
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Fakten und Visionen – eine zufällig belauschte Diskussion zwischen F und V
Bildquelle: (cc) Wikipedia (free of copy rights) - World Cyber Games in Singapore
Ich muss zugeben, ich war schon lange keinem Faktum mehr begegnet – vielleicht sind Fakten heutzutage insofern benachteiligt, weil Fiktionen bzw. Visionen um so viel realitätsnäher gehandelt werden – fast als wären sie tatsächlich Aussagen, welche die zukünftige Realität darstellen.
Neulich wurde ich trotzdem Zeuge eines Gesprächs zwischen einem Faktum und dem Prototyp einer der immer zahlreicher werdenden Visionen, die uns entweder eine bessere Zukunft oder das Gegenteil verheißen (Fakten sind hierfür definitionsgemäß völlig ungeeignet). Die Gesprächspartner werden einfacheitshalber mit „F“ und „V“ bezeichnet.
F: Hallo V – lange nicht mehr gesehen – gibt es nichts mehr, was unsere trübe Zukunft etwas aufheitern könnte?
V: Du hast leicht reden, eigentlich gibt es dich ja gar nicht!
F: Na hör’ mal – die ganze Welt besteht doch nur aus Fakten! Was sind schon Visionen – sogar der ehemalige deutsche Bundeskanzler Hellmut Schmidt hat einmal gesagt: „wenn Sie Visionen haben, gehen Sie zum Psychiater!“
V: Da machst du dir es aber wirklich etwas zu einfach – nicht einmal, dass gestern der 17.11.2009 war, ist ein Faktum.
F. Wieso? Gestern war doch der 17.11.?
V: Das schon – aber Vergangenes ist nie faktisch – denk nur an Stalin: vor 20 Jahren ein krimineller Diktator und heute wird er von vielen in Russland schon wieder als Volksheld verehrt – das könnte mit Hitler auch irgendwann einmal passieren!
F: Du spinnst! Danach gäbe es ja gar keine geschichtlichen Fakten? Gestern war auf jeden Fall der 17.11.
V: Geschichtlich schon – aber ohne faktischen Inhalt – also das, was Fakten zu Fakten macht!
F: Und Ist unsere Demokratie heute z.B. kein Faktum?
V: In deiner unendliche Einfalt ja, aber denk doch mal nach: Die Demokratie ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz als tragendes Verfassungsprinzip (faktisch) fest verankert. Aber was heißt das schon? Wir wählen eine pastöse Partei aufgrund eines bestimmten gleichfalls pastösen Parteiprogramms. Parteiprogramme sind jedoch niemals Fakten, sondern gehören zum Wunschdenken einer Gruppe von Wahlmanagern, die glauben, dass das Programm bei großen Teilen der Bevölkerung ankommt. Wunschdenken hat mit Visionen nichts zu tun. Schneidet die Partei bei der Wahl miserabel ab, kann sie zwar immer noch als Koalitionspartner mitregieren (z.B. die SPÖ in Österreich), ihre Parteinhalte werden aber innerhalb weniger Tage bei Klausurtagungen so geändert, dass vom ursprünglichen Wahlprogramm fast nichts mehr übrig bleibt. Nach der Wahl ist es mit der Demokratie für 4 bis 5 Jahre (je nach Staat) dann endgültig vorbei, solange bis die gleiche Prozedur bei der nächsten Wahl wieder von vorne beginnt. Demokratie ist also ein Faktum, das vom Sinn her kein Faktum ist.
