
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Gesellschaft ohne Wertvorstellungen
Bildquelle: A.Rhomberg
In den letzten vierzig Jahren gibt es sehr konträre Meinungen zu diesem Thema. So findet man in der Literatur seit den 70-iger Jahren u.a. die Ansicht Ronald Ingolds, der eine Abwendung von materiellen zugunsten immaterieller Werte sieht, was letztlich zu höherer Freiheit und höherer Engagementbereitschaft führen würde. Im Gegensatz dazu stellt Elisabeth Noelle-Neuman seit 1968 einen kontinuierlichen Werteverfall fest. Abgesehen davon, dass solche Aussagen immer auf Befragungen beruhen und ganz wesentlich von der Auswahl der Befragten abhängen, sind die Schlussfolgerungen ohnehin nicht sehr aussagekräftig, weil viele der Befragten jenem Zeitgeist unterworfen sind, der je nach Person, entweder positiv oder negativ gesehen wird. Wertebegriffe müssen daher in einem wesentlich allgemeineren, ursprünglicheren Sinn betrachtet werden.
Jede Kultur ist durch die Schaffung von Werten geprägt. Selbst in ihrer ursprünglichsten Form, dem Kultivieren von Acker und Boden, war das Ergebnis etwas, das als Nahrung zum Überleben einen Wert für den Menschen darstellte. Mit den wachsenden Aktivitäten des Menschen wurde seine Kultur vielfältiger und die Wertvorstellungen komplizierter. Da es keine „absoluten“ Werte gibt und jede Gesellschaft die ihrer Zeit entsprechenden Wertvorstellungen entwickelt, wird die Frage, was wir als Wertvorstellungen gelten lassen wollen umso schwerer beantwortbar, je differenzierter eine Gesellschaft ist. Das gilt in besonderem Maße für Wertvorstellungen der europäischen Kultur, die sich wegen ihrer Vielfalt an Höhen und Tiefen, einer objektiven Bewertung entziehen. Die abendländische Kultur ist ein Wertekanon von ca. 2500 Jahren Kulturgeschichte unterschiedlicher Kulturlandschaften, der von den Ursprüngen antiker Werte (Griechentum) ausgeht, seine wesentlichen Wurzeln im Christentum hat und durch den Humanismus bzw. die Aufklärung jenes Menschenbild formte, das durch die Demokratisierung der europäischen Länder heute unsere Wertvorstellungen prägt. Dieses Gesamtbild umfasst längst nicht mehr die Kerngebiete des Abendlandes, sondern wird immer mehr auch zum Leitbild anderer Kontinente, deren eigene Kulturen zunehmend von der europäischen Kultur beeinflusst, wenn nicht sogar verdrängt werden. Da die menschliche Natur offenbar keine kontinuierliche Entwicklungen zulässt und eher nach dem Schema These-Antithese-Synthese (sprich: Revolution-Gegenrevolution-Ausgleich) funktioniert, verläuft dieser Prozess nicht geradlinig. Daraus erklärt sich, dass die einzelnen Zeitabschnitte von jeher sehr unterschiedliche Wertvorstellungen aufwiesen. Zu jeder Zeit hat es „unwerte“ Wertvorstellungen gegeben, d.h. Werte, die andere nicht als solche bezeichnen. In der jüngeren Zeitgeschichte seien hier die Wertevorstellungen des Nazi Regimes oder der Sowjetunion genannt. Darüber hinaus gibt es in zunehmendem Maße auch Wertkonflikte, z.B. der Konflikt zwischen Wohlstand und Nachhaltigkeit. Es wäre Heuchelei, wenn man sich heute besonders auf seine individuelle Freiheit, die ja im Prinzip mit fast allen anderen Werten in Widerspruch steht, berufen würde. Der Wunsch nach individueller Freiheit besteht bekanntlich seit einigen Jahrhunderten und ist heute noch immer so problematisch wie vor einigen Jahrhunderten.
