägen. Niedrigere Leitzinsen können die Inflation fördern, zu hohe Leitzinsen die Wirtschaft dämpfen. Da im Augenblick die Inflation (wie wir alle feststellen) zwar steigt, diese Steigerung jedoch noch nicht übermäßig hoch ist, andererseits jedoch die Gefahr einer Rezession besteht, ist die Absicht der EZB richtig, wenn sie in der näheren Zukunft eher niedrigere Leitzinsen anstrebt, um die Märkte mit Geld zu versorgen – andernfalls würde die Wirtschaft in der jetzigen Situation sicherlich zusammenbrechen.
Kreditzinsen sind die Zinsen, die ein Kunde am Bankschalter für Konsum- oder Hypothekenkredite bezahlen muss. Auch zu hohe Kreditzinsen sind für die Wirtschaft nicht unbedingt förderlich, weil sie den Konsum einschränken, ihre Höhe wird aber durch den Markt bestimmt d.h die Kreditzinsen werden deshalb durch die Konkurrenz der einzelnen Banken untereinander eher in Maß gehalten werden.
Warum werden die Zinsen am Bankschalter derzeit für Konsumentenkredite höher?
Normalerweise wirken sich die Leitzinsen auf Kreditzinsen in dem Sinne aus, dass Konsumkredite bei höheren Leitzinsen steigen bzw. bei niedrigeren Leitzinsen fallen. Dieser Zinsparallelität steht im Augenblick ein wichtiges Faktum gegenüber: den Geschäftsbanken fehlt ganz einfach das erforderliche Geld um Kredite zu vergeben.
Dafür gibt es zwei Ursachen. Ersten wird durch das Auflösen von Sparguthaben durch die Verängstigungskampagnen der Medien den Banken billiges Geld entzogen, denn Sparguthaben sind wegen ihrer niedrigen Verzinsung der Sparguthaben für die Banken „billiges“ Geld. Zweitens ist das Vertrauensverhältnis zwischen den einzelnen Geschäftsbanken durch die Finanzkrise stark beeinträchtigt (in normalen Zeiten leihen sich Banken untereinander gegenseitig Geld zu günstigen Konditionen aus, wenn eine Bank gerade etwas mehr Geld für bestimmte Geschäftsfelder benötigt). Durch das gegenseitige Misstrauen sind auch Banken nicht mehr bereit, sich gegenseitig auszuhelfen, es sei denn, dass sie als Gegenleistung ebenfalls höhere Zinsen dafür erhalten. Da Kredite zusätzlich derzeit wesentlich restriktiver und nur bei gesicherten Einkommensverhältnissen vergeben werden, kommt es derzeit also zu einer generellen Verknappung von Geld.
Hierin liegt die Erklärung für die derzeit beobachtete Erhöhung der Konsum- oder Hypothekenzinsen: Jede Verknappung eines Produktes – und Geld ist ein Produkt wie jedes andere – führt zu einer Verteuerung des Produktes.
Dies wird sich – unabhängig von der Zinspolitik der Notenbanken – erst dann wieder ändern, wenn das Vertrauen der Bevölkerung wieder nachhaltig gestiegen ist. In Europa dauern solche Prozesse meist deutlich länger als bei den wesentlich optimistischeren US-Amerikanern. Es ist daher durchaus zu begrüßen, dass diesmal auch die europäische Politik, ebenso wie die europäische Zentralbank (EZB) das Problem etwas schneller als gewohnt erkannt haben.
Hinweise auf weitere Beiträge, die sich mit der gegenwärtigen Situation beschäftigen, finden Sie im Beitrag:
Wie viel mal am Tag sind österreichische Sparbücher sicher?
(Alfred Rhomberg)
am 08.10.2008 00:59
