
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Die voraussehbare Erdgaskrise - Vergangenheit und politische Hintergründe
Bildquelle: Wikipedia (free of copyrights, etwas bearbeitet) - 20 Staaten besitzen 85% aller Erdöl- und Erdgas Vorkommen
Dass es irgendwann eine Erdgaskrise geben würde, konnte jeder voraussehen. Ich selbst hatte in Deutschland zunächst in einem Grundlagenforschungsinstitut der Royal Dutch Shell Gesellschaft gearbeitet und schon Mitte der Sechzigerjahre alles Wesentliche über die verschiedensten Energiestoffe, die jede industrialisierte Wirtschaft braucht, gelernt. Was man gleichfalls in der Erdölindustrie lernte ist, dass Erdöl und alles was damit zusammen hängt (z.B. das Erdgasgeschäft) ein höchst politisches Geschäft ist.
Aus der Karte des Blogbildes erkennt man, dass es in fast allen Kontinenten der Erde mehr oder weniger große Erdöl und Erdgasvorkommen gibt – mit Ausnahme von Australien und Europa, wo nur Norwegen über immerhin 3 % der Gesamt-Erdölförderung verfügt.
Zur Geschichte: Erdöl kannte man schon vor ca. 1000 Jahren, weil es beim damaligen Bergbau gelegentlich gefunden wurde und da es leichter als Wasser ist, in gefluteten Stollen auftrat. Es wurde als Schmiermittel für Radachsen und Läger verwendet. Die erste industielle Förderung begann in Deutschland (1856, Dithmarschen und nördlich von Hannover. Weltberühmt wurden dann 1859 die von Edwin L.Drake eingeleiteten Bohrungen in Pennsylvania/ USA.
Für Deutschland wurde Erdöl im zweiten Weltkrieg ein ernstes Problem. Zwar hatte Deutschland durch das 1925 patentierte Fischer-Tropschverfahren und das Bergius-Verfahren zur Herstellung von Benzin und anderen Gasen aus den in Deutschland reichlichen Kohle-Vorkommen (Saarland, Ruhrgebiet und Ostdeutschland) eine eigene Benzinversorgung entwickelt (BASF, Mühlheim an der Ruhr, Leuna Werke – siehe Anmerkung), die reichen Vorkommen von Erdöl, Erdgas und anderen Rohstoffen in Russland waren jedoch u.a. ein Argument, den Russlandfeldzug zu beginnen.
Anm.: Die deutschen Leunawerke wurden 1923 gegründet, waren Teil der BASF und bildeten ab 1925 (mit BASF, Bayer und Höchst die sogenannten IG-Farben mit Sitz in Frankfurt am Main, das größte Chemieunternehmen der Welt, neben der ICI in Großbritannien). In den Leunawerken wurde auch der erste Kunststoff durch Polymerisation von Butadien entwickelt, der unter dem Namen BUNA (von Butadien und Natrium als Polymerisationsmittel, Nobelpreise: Ziegler und Natta) Chemiegeschichte machte. Später war die Leuna das größte Chemieunternehmen der damaligen DDR. Die IG-Farben wurden nach Kriegsende aufgelöst und in die kleineren Firmen BASF, Bayer, Hoechst, Leuna u.a. gespalten)
1945 verloren das deutsche Fischer-Tropsch und das Bergius Verfahren an Bedeutung, weil das aus den USA exportierte Erdöl wesentlich billiger als die Produkte der sogenannten Kohle-Verflüssigung war.
Etwa zur gleichen Zeit (1944) wurde von den USA im heutigen Saudi Arabien die ARAMCO gegründet, die damals als größte Erdölgesellschaft der Welt, den vier größten US-Ölgesellschaften gehörte. 1970 wurde die ARAMCO von Saudi Arabien als Saudi-ARAMCO verstaatlicht. 2008 wurde etwa ein Viertel der Saudi-ARAMCO als Rabigh Refining and PetroRabigh abgetrennt und als Tochterunternehmen an die Börse gebracht. Das größte zur Saudi ARAMCO gehörige Erdölfeld der Welt, das Ghawar-Ölfeld dürfte inzwischen sein Fördermaximum erreicht haben, das sind Befürchtungen die jedoch von Saudi Arabien bestritten werden.
