
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Éljen a Magyar (es lebe der Ungar) – das heutige Ungarn
Bildquelle: Müll gibt es überall in der Welt - der mentale, durch das kommunistische Regime noch vorhandene und der neue neonazistische Müll Ungarns müssen in Ungarn dringend entsorgt werden, ebenso wie der zu nationalistisch-konservative Müll (Foto A. Rhomberg
Ich besuchte vor wenigen Tagen ein Land, von dem man weiß, was einen erwartet – und traurigerweise ist alles viel schlimmer! Andere fahren in dieses Land und kommen begeistert zurück, weil sich viele äußere Fassaden der Hauptstadt Budapest dem Bild angepasst haben, das Touristen sehen wollen. Dieses Mal (2009) hatte ich Budapest nicht besucht, sondern Westungarn, wo es in der schönen Landschaft des Plattensees u.a. neu gebaute 4-Sterne-Hotels gibt, die den Charme eines DDR-Ulbricht Plattenbaus haben – Hotels, in denen es einige, gutausgebildete und sehr freundliche Kellner gibt, die aus der Menge der übrigen Kellner des gleichen Hotels herausragen, weil die meisten jene Lahmheit haben, die mich 20 Jahre nach der Wende 1989 noch immer erschüttert. Sie sind jung und haben – wie viele Jugendliche – durch ihre Eltern aus dem kommunistischen Ungarn das herüber „gerettet“, was schon früher unerträglich war. Mindestens so traurig ist, dass rund um solche Plattenbau-Hotels oft künstliche kleine Dörfer mit Wohnanlagen entstanden sind, die von der Entdeckung einer Schwefelquelle profitieren wollten und nun oft leer stehen bzw. bereits zum Verkauf angeboten werden. Die Schwefelquelle gibt es zwar noch immer, aber das verheißungsvolle Konzept von „Wellnesskultur“ stimmt nicht mehr, weil dies ein Konzept ist, das nicht nur in Ungarn – sondern auch bei uns – mit Insolvenzen enden wird, bevor er überhaupt zu einen länger andauernden Boom kommt. Dieser Trend wird überall dann scheitern, wenn die Umwandlung von Traditionshotels zu Wellnesstempeln nur mit hoher Verschuldung möglich ist.
Zurück zu Ungarn: ja – es gibt auch kleine Familienhotels, die dieses Schicksal nicht erleiden werden, weil sie für die heutige Zeit untypisch sind und daher kaum von Reisebüros vermittelt werden. Oft haben sie zu geringe Bettenkapazität und lagern Touristen gelegentlich in Privatquartiere aus, die unseren Mindestansprüchen nicht gerecht werden. Die Besitzer solcher Kleinhotels arbeiten hart. sind überaus freundlich – wie man dies von Ungarn früherer Zeiten kennt. Die Hotels sind geschmackvoll eingerichtet, das Essen ist hervorragend und man würde gerne wiederkommen, wenn man die Absicht hätte, freiwillig andere Unbilden des heutigen Ungarns in Kauf zu nehmen. Größere Städte Westungarns (z.B. Zsombathely) sind erschreckend, so dass man froh ist, in der Martinskirche (der heilige St. Martin wurde in dieser Region um 316 n.Chr. geboren), einen Pfarrer und einen Kreis junger Leute in einer Art Enklave vorzufinden, wie dies zu einer Zeit, als es in Ungarn noch keine derartigen Enklaven gab, üblich war und der Großteil der Bevölkerung diese Liebenswürdigkeit ausstrahlte. Wer die Beschreibung der Stadt in Wikipedia mit den Worten liest, es handele sich um eine Stadt mit europäischen Standard, in welcher der Sozialismus nur wenige Spuren hinterlassen habe, sollte Szombathely (aber auch Györ, Raab) besuchen, um Wunschdenken und Realität zu erkennen – ein Wunschdenken, das letztlich auch für Budapest gilt, wo es allerdings wesentlich besser kaschiert ist – ein Paris des Ostens, wie Budapest früher einmal genannt wurde, ist auch diese Stadt schon lange nicht mehr.
Welche Chancen haben Menschen, wenn sie weiterhin europäischen Standards in ihrer Negativstform nachjagen, Standards, die in unseren Breiten lediglich auf einem etwas höherem Reichtum – ohne andere Werte, allerdings auf etwas mehr Tüchtigkeit beruhen?
Was darf man von einem Land erwarten, das bei uns von Klischées lebt – wobei der Film „Ich denke oft an Piroska“ (Regisseur Kurt Hoffman) mit Ausnahme weniger Operettenszenen kein Klischée ist, sondern ein Ungarn wiederspiegelte, dass ich noch bei meinem ersten Ungarnbesuch 1964 zumindest gedanklich nachempfinden konnte. Damals gab es trotz der Armut des gesamten Landes in der etwas weiteren Umgebung von Budapest noch Dörfer, die nicht so gelitten hatten, wie dies heute durch moderne Supermärkte westlicher Prägung der Fall ist.
