
eZine von Alfred Rhomberg
Igler Reflexe - Grenzen (II) - Politische Grenzen
Bildquelle: Unangenehme Erinnerungen (PC-Grafik A. Rhomberg)
Politische Grenzen hat es immer gegeben, sie sind eine evolutionäre Hinterlassenschaft mit dem Zweck, bei Tieren das für sie überlebensnotwendige Terrain einer Gruppe zu einer anderen Gruppe der gleichen Tiergattung abzugrenzen. Wir Menschen haben evolutionsbedingt diese Hinterlassenschaft übernommen, obwohl uns der Verstand eigentlich lehren sollte, dass solche Terrainabgrenzungen nicht nur unnotwendig, sondern sogar schädlich sind. Dass sie trotzdem unsere Geschichte so stark beeinflusst haben. liegt daran, dass es nicht auf die Bevölkerung eines Terrains, sondern deren Machthaber ankommt, die ohne „Terrain“ und ohne Bevölkerung keine „Machthaber“ wären. Der in diesem Zusammenhang berühmte Satz „Wenn du den Rubikon überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören (Orakel von Delphi als Rat an den Lydierkönig Krösus) hat sich in der Geschichte immer wieder bewahrheitet. Ob Perserkriege gegen das antike Griechenland (400-500 Jahre v. Chr.), die Kriege Roms gegen die Gallier, die Kreuzzüge, die ständigen Kriege zwischen Frankreich und England oder aber der Krieg Hitlers gegen so ziemlich alle – immer hat der Verstand versagt und die Macht einzelner gesiegt (oder verloren). Platon hatte sicher Verstand – jedoch vermutlich wegen der idealistischen Vorstellungen in seinem politischen Hauptwerk „Politeia“ nie etwas bewirkt. Eine nach seinem Tod vervollständigte Edition seines zweiten Staatsentwurfes („Gesetze“, 350 v. Chr.) war zwar theorieferner und praxisbezogener, hatte aber ebenfalls keine nachhaltigen Wirkungen, ebenso wenig wie später das idealistische Konzept von „Utopia“ (Thomas Morus, erschienen 1516).
Es gibt viele Glaubensgemeinschaften, die den Krieg ebenfalls ablehnen und Aktivisten, die fast mehr Kriege bewirkt, als verhindert haben –
FACIT: Weder durch Verstand, Idealismus oder Aktivismus lassen sich Kriege vermeiden!
Der Primat der Wirtschaft
Heute ist die EU ein Hoffnungsschimmer, weil sie zumindest in einem kleinen Teil der Welt dazu beiträgt, unnotwendige Kriege zu vermeiden und sie wird in dem Maße, wie es ihr gelingt, wirtschaftliche Macht (im Verband demokratischer Länder) zu erlangen, auch dazu beitragen, durch die internationale Vernetzung der Wirtschaft (heute meist nur geringschätzig „Globalisierung“ genannt) Kriege zwischen Machtblöcken sinnlos zu machen. Zugegeben, derjenige der durch die Globalisierung seinen Arbeitsplatz verloren hat, mag die Globalisierung verfluchen, die vielen Millionen, die in Kriegen, ihr Leben verloren haben, können nicht einmal mehr fluchen. Noch ist dieses zukünftige Kapitel der Geschichte nicht zu Ende geschrieben und es ist nicht sicher, wie ein solches Kapitel rückwirkend einmal aussehen wird, es besteht aber die Hoffnung, dass dem wenig geliebten „Primat der Wirtschaft“ doch vielleicht etwas mehr Bedeutung zukommt, als dem „Primat des Verstandes“, der (wie beschrieben) nie Kriege vermeiden konnte. Ich weiß – das tut weh, aber ich hatte in „Grenzen (I)“ bereits angedeutet, dass ich kein Idealist, jedoch ein Mensch mit Idealen bin, von denen ich weiß, dass meine Ideale „Ideale“ bleiben werden, gerade weil ich die Tücken des „Verstandes“ kenne. Schon eher bekenne ich mich zum Attentismus – wenn auch nicht in allen Bereichen des Lebens – sondern im Sinne der Wirtschaftlehre, weil oft das Abwarten ein prinzipielles Agieren zur rechten Zeit nicht ausschließt.
Das Wesentliche zu politischen Grenzen wäre damit eigentlich gesagt, nachfolgend möchte ich trotzdem einige persönlich erlebte Beispiele zur Unsinnigkeit politischer Grenzen der unmittelbaren Vergangenheit wachrufen, weil sich die heranwachsenden Generationen vielleicht nicht mehr vorstellen können, was politische Grenzen an Trennendem sogar zu unseren Nachbarländern vor nicht so langer Zeit bedeuteten. Manches mutet heute grotesk an, ich kann jedoch versichern, dass mir selten zum Lachen zumute war, wenn man sich ohnmächtig fügen musste. Die folgenden Beispiele sollen auch nicht als biografische Details meines Lebens aufgefasst werden, man schreibt einfach authentischer über Dinge, die man selbst erlebt hat.