Alle Konflikte der USA im nahen Osten sind mehr oder weniger mit den reichen Erdölvorkommen dieser Region verbunden, umsomehr als auch der Iran über riesige Erdölvorräte verfügt (sogar Israel bezieht Erdöl vom Iran). Auch Venezuela hat mit der Verstaatlichung US-amerikanischer Erdölgesellschaften ein neues Kapitel zwischen den politischen Beziehungen zwischen Nord- und Südamerika eingeleitet.
Nach dem zweiten Weltkrieg begannen sich Deutschland und viele europäische Länder (darunter auch Österreich) immer mehr von der damaligen UDSSR abhängig zu machen, in dem die Kohleförderung nach und nach abgebaut wurde und man das für Europa unverzichtbare Erdgas (fast immer Begleitprodukt von Erdölfeldern) zunehmend aus der UDSSR bezog. Man kann über die UDSSR sagen was man will – in zwei Punkten war die UDSSR ein verlässlicher Handelspartner: 1) bei den Erdgas-Lieferungen und 2) bei der Tilgung ihrer Schulden gegenüber dem Westen.
Nach dem Zusammenbruch der UDSSR, der in erster Linie durch die Erkenntnis von Gorbatschow eingeleitet wurde, dass Russland finanziell am Ende war, ist das heutige Russland zwar ein etwas zahnloserer Tiger geworden, desto mehr ist das heutige Russland auf die Erträge aus dem Erdölgeschäft absolut angewiesen. Die Abhängigkeit Europas (aber auch der ehemaligen Teilstaaten der UDSSR) wird nun von Putin politisch ausgenützt. Als Argument werden die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der westorientierten Ukraine, sowie die Abhängigkeit Europas von den russischen Erdgaslieferungen benützt, wobei es für die EU besonders unangenehm ist, dass Russland sein Erdgas auch an das energiehungrige China verkaufen könnte. Derzeit lässt sich weder von Energieexperten, noch von den europäischen Politikern genau beurteilen, ob Russland in Zukunft besser mit Europa oder den asiatischen Staaten fährt. Genau diese Unsicherheit wird von Russland (sprich Putin) derzeit äußerst geschickt ausgenützt. Wie dieser Poker ausgeht, kann derzeit nicht vorausgesagt werden. Vermutlich will Russland sein Image in Europa nicht vollständig verspielen und es wird deshalb wohl bald zu einem Arrangement kommen. Für Putin ist jedoch wichtig, dass er einerseits seiner eigenen Bevölkerung zeigt, dass Russland eine „Weltmacht“ ist, wofür es derzeit wirtschaftlich und auch militärisch keine wirklich stichhaltigen Argumente gibt, und andererseits erreicht, dass die EU Zugeständnisse machen muss – und sei es nur die Zusicherung der EU, dass sie der wirtschaftlich armen Ukraine dadurch hilft, die Differenz der für die Ukraine bisher günstigen Erdgaspreise zu den weltweit höheren gültigen Preisen zu bezahlen.
Ich selbst habe die zunehmende Abhängigkeit Deutschlands von Russland (bzw. der damaligen UDSSR) schon 1965 seit Beginn meiner Arbeit bei Royal Dutch nie verstanden. Ich konnte zwar nachvollziehen, dass der deutsche Kohlebergbau unwirtschaftlich war, aber nicht, dass man nur auf eine einzige Karte setzt. Rückwirkend gesehen, hätte man den Bergbau deutlich einschränken können, statt ganz aufzugeben – eine Vorratshaltung deutscher Kohle (bei Einschränkung des Bergbaus) wäre in Anbetracht der Probleme mit der Endlagerung radioaktiver Abfälle aus Atomkraftwerken jedoch immer wirtschaftlich günstiger gewesen.
In einem früheren Beitrag: Wäre eine Krisenkrise auszuhalten? hatte ich einmal gefragt, was wir ohne Krise täten.
Für Krisennachwuchs wurde jedenfalls in den letzten Tagen gesorgt.
(Alfred Rhomberg)
am 09.01.2009 02:43