Was darf man von einem Land erwarten, das bis vor kurzem noch von einem sozialistischen Milliardär (Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány) regiert wurde, der inzwischen auf äußeren Druck und Druck innerhalb seiner eigenen Partei abgetreten ist. Die zurückbleibenden Gruppen (Sozialisten, Nationalisten und Rechtsradikale) sind kein Fundament für das hochverschuldete Land, um einen baldigen wirtschaftlichen Anschluss an andere EU-Länder zu finden. Die Gehälter sind extrem niedrig, worunter in erster Linie Pensionisten leiden. Die Inflation des Forint ist hoch (ca. 11 % pro Jahr) und während die Burgenländer noch vor ca. 6-8 Jahren in das benachbarte Sopron fuhren um billig einzukaufen, strömt die Bevölkerung von Sopron heute ins Burgenland. Einzig Dienstleistungen (z.B. Autorwerkstätten und Handwerker) sind in Ungarn noch preiswert.
Es soll hier nicht näher auf die blutige Geschichte nach 1945 eingegangen werden – man kann darüber nachlesen – einzig die Frage soll kurz beantwortet werden, warum es Ungarn in den Folgejahren nach dem Ungarnaufstand unter Janos Kádár etwas besser als den anderen sozialistischen Nachbarländern ging – man sprach ja sogar vom „Guylasch-Kommunismus“, den ich in früheren Reisen noch erlebte. Nach 1956 verschuldete sich das Land zunehmend, vermutlich um einem weiteren Aufstand durch etwas bessere Lebensbedingungen entgegen zu wirken. Der Bevölkerung ging es um 1965 und in den Folgejahren tatsächlich besser als der Bevölkerung der DDR oder von Tschechien – diese hohe Verschuldung belastet Ungarn jedoch noch heute.
P.S. (I) Eine ungefähre Vorstellung von der Realität in Budapest bekommt man, wenn man weiß, dass eine Lehrerin umgerechnet ca. 380-400 Euro im Monat verdient, wovon sie etwa 200 Euro für eine Kleinstwohnung bezahlen muss. Ein Internetanschluss kostet ca. 40 Euro, die Lebensmittelpreise steigen laufend und nähern sich immer mehr unseren Preisen an. Ich habe in keiner europäischen Stadt so viele Bettler gesehen wie in Budapest. Das Problem des Rechtsradikalismus, das noch vor ca. 8 Jahren nur ein Protest-Problem einer gegen das sozialistische Regime gerichteten Jugend war, ist heute zu einem ernsten Problem geworden, weil die Anhänger deutlich nationalsozialistisches bzw. „Neo-Nazi“ Gedankentum angenommen haben.
P.S. (II) In Pannonhalma (Westungarn) gab und gibt es ein Benediktinerkloster mit angeschlossenem Gymnasium und Internatsbetrieb. Die Schule wurde im kommunistischen Ungarn bereits 1953 wieder eröffnet, während alle Nonnenklöster – wie praktisch alle Klöster – im kommunistischen Ungarn bis zur Wende geschlossen wurden. Die früheren Absolventen dieser erstklassigen Schule von Pannonhalma haben nach ihrer Flucht überall reüssiert und auch heute gehört die Schule wieder zu den besten Schulen Ungarns. Der Preis für ein halbes Internatsjahr beträgt ca. 1800 Euro (!) – Qualität hat überall ihren Preis, nur bei uns tut man sich mit diesem Gedanken noch immer schwer.
P.S. (III) Nicht die Armut ist das Traurige – sondern, dass Wohnungs- und Geschäftsfenster oft so schmutzig sind, so al gäbe es kein Wasser in Ungarn – es geht dabei ja nicht um die schmutzigen Fenster, sondern um die weiter oben angesprochene mentale Lahmheit als Überbleibsel des kommunistischen Regimes.
Resumée: Schöne Urlaubsfotos kann man auch in Ungarn machen, aber man muss sich etwas mehr anstrengen, obwohl das Land schön ist. Solche Fotos waren jedoch nicht das Ziel meiner Reise – ich hoffte Veränderungen zu sehen, die bisher noch nicht eingetreten sind – oder die man vielleicht nur mit einer stärkeren Lupe sehen kann.
(Alfred Rhomberg)
Anm.: Éljen a Magyar (Es lebe der Ungar) ist eine Komposition von Johann Strauss, op. 332
am 22.06.2009 14:50