Anm.: Wer die Problematik früherer Grenzen noch in Erinnerung hat, braucht an dieser Stelle nicht mehr weiter zu lesen.1946: Als „befreiter“ Österreicher durfte ich, durch Kriegswirren seit 1943 mit der Familie nach Sachsen verschlagen, die russisch besetzte Zone 1946 legal verlassen. „Legal“ bedeutete damals, eine sechswöchige Odyssee (durch mehrere russisch kontrollierte Lager), in welchen ich als 10 Jähriger mit dem Anblick unzähliger Toten konfrontiert wurde – schockierend, obwohl mir der Anblick durch die vorangegangenen drei Jahre nicht ganz unbekannt war. Beim Eintreffen im ersten amerikanischen Lager wurde ich förmlich in DDT gebadet und anschließend 14 Tage lang mit Nahrungsmitteln versorgt, sodass ich heute vielleicht einer der wenigen Österreicher bin, die ein schriftliches Dokument besitzen, „genährt und von Ungeziefer befreit“, dem Österreichischen Staat „übergeben“ worden zu sein.
1954: Eine Reise nach Deutschland mit der sogenannten „Identitätskarte“ (anstelle eines Passes) und vielen Papieren für jede durchreiste Zone, zeigte, dass sich hinsichtlich der Bürokratie noch nicht viel geändert hatte.
1956: ich verdiente damals meine Studienkosten als Jazz-Musiker (es gab zu dieser Zeit keine Stipendien, wohl aber Studiengebühren, Kolleggelder sowie die Kosten für Geräte und Chemikalien des Chemiestudiums). Bei der Reise von Innsbruck in das ebenfalls tirolische Erwalder Zugspitzhotel musste der Zug deutsches Terrain durchfahren, wobei sich herausstellte, dass mein Bruder seinen „ersten“ Reisepass vergessen hatte. Es bedurfte sehr viel Überredungskunst, meinen Bruder neben den mitgeführten Musikinstrumenten als „nicht zu verzollenden Gegenstand“ in meinen Pass eintragen zu lassen, und ich verpflichtet war, ihn (und alle Musikinstrumente) wieder nach Österreich zurückzuführen. Diese Vorgangsweise war damals sicherlich behördlich nicht korrekt, hat uns aber unsere Musikergage gerettet.
1961: Visumzwang für Österreicher zur Einreise nach Italien. Wegen der Sprengstoffanschläge in Südtirol durch einige radikale Südtiroler die von radikalen Gruppen aus Nordtirol und Bayern unterstützt wurden, durfte man plötzlich nur noch mit Visum nach Südtirol bzw. Italien einreisen, was insbesondere für uns Tiroler schmerzlich war. Auf einer Urlaubsreise mit Studienfreunden wurden wir im gleichen Jahr an der italienischen Grenze für 30 Minuten an die Wand gestellt, weil eine ganz normale Taschenlampe sehr aufwendig untersucht wurde, ob es sich nicht um einen „Zünder“ handelte. Der im Visum vermerkte Eintrag „Chemiestudent in Innsbruck“ war offenbar keine besondere Empfehlung. Auf der Rückreise verließen wir in der Nacht völlig übermüdet das Auto, um uns im Gras etwas auszuruhen – ein Grund, auf uns zu schießen, weil wir nicht bemerkt hatten, dass sich ca. 500 Meter entfernt ein nicht beleuchtetes Wasserkraftwerk befand.
1964 war die erste Reise mit meiner Frau zu ihrem Vater nach Budapest ein Angsttraum (ihr Vater hatte als Mediziner keine Ausreisebewilligung zu unserer Hochzeit bekommen. Wegen der ungarischen Herkunft meiner Frau, die als Kind beim Ungarnaufstand 1956 aufgrund des Rates ihres Vaters aus Ungarn flüchtete), hatten wir diese Reise mit gemischten Gefühlen angetreten, obwohl meine Frau durch unsere Heirat ja österreichische Staatsbürgerin war, jedoch ihre ungarische Staatsangehörigkeit wegen eines für uns damals enormen „Lösegeldes“ nicht an den ungarischen Staat abgegeben hatte. Glücklicherweise waren die ungarischen Grenzbeamten damals wesentlich freundlicher als ihre österreichischen Kollegen. Angst machte mir die Reise auch, weil ich aus eigenen Erfahrungen eigentlich beschlossen hatte, niemals mehr in ein Land zu reisen, dessen Grenzen mich durch Wachtürme einluden, solchen Ländern fern zu bleiben und wo am Grenzübertritt nach Ungarn an den Bahngeleisen Soldaten mit angeschlagenem Maschinengewehr auf uns zielten. Als „freier“ Österreicher war es mir auch unsympathisch, dass ich in Budapest meinen Reisepass im Polizeihauptkommissariat während meines Aufenthaltes hinterlegen musste.
