
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe: Gedankenlyrik
Bildquelle: Spiegel: Gedankenlyrik A. Rhomberg
Gedankenlyrik (verwandt mit dem Begriff Sentenzen) ist eine besondere Form von Lyrik, bei der Gedanken relativ kurz dargestellt werden. Sie unterscheidet sich von anderen Formen der Lyrik – insbesondere von der „Erlebnislyrik“ dadurch, dass bei letzterer erlebte Begebenheiten durch eine persönliche Ausdrucksform der Sprache und Metaphern (Bilder) beim Leser ähnliche Emotionen auslösen sollen, wie sie der/die Verfasser/In empfand.
Gedankenlyrik unterscheidet sich ferner von den noch prägnanter formulierten Aphorismen, die ich zwar ganz gerne lese, aber wegen des oft darin versteckten (oder offenen) Zynismus eigentlich nicht mag – ich versuche bei aller gelegentlich anklingenden Ironie in meinen Essays oder Gedichten Zynismus grundsätzlich zu vermeiden.
Ich habe mich in den letzten Jahren immer mehr jener Kurzform der Gedankenlyrik zugewendet, weil es einen besonderen Reiz darstellt, im Gegensatz zu Essays, mit deutlich weniger Worte auszukomme. Ziel ist, eine Gedankenkette anzustoßen, die dem Leser zudem mehr Phantasie erlaubt, Gedanken anders zu interpretieren, als dies vielleicht beabsichtigt war. Im Extremfall (wie im Blogbild: Spiegel) ist es mir sogar recht, wenn durch wenige Worte eine völlig andere Gedankenkette angestoßen wird – Hauptsache Leser/Innen denken nach.
Bei meinen Formen sind gelegentlich lyrische Elemente zu finden – eines ist sicher – zum Lyriker eigne ich mich (im Gegensatz zu meiner Tochter, die neben ihrem Hauptberuf sehr erfolgreiche Lyrik schreibt) nicht. Im Genre Lyrik laufen mir meist die Gedanken davon. Auch bei meinen Bildern steht – selbst bei meinen abstrakten PC-Grafiken oder Acrylbildern, selten eine Emotion im Vordergrund, eher sind es ästhetische und kompositorische Aspekte. Diejenigen, die mich kennen, verstehen, dass ich mich dem „Konstruktivismus“ eines Lyonel Feiniger oder Victor Vasarely besonders in der Jugend näher gefühlt habe, als dem deutschen Expressionismus.
Eines haben Lyrik oder meine gedanklichen Sentenzen (ich nenne sie einfach Gedankenlyrik) gemeinsam: es kommt auf jedes Wort, den Zeilenumbruch, die Zeichensetzung – also ganz wesentlich auf die gesamte Form an. Das geht soweit, dass ich besonderen Wert darauf lege, bei Gedankenlyrik im Schrifttyp Verdana zu schreiben, während ich sonst (bei meinen Essays) Times New Roman vorziehe. Bei den inzwischen mehreren Hunderten solcher Sentenzen habe ich ständig herumkorrigiert und finde auch ständig immer wieder Fehler, die mich erheblich stören, d.h. ich mache es mir nicht sehr leicht. Ziel wäre es, dass die Leser/Innen das nicht merken.
Dazu ein Bonmot, dass ich am 31.3.08 im Radiokolleg von Ö1 zum Thema Lyrik für sehr treffend fand (frei aus der Erinnerung zitiert):
Zwei Lyriker treffen sich, ein Lyriker fragt einen anderen Lyriker: Was hat du gestern gemacht? „Ich habe den ganzen Tag damit verbracht, ein Komma an eine Stelle zu setzen, wo ich es für notwendig hielt“. Noch einmal der erste Lyriker zum anderen: und was hast Du heute gemacht? „Heute habe ich den Tag damit verbracht, das Komma wieder zu entfernen“.
Zum Abschluss zwei kurze Gedichte, die ich beide auf der selben Seite publiziert habe. In Eisenbahn I überwiegt die gedankliche, in Eisenbahn II die lyrische Komponente.
Eisenbahn (I)
Häuser, Berge und Kamele (in Tirol selten)
werden an mir vorübergezogen
- dass sich dieser Aufwand lohnt?
Oder habe ich da etwas mit der Relativitätstheorie nicht ganz verstanden?
Eisenbahn (II)
Kurz vor Mittenwald betrachten drei Rehe
das vorbeisausende Ungetüm.
Sie haben keine Angst – fast machen sie den Eindruck,
mitfahren zu wollen, um zumindest ein einziges Mal
ins schöne Inntal zu schauen.
(Alfred Rhomberg)