Wenn man von dieser Problematik absieht, bestand der eigentliche „Wert“ unserer Kultur bis jetzt darin, dass sich die Menschen nach der Bewältigung von Krisen, immer auf bereits vorhandene „positive“ Werte (was immer man auch darunter verstehen mag) – und wenn auch nur vorübergehend – besinnen konnten und dadurch Zeit für eine Neuausrichtung hatten. Es ist wie bei einem guten Elternhaus von dem ein Mensch oft erst in späteren Lebensjahren profitiert, wenn Lebenskrisen zu bewältigen sind.
Der moderne Mensch stellt Wertbegriffe – ohne viel darüber nachzudenken – grundsätzlich in Frage und bezieht sich dabei nicht auf die philosophische Problematik von Wertvorstellungen. Er wendet sich ganz einfach von allem ab, was unbequem ist, von tradierten Glaubensgemeinschaften ebenso, wie von Bildungsidealen, gesellschaftlichen Lebensformen oder der Übernahme von Pflichten und Verantwortung. Viele, die aus einer christlichen Kirche austreten, wenden sich anderen spirituellen Vorstellungen zu, die sie nicht wirklich kennen. Der häufig genannte Grund vieler Menschen aus der Kirche auszutreten „die Kirche gäbe ihnen nichts mehr“, deutet auf den zunehmenden Egoismus unserer Zeit hin, in der es immer üblicher wird, Dinge abzulehnen, die „mir“ der Einzelperson nichts geben, ohne darüber nachzudenken, dass „ich“ (als Einzelperson) immer nur Teil einer Gesellschaft bin und mir eigentlich die Frage stellen sollte: was gebe ich der Gesellschaft? Ähnlich ist es mit dem Begriff „Bildung“, die heute in wachsendem Maß mit dem Begriff „Ausbildung“ verwechselt wird. Dabei wird leicht übersehen, dass Bildung im allgemeinsten Sinn für eine Gesellschaft äußerst wichtig ist und dass derjenige, der Bildung und nicht nur Ausbildung genossen hat, immer auch etwas zurückgibt, indem er sein persönliches Umfeld positiv gestaltet. Ausbildung wird zwar immer wichtiger, aber eigentlich nur deswegen, weil sie berufliche Notwendigkeit ist. Dass Bildung im früheren Sinn mehr als eine Idealvorstellung verstaubter Gymnasien oder Universitäten war, wird erst durch ihren Mangel erkennbar und was die neuen Lebensformen betrifft, so sind sich die meisten Menschen nicht bewusst, dass sie in ein vollkommen unbekanntes Terrain vorstoßen, dessen Konsequenz allenfalls absehbar, aber kaum vernünftig ist. Dieser Trend lässt sich inzwischen kaum mehr als vorübergehende modische Zeiterscheinung abtun.
Selbstverständlich ist die Frage erlaubt, wer oder welche Institution darüber entscheidet, was „vernünftig“ ist. Diese Frage ist nur mit der Feststellung beantwortbar, dass sie imgrunde nicht wirklich beantwortbar ist und genau an diesem Punkt gewinnt das an Bedeutung, was als „abendländische Kultur“ bezeichnet wird. Zwar kann keine Kultur für sich den Anspruch erheben, die passende Antwort auf alle Fragen zu haben, Hochkulturen liefern aber Denkansätze und Wissen über etwas, was sich bewährt bzw. nicht bewährt hat.
Wer einen derartigen geistigen Kulturraum verlässt, betritt einen leeren Raum ohne Zielvorstellungen, in dem er sich leicht verirren kann. Das Wesen der abendländischen Kultur unterscheidet sich ja gerade von anderen Kulturkreisen dadurch, dass sie Freiräume nicht verbietet, die Menschen jedoch davor bewahrt, ins Vakuum der Ziellosigkeit zu stürzen.
(Alfred Rhomberg)
am 22.05.2008 01:47