F: hmm… V holte aber noch weiter aus:
Demokratien im klassischen (griechischen Sinn) können heute gar nicht funktionieren, damals gab es in Athen etwa 25.000 Einwohner, von denen nur die Patrizier und davon nicht einmal deren Frauen (insgesamt also maximal 5000) wählen durften. Alle Wähler kannten kanten sich persönlich und trotzdem ging es immer wieder schief und s gab neue Tyranneien. Bei Ländern mit vielen Millionen Einwohnern kann es also nur „repräsentative“ Demokratien geben, bei denen man davon ausgeht, dass alle Personen, welche die Partei A wählen, eine in sich repräsentative Masse sind, die eine Gruppe von Frauen und Männern der Partei A wählen, die vorgeben, für bestimmte „Fakten“ repräsentativ zu sein. Beide Gruppen (WählerInnen und diejenigen, die gewählt werden wollen) repräsentieren bekanntermaßen Meinungen, die man im Volksmund mit „nichts genaues weiß man nicht“ umschreiben könnte.
V ließ nicht locker und holte noch etwas weiter aus:
Selbst in ganz kleinen Einheiten, z.B. in einer Familie (Vater, Mutter, 3 Kinder) können gewisse Fragen zwar „demokratisch“ aber oft nicht vernünftig gelöst werden. Bei der Frage, ob es nach einem üppigen Mittagessen und anschließendem süßen Dessert zusätzlich noch Eis geben soll, würde von 3 Kindern und 2 Gegenstimmen der Eltern zu Gunsten des Eis entschieden werden. So ähnlich funktionieren die meisten Entscheidungen in repräsentativen Demokratien.
F: hmmmm…und was hast du als Vision zu bieten?
V: Hinter mir stehen die berühmtesten Frauen und Männer der Wirtschaft, der PolitologInnen und sogar Nobelpreisträger!
F: Und die können sich nicht irren?
V: Irren können sich Visionäre schon – aber Visionen sind Aussagen, die bewusst als Modelle der Realität gehandhabt werden – einige davon stimmen immer – im Gegensatz zu den Fakten der Vergangenheit, die je nach Belieben geändert werden können.
F: Hast Du uns denn gar nichts erfreulicheres anzubieten?
V: Aber ja – dass z.B. die Aktienkurse und Managergehälter wieder steigen und die Krise bald vorüber ist.
F: hmm….etwas dürftig ist das schon – ist das alles?
V: Aber nein – es wird eine Bildungsreform geben, es wird keinen Hunger in der Welt und keine Kriege mehr geben, die Klimaerwärmung wird gestoppt – es wird sogar eine neue Eiszeit geben, die Schweinegrippe wird durch eine Schweinchengrippe verdrängt, der stets von HIV Viren bedrohte Koitus wird durch einen relativ gefahrlosen Internetkoitus ersetzt werden, die Food an Drug Administration (FDA) wird Coca Cola mit Marihuana-Zusatz erlauben, Putin wird (zumindest von der orthodoxen Kirche) heilig gesprochen, Afghanistan, Pakistan, der Irak, der Iran, die Palestinenser und die Israeli und einige andere werden sich gegenseitig ausrotten, die UNO und die Europäische Union werden in ca. 300 jährigen Mammutsitzungen prüfen, wie so etwas geschehen konnte,...
F: Halt.. so gut klingt das alles ja gar nicht!
V: Die bisher von Historikern beschriebenen Fakten waren ja auch nicht alle gut – sogar Jörg Haider musste sein Leben lassen. Visionen sind eben nicht definitionsgemäß gut, sie sind nur wirklichkeitsnäher.
F: Und wann passiert das alles, was du da aufgezählt hast?
V: Was für eine kleinkarierte Frage! Visionen passieren entweder nie, oder irgendwann – im übrigen geht es bei Visionen ja nicht darum, was behauptet wird, wir brauchen uns daher auch nicht um eine fragwürdige Aussagelogik oder „verifizierte Sachverhalte“ kümmern – was ist bei Fakten schon verifizierbar – außer, dass Kühe vier Beine haben?
Anm.: Während mir Visionen jetzt fast täglich über den Weg laufen, haben sich Fakten fast gänzlich der Öffentlichkeit entzogen – nicht einmal die früher dafür zuständigen Medien berichten noch über Fakten, sondern nur über das, was wir für Fakten halten sollen.
(Alfred Rhomberg)
am 19.11.2009 00:49