1971 erlebte ich dann in Ungarn die erste wirklich groteske Situation, an der ich wegen einer mir nicht bewussten Passformalität allerdings selbst schuld war. Ich musste einen für mich wichtigen wissenschaftlichen Kongress in Budapest besuchen, das war für Österreicher mit einer im Pass vermerkten deutschen Arbeitserlaubnis und Visum eigentlich kein besonderes Problem. Dass es trotzdem zum Problem wurde, lag an der „österreichischen Zwickmühle der Bürokratie“ – ich kommen noch darauf zurück – bei der mir (als Auslandösterreicher) die österreichische Botschaft in Budapest nicht helfen durfte, weil für mich nur das österreichische Generalkonsulat in München zuständig war. Ich musste, weil es in Budapest keine deutsche Botschaft gab, Kontakt mit dem französischen Konsulat aufnehmen, das in direktem Kontakt mit dem Außenministerium in Bonn meine Wiedereinreise nach Deutschland ermöglichte.
Österreichische Passprobleme in den 80 iger Jahren – „die österreichische Zwickmühle“
Österreich ist – im Gegensatz zu anders lautenden Meinungen – ein mindestens ebenso korrektes Land wie Deutschland – oder noch korrekter! Meine Tochter, die als Auslandösterreicherin zu dieser Zeit in Wien studierte, beging das Verbrechen, sich in der Wiener U-Bahn ihre Tasche und ihren österreichischen Reisepass stehlen zu lassen.
Wie immer war es für Auslandösterreicher unmöglich den Reisepass in Österreich neu ausstellen zu lassen, weil nur das Generalkonsulat in München dafür zuständig war. Zudem waren inzwischen auch österreichische Eltern nicht mehr berechtigt, Schriftverkehr für Kinder über 18 zu führen. Meine Tochter hätte da wohl schon (ohne Pass!) nach München reisen müssen (???). Durch schriftliche Vollmacht unserer Tochter gelang es mir, einen neuen österreichischen Pass für sie in München zu erwirken, den sie dann als Einschreibebrief in Wien ohne Pass allerdings nicht ausgehändigt bekam (österreichische Personalausweise oder andere identitätsbeweisende Dokumente waren für Auslandösterreicher nicht erlaubt). Meine Tochter befand sich also in einer Zwickmühle, der sie dann mit großem Aufwand irgendwie nach österreichischer Manier und entsprechendem Schriftverkehr entkam.
Passprobleme innerhalb von Ostblockstaaten.
Zwei gültige Pässe zu besitzen war für Österreicher (mit wenigen Ausnahmen) nie erlaubt. Das Problem, einen wissenschaftlichen Kongress zuerst in Budapest und anschließend in Prag zu besuchen, war für Österreicher daher praktisch unmöglich, weil man mit einem ungarischen Visum nicht in die damalige „Tschechei“ (und umgekehrt) einreisen konnte – die Aversion der beiden Länder war geschichtsbedingt einfach zu groß. Meine deutschen Kollegen erhielten aus diesem Grunde zwei Pässe, was zwar auch nicht üblich, aber immerhin möglich war. Die innerhalb des Ostblocks damals beobachteten Passprobleme erinnern mich sehr an die heutige Pass-Problematik von Touristen, die mit einem palästinensischen Visum im Pass anschließend einen Israelbesuch machen wollen (und umgekehrt).
Anm: Angehörige von Ostblockstaaten durften sich (mit Visum) innerhalb des Ostblockes „frei“ bewegen – vermutlich weil ein entsprechendes Visum durch die STASI oder verwandte Polizeiapparate belegte, dass es sich um keine Kollaborateure des Westen handelte. Deutsche oder österreichische Wissenschaftler galten immer als gefährlich, weil sie aus Ostsicht ausschließlich in den Ostblock reisten, um wissenschaftliche Ergebnisse auszuspionieren. Es hatte sich zu dieser Zeit noch nicht im Ostblock herumgesprochen, dass es weder in der Tschechei noch in Ungarn irgend etwas wissenschaftlich Ausspionierbares gab, weil man dort allenfalls kopierte ausländische Erfindungen hätte ausspionieren können.
Probleme Schweiz–USA
Solche Probleme gab es nur bis 1973, könnten jedoch jederzeit wieder aktuell werden, weil die Abschaffung der Wehrpflicht in den USA nur „ruht“. Ein Schweizer, der sich vor 1973 entschloss in die USA zu übersiedeln, musste dort zur „Naturalisierung“ bekanntlich zuerst die Wehrpflicht ableisten. Damit hätte er sein ursprüngliches Heimatland (auch besuchsweise) nie wieder betreten dürfen, weil das Ableisten des Wehrdienstes in einem fremden Land in der Schweiz strafbar ist.
Überall in der Welt (außer innerhalb der EU) gibt es vergleichbare Grenzprobleme, man sollte sich daher nicht allzu sehr ärgern, wenn bei der Einreise in die USA ärgerliche, jedoch an sich harmlose (und vermutlich wichtige) Grenzformalitäten notwendig sind.
(Alfred Rhomberg)
am 07.03.2008 01:05
